Wer selbst musiziert, hört mehr

Erstes Treffen der Landesjugendensembles für Neue Musik


(nmz) -
Jugendensembles für Neue Musik – eine aufstrebende Bewegung? Unter diesem Motto diskutierten am 16. November die Leiter von Landesjugendensembles mit Experten bei einem Symposium. Die mit Jugendarbeit sehr erfahrene Oboistin und Komponistin Cathy Milliken hatte einen umfangreichen Fragenkatalog zusammengestellt. Nachdem die einzelnen Ensembles durch ihre Leiter vorgestellt worden waren und diese ihre jeweilige Motivation benannt hatten, umkreiste die Diskussion bald die Frage, warum die Neue Musik immer noch ein Sonderfall ist. Warum spielt sie in den Musikschulen immer noch eine Außenseiterrolle? Junge Instrumentalisten, die zu den Landesjugendensembles finden, wurden in der Regel nicht durch die Musikschulen, sondern durch die Schule oder privaten Musikunterricht zur Neuen Musik hingeführt.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Peter Veale, der Leiter des „Studio musikFabrik“, des Landesjugendensembles für Neue Musik NRW, berichtete von der großen Neugier der Jugendlichen, die bei Neuer Musik sich zu öffnen lernten. Bei den Proben sollte man aber, so der Komponist Dieter Mack, nicht nur auf die einzelnen Werke, sondern auch auf ihre Kontexte eingehen. Welche Stücke sind überhaupt geeignet für Jugendliche? Johannes Hildebrandt vom Landesjugendensemble für Neue Musik Thüringen meinte, viele Werke seien zu schwer. Es habe sich bewährt, wenn junge Komponisten speziell für diese Ensembles komponierten und sich dabei „erdeten“. Während einige Teilnehmer einen Erfahrungsaustausch über geeignete Werke und die Schaffung einer nach Schwierigkeitsgrad geordneten Datenbank anregten, meinte Thomas Oesterdiekhoff, der Intendant des Ensemble musikFabrik, fast alle Werke seien für Jugendensembles geeignet. Einen Erfahrungsaustausch hielten aber alle für sinnvoll.

Beim Thema Finanzierung tauchte der Wunsch nach eigenen Fördervereinen auf. Man müsse aber auch die Politiker für Neue Musik interessieren. Außerdem seien Kompositionsaufträge Pflicht. Als wichtigste Aufgabe der Landesjugendensembles bezeichnete Winrich Hopp, der Künstlerische Leiter des Musikfests Berlin, die Heranbildung des Publikums. Musikhörer, die selbst musizieren, verstehen mehr. Während Hopp vor allzu jugendgemäßen Programmen warnte, empfahl der Kritiker Gerhard R. Koch, die Verbindung zur Popmusik nicht ganz zu vergessen.

Landesjugendensembles für Neue Musik gibt es bislang in sechs Bundesländern, in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Rheinlandpfalz/Saar und Berlin. Das erste Treffen aller sechs Ensembles war nun vom Ensemble musikFabrik organisiert worden. Dem Symposium folgten im Berliner Umspannwerk Alexanderplatz mehrere von Cathy Milliken moderierte Konzerte vor einem allerdings nur kleinen Zuhörerkreis. „chiffren“, das LandesJugendEnsemble aus Schleswig-Holstein, bot die flirrende Bewegung der „Melodien“ von György Ligeti ebenso konzentriert wie die als lärmendes Dada-Event in Szene gesetzte Komposition „con-fetti“ von Hans-Joachim Hespos. Sehr gut durchhörbar wirkte in der Abfolge von harten Schlägen und Halteklängen die Komposition „Linien VII extended“ von Johannes K. Hildebrandt, welche das Thüringer Ensemble zur Uraufführung brachte.

Jugendliche aus Berliner Schulen hatten bei einem Workshop unter Leitung von Cathy Milliken und Melvyn Poore John Whites Komposition „Drinking and Hooting Machine“ erarbeitet, die wassergefüllte Plastikflaschen in ein fahles Blasorchester verwandelte. Stärker beeindruckte die von allen Landesjugendensembles gemeinsam als differenzierte Raummusik gespielte Komposition „Form 2“ von James Tenney. Während vorher die Ensembles voneinander getrennt geblieben waren und sich jeder nur auf seinen eigenen Auftritt konzentrierte, kam es hier endlich zu einem Austausch der Musiker untereinander, wie man es sich eigentlich von einem Länderspiel erwartet. Dieser Austausch sollte intensiviert werden, kann er doch motivieren und anregen. Insofern gilt das Schlusswort von Cathy Milliken: Weiter, weiter!

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