Vor 50 Jahren

Allgemeines Deutsches Musikfest im Meinungsstreit


(nmz) -
[…] Wenn ein Festival primär der Begegnung „der Fachleute“ dienen soll, dann ist das im Zeitalter des Telefons und der Schallplatte so unsinnig wie der Reflex auf ein „großes“ Publikum. Die erste Alternative fördert die Inzucht und Langeweile, wie sie bei allen Festivals herrscht, die vornehmlich für die Beteiligten selbst abgehalten werden. Die zweite Alternative ist eine Fiktion, solange kein Mensch darüber nachdenkt, was denn dies „große“ Publikum ist.
Ein Artikel von Konrad Boehmer

Es geht nicht darum, mittels Festivals auf die Suche nach einem großen Publikum zu gehen, sondern es geht – vor allem in der Bundesrepublik – darum, die Voraussetzungen für die Abschaffung des „Musikalischen Analphabetismus“ zu schaffen, der heute noch von vielen für den Durchschnittsgeschmack gehalten wird, dem man sich halt anpaßt. Erst wenn ein Publikum wirklich ein musikalisches Publikum ist, hat es Sinn, diesem Publikum Musikfestivals zu bieten. Das Allgemeine Deutsche Musikfestival trägt seiner Programm-Struktur nach dazu bei, die musikalische Dummheit noch zu fördern.

[…] Also, ob man nun brav sitzen muß oder ob man mit einer Cola-Flasche in der Hand herumspazieren darf, mich langweilt das eine so wie das andere. Da wird an den Attituden des Publikums herumgebastelt, weil einem musikalisch nichts mehr einfällt. Nichts Faderes, als „offene“ Konzerte, bei denen nur die Türen offen sind, die Musik aber niet- und nagelfest verschlossen bleibt. Die offenen Konzerte, die ich in der Bundesrepublik gehört habe, haben mir – im Gegensatz zu Erfahrungen in anderen Ländern – allesamt den Eindruck gegeben, daß deutschen Musikern nichts anderes einfällt, als mangels wirklicher Demokratie (die sie mit Musik alleine natürlich nicht herstellen können) demokratische Sandkastenspiele zu arrangieren. Die Frage der Konzertform kann ausschließlich von der musikalischen Produktion her entschieden werden. Ich will, wenn ich eine Schumann-Sinfonie höre, auch heute noch durch meine Nachbarn im Publikum in Ruhe gelassen werden. Wo Stücke jedoch wirklich daraufhin angelegt sind, daß das Publikum sich „frei“ bewegen und akustisch äußern kann, da gibt es meines Erachtens überhaupt keine Frage: die Stücke müssen halt adäquat aufgeführt werden, anders sind die Organisatoren zur Rechenschaft zu ziehen. […]

In einer Zeit, wo MdB Dichgans sich öffentlich ereifern kann über den Mangel an deutscher Gesinnung im Opernbetrieb und wo die Gema schon wieder – wie 1933 – die Sender zu kontrollieren beginnt, ob sie etwa auch genug deutsche Musik senden, sind Hämmer nötig, um einigen unverbesserlichen musikalischen Nationalisten ihr verdammtes Deutschtum aus den Schädeln zu schlagen, nicht aber Musik, die unter einen Begriff („deutsch“) willig sich einordnen läßt, den sie spätestens seit Bruckner mit eigenen Mitteln nicht mehr erfüllen kann, – Gott sei Dank. […]

Konrad Boehmer, Neue Musikzeitung, XIX. Jg. 1970, Nr. 3 (Juni/Juli)

 

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