Wertvolles schaffen

Anna Garzuly-Wahlgren ist neue Professorin für Flöte in Weimar


(nmz) -
Die Flötistin Anna Garzuly-Wahlgren wurde zum Wintersemester 2019/20 zur neuen Professorin für Flöte an die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar berufen. Die gebürtige Ungarin unterrichtet am Institut für Blasinstrumente und Schlagwerk in der Nachfolge von Prof. Wally Hase, die einem Ruf an die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien folgte. Von 1995 bis 2017 wirkte Anna Garzuly-Wahlgren im Gewandhausorchester Leipzig als stellvertretende und kommissarische Soloflötistin. Seit 2017 hat sie eine halbe Professur für Bläserkammermusik an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig inne – und ist zudem als leidenschaftliche Kammermusikerin Gründungsmitglied des Querflötenensembles Quintessenz. Jan Kreyßig sprach mit ihr über Orchestererfahrungen, die Liebe zur Kammermusik und die Kunst der Lehre.
Ein Artikel von Anna Garzuly-Wahlgren, Jan Kreyßig

Frau Garzuly-Wahlgren, in Ihrem Querflötenensemble Quintessenz erklingt auch eine Schnarrkopf-Flöte. Was ist das für ein Instrument?

Diese Flöte hat ein spezielles Kopfstück mit zwei Tonlöchern und mit Membranen bedeckte Klappen, die man öffnen und schließen kann. Geschlossen klingt sie ganz normal, doch wenn man die Klappen öffnet, dann schnarrt sie wie eine chinesische Flöte. Wir kleben die Klappen auch mal mit Tesafilm ab (lacht). Die Schnarrkopf-Flöte gibt uns bei Bedarf einen besonderen Farbtupfer.

Wie wichtig ist Ihnen das Spiel im Quintett?

Unser Ensemble Quintessenz besteht seit fast 25 Jahren. Am Anfang haben wir uns gefragt, ob die besondere Konstellation mit Piccolo- und Großen Flöten sowie Alt- und Bassflöte im klassischen Bereich wohl funktioniert – sie wird ja sonst eher im Jazz angewendet. Dabei ist das solch eine schöne Bandbreite des Klangs! Das Spielen im Quintett war und ist mir musikalisch und instrumental eine große Bereicherung. Instrumentale „Krankheiten“ kann man in den Proben besprechen und ausbügeln, dafür ist die Kammermusik in derselben Instrumentenfamilie sehr gesund. Wir verstehen uns musikalisch und persönlich sehr gut, haben ein großes Repertoire erarbeitet mit mehr als 100 eigenen Arrangements und einer ganz eigenen Klangwelt. Solche Ensembles wie unseres bereichern die normalen Konzertprogramme, ich möchte diese tolle Aufgabe nicht missen.

Sie haben als Soloflötistin im Gewandhausorchester noch Kurt Masur erlebt. Was war er für ein Dirigent?

Ja, er hat mich im Gewandhausorchester eingestellt. Ich begegnete ihm aber schon vorher in New York bei einem Hochschulorchester-Projekt der Manhattan School of Music, wo ich meinen Master gemacht habe, kurz nach der Wende. Ein halbes Jahr später saß ich dann als stellvertretende Soloflötistin in seinem Orchester. Kurt Masur hat einen sehr schönen Klang aus dem Orchester herausgezaubert, er war extrem leidenschaftlich und sehr ungeduldig. Wenn es um Präzision ging, war es nicht immer so einfach mit ihm, aber in den langsamen Sätzen war sein Temperament dafür sehr hilfreich. Es blieb immer spannend.

Was ist Ihnen aus mehr als 20 Jahren im Gewandhausorchester am Lebhaftesten in Erinnerung?

Ich habe viele tolle musikalische und persönliche Erinnerungen. Wir waren damals nach der Wende nur drei oder vier Ausländer im Orchester: ein Schwede, ein Schweizer, ein Amerikaner und ich als Ungarin. Heute hat das Orchester Musikerinnen und Musiker aus über 25 Nationen! Masurs Nachfolger Herbert Blomstedt hat mich sehr unterstützt und unheimlich präzise und ausdauernd mit dem Orchester gearbeitet. Blomstedt war sehr konzentriert und agierte immer im Dienste der Sache, ich habe ihn sehr gemocht. In den darauffolgenden zehn Jahren unter Riccardo Chailly habe ich als kommissarische Soloflötistin gespielt. Chailly arbeitete mit ungeheurer Energie und hat das Orchester regelrecht fliegen lassen. Er hat dem Orchester internationale Aufmerksamkeit verschafft, es parallel aber auch in der Leipziger Oper dirigiert. Viele unvergessliche Sternstunden trage ich im Herzen aus meiner Gewandhauszeit. Ich liebte es auch, in der Thomaskirche zu spielen, gemeinsam mit den Thomanern – und die Oper ist bis heute meine Leidenschaft geblieben.

Welche Lehrer*innen haben Ihr Flötenspiel besonders geprägt?

Ich hatte viele tolle Lehrer! An der Musikschule in Ungarn war es ein Blockflötist, der mich Krummhorn und Zink hat spielen lassen. Gemeinsam haben wir Renaissance-Kammermusik gemacht, das hat mich sehr geprägt. Mein Lehrer auf dem Gymnasium war dann ein Pionier der Alten Musik, und ich lernte viel über die Barockmusik. An der Budapester Musik­akademie hat mich Lóránt Kovács zu internationalen Wettbewerben geschickt und mit der virtuosen Flötenliteratur bekannt gemacht. Paul Meisen in München wiederum war eine absolute Vaterfigur für mich, persönlich unterstützend und musikalisch prägend. Mit Jeanne Baxtresser, der damaligen Soloflötistin der New Yorker Philharmoniker, arbeiteten wir intensiv an der Probespielvorbereitung. Direkt im Anschluss habe ich dann auch meine Stelle in Leipzig bekommen.

Und wie wollen Sie Ihre Studierenden in Weimar prägen?

Ich möchte sehr viel von dem weitergeben, was ich aus den verschiedenen Bereichen mitbringe: aus der Orchestermusik, dem Solospiel und der Kammermusik. Es gilt, die Persönlichkeit zur Entfaltung zu bringen, denn sie ist der Schlüssel zum Erfolg. Ich möchte Anteil nehmen an meinen Studierenden, sie ermutigen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und ganz viel mitzunehmen. Damit sie das, was sie erleben, in der Musik entdecken und in ihr Spiel integrieren können. Musik kommt vom Tanz, Tanz ist Gestik, und Gestik wiederum spiegelt die Gedanken und Gefühle der Komponisten wider. Die versuchen wir zu verstehen, um zu erzählen. Die Studierenden brauchen dazu natürlich auch ein gutes Handwerk, das ist wichtig, aber das allein genügt nicht. Man muss sich künstlerisch mit den Stücken auseinandersetzen, viel Musik hören, viel lesen, viel erleben. Ich erwarte natürlich auch harte Arbeit, Neugier und Fantasie! Man darf nicht nur darauf warten, dass der Lehrer etwas aus einem macht. Ich kann niemanden entfalten, der nicht selbst hart an sich arbeitet.

Sollten Ihre Studierenden an Wettbewerben teilnehmen?

Ein Wettbewerb ist nicht für jeden das Richtige, aber wenn man ein Wettbewerbstyp ist, dann ist das eine tolle Möglichkeit, sich Ziele zu setzen. Man lernt in der Vorbereitungsphase sehr viel. Ich hatte zwar immer enormes Lampenfieber, war aber selbst ein Wettbewerbstyp, da mich die große Aufgabe sehr angespornt hat. Ich musste zum Beispiel für einen internationalen Flötenwettbewerb damals 13 Stücke auswendig lernen, sie auf einem Top-Level vorbereiten und dann binnen vier Tagen bestmöglich vortragen – das prägt sehr. Manche gehen aber auch ihren eigenen Weg und ergattern ganz ohne Wettbewerbe tolle Stellen. Es ist heutzutage nicht mehr das einzige Ziel, ins Orchester zu kommen. Wir brauchen auch sehr gute Pädagogen und Kammermusiker, und es gibt auch sehr viele Mischberufe, die praktische Musikerfahrung brauchen. Die Leidenschaft für die Musik treibt uns an, und man kann mit der Flöte in vielen verschiedenen Bereichen Wertvolles schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jan Kreyßig.

 

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