Wie ein mutloser Klassikbetrieb versagt

Claus-Steffen Mahnkopf wird im Gespräch über sein neues Buch zur „Kunst des Komponierens“ grundsätzlich


(nmz) -
Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf ist als Professor an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, Herausgeber der Zeitschrift „Musik & Ästhetik“ und Buchautor eine der prägnanten Stimmen im Bereich der Gegenwartsmusik und darüber hinaus. Mit seinem neuen Buch „Die Kunst des Komponierens“, das Anfang September bei Reclam erscheint, richtet er sich bewusst an eine über Spezialzirkel hinausreichende Leserschaft. Juan Martin Koch hat mit ihm über das Komponieren heute gesprochen.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

neue musikzeitung: Auf den 15. Februar 2020 datieren Sie in einem Abschnitt zum Thema „Inspiration“ die erste Idee für Ihr neues Buch: Was genau ging Ihnen da durch den Kopf?

Claus-Steffen Mahnkopf: Ich las ein Buch von Steven Pinker, dem bedeutenden Psychologen, und stellte fest, dass er eine klassische wissenschaftliche Laufbahn durchlief, dann aber populäre Bücher schrieb, um sein Fach dem allgemeinen Publikum zu erklären. So etwas ist in Deutschland unüblich, und ich dachte mir: Warum mache ich das nicht mit meinem eigenen Beruf des Komponisten? Also die Fragen zu beantworten, was Komponieren ist und was es heißt, Komponist zu sein.

nmz: Welche Zielgruppe hatten Sie beim Schreiben im Kopf? Das Buch hat ja durchaus auch Passagen, die eine gewisse Kenntnis von Musik voraussetzen.

Mahnkopf: Das ist für die Musik heute wirklich problematisch. Wir können nicht mehr von einem allgemeinen Bildungskanon ausgehen, zum Beispiel was das Notenlesen betrifft. Deshalb finden sich im Buch keine Notenbeispiele. Weiter hinten, wenn es um die verschiedenen Ästhetiken neuer Musik geht, wird es etwas spezieller, aber so, dass es plastisch ist. Ich habe an den Klassikliebhaber gedacht, aber auch an jemanden, der aus der Popmusik oder dem Jazz kommt und wissen möchte, was der „klassische“ Komponist tut.

nmz: Hat es Ihnen Spaß gemacht, in diesem nicht streng wissenschaftlichen Stil zu schreiben?

Mahnkopf: Mit der Erfahrung meiner beiden früheren Bücher, der Biographie meiner verstorbenen Frau Francesca Albertini und der „Philosophie des Orgasmus“, wusste ich, dass ich ein solches Buch schreiben kann. Und ja: Das macht Spaß.

nmz: Sie werfen ausführliche Seitenblicke auf Literatur, Kunst und Architektur. Warum?

Mahnkopf: Kontextualisierung – es geht darum, den spezifischen Unterschied der Musik, der Musiker und der Komponisten, etwa gegenüber Malern oder Architekten darzustellen. Das macht die Musik für den Allgemeinleser plastischer, denke ich. Sie ist ja allgegenwärtig und doch sehr unbekannt.

nmz: Raten Sie jungen Menschen zum Kompositionsstudium?

Mahnkopf: Der Befund nach 20 Jahren Professur in Leipzig ist, dass es kaum noch Bewerber aus Deutschland gibt. Diese kommen aus der ganzen Welt, darunter viele Frauen. Insofern brauche ich niemandem zu raten oder abzuraten.

nmz: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Mahnkopf: Das weiß ich nicht. Meine Vermutung ist, dass es Deutschland zu gut geht, dass es kaum mehr ein Ausdrucks- und Mitteilungsbedürfnis gibt oder dass das Material erschöpft ist. Vielleicht arbeiten junge Menschen auch in anderen Bereichen: Multimedia, Elektronik, audiovisuelle Künste…

nmz: Sie schreiben in Ihrem Buch über das, was lern- und lehrbar ist, auch um den Mythos zu entkräften, Komponieren sei etwas Unerklärliches, das nur Genies gegeben ist. Sie sprechen aber auch davon, dass es „Qualität“ braucht, „Konsequenz im eigenen Programm“ und „Originalität“. Inwiefern kann man das lehren?

Mahnkopf: Im Kompositionsunterricht geht es um sehr vieles: um Handwerk, um Allgemeinbildung, aber vor allem auch um psychologische Führung: Leute aufzubauen, sie also zu ermutigen, selbständig zu werden. Das ist die Paradoxie der Pädagogik insgesamt: Der Lehrer ist nötig, damit jemand eigenständig wird. Es geht also darum, Studenten in eine Situation zu bringen, in der sie nicht nur eine persönliche Handschrift, einen eigenen Stil, ein Stilbewusstsein, sondern auch so etwas wie eine eigene Konzeption und Narration entwickeln. Das bedeutet, dass man für das, was sie sich zunächst einmal nicht erlauben oder zutrauen, Mut zuspricht.

Musik in der Isolation

nmz: Am Ende des Buches blicken Sie mit gemischten Gefühlen in die Zukunft: Einerseits seien die äußeren Bedingungen für das Komponieren günstig, andererseits befinde sich die Gegenwartsmusik in einer kulturellen Isolation. Wie kommen Sie zum zweiten, pessimistischen Teil Ihres Befundes?

Mahnkopf: Seit 40 Jahren beschäftige ich mich mit dieser Problematik, suche nach einer Möglichkeit, wie man sie analysieren, beschreiben und vielleicht sogar lösen kann. Ich darf drei jüngere Beispiele aus meiner Arbeit anführen: Erstens habe ich in meiner „Philosophie des Orgasmus“ die These vertreten, dass es keine Darstellung des Orgasmus in der Gegenwartsmusik gibt. Ich plane ein Orchesterstück dazu und habe das vielen Orchestern und Institutionen angeboten. Antworten: nahe null. Noch nicht einmal Absagen, fast völliges Schweigen. Psychoanalytisch nennt man das Verdrängung. Und das in einer Gesellschaft, in der permanent über Sexualität gesprochen wird. Was ist da los? Nur ein Festivalleiter hatte Interesse, in Österreich interessanterweise. Wegen Corona musste das dann leider ausfallen.

Zweitens: Ich plane seit vielen Jahren eine Oper zur Erinnerungskultur an die Verbrechen der deutschen Nazis, insbesondere an die Shoa. Diese Oper heißt „void“ und geht zurück auf Motive unter anderem von Daniel Libeskind. Das wäre der Beitrag eines deutschen Komponisten zur Erinnerungskultur, die in allen übrigen gesellschaftlichen Bereichen bedeutend ist. Obwohl ich mit einigen Opernintendanten darüber gesprochen habe, ist bislang kein Haus im deutschsprachigen Raum bereit, mir einen Auftrag zu geben. Hier stimmt etwas prinzipiell nicht. Unlängst hat mir ein sehr erfolgreicher deutscher Intendant geschrieben, er erwarte eine griffige Story, etwas zum Singen, und das Publikum dürfe nicht überfordert werden. Das ist die Absage an das, was man das postdramatische Theater nennt, es ist die Wiederholung des 19. Jahrhunderts und bedeutet, dass die hochfinanzierte Institution Oper statt einer Bildungs- eigentlich nur eine Vergnügungsstätte ist, während das Sprechtheater seit Schiller sich immer auch als eine Bildungsstätte betrachtet.

Drittens: Ich schreibe an meinem „Ukraine-Triptychon“ als Antwort auf den Krieg. Ich habe es 50 wichtigen deutschsprachigen Orchestern angeboten. In der Mehrzahl kam überhaupt keine Antwort, sonst meistens Absagen und vorgeschobene Gründe. Glücklicherweise schreibe ich das jetzt für das Kyiv Symphony Orchestra, das in Deutschland residiert und, wenn alles klappt, das Stück auch in der Ukraine spielen wird. Die freuen sich, aber hier macht der klassische Orchesterbetrieb weiter, als ob nichts gewesen wäre. Und das, obwohl wir seit zwei Jahren zwei Krisen erleben, die vollkommen neu sind: die Pandemie und jetzt einen Krieg schwelenden globalen Ausmaßes. Ich muss feststellen, dass der Klassikbetrieb insgesamt, also nicht nur das Festivalsystem der zeitgenössischen Musik, sondern auch die Opernhäuser und die Orchester versagen. Ich frage mich, ob die Programme einfach weiterliefen, selbst wenn Berlin durch eine Atombombe zerstört würde.

nmz: Es gab eine Zeit, da war die zeitgenössische Musik durchaus auch gesellschaftlich präsent, im Zuge der 1968er-Bewegung zum Beispiel, und auch heute werden in neuen Werken durchaus drängende Zeitfragen verhandelt, etwa bei der diesjährigen Münchener Biennale…

Mahnkopf: Ich spreche nicht von den goldenen Zeiten der 1950er bis 1980er Jahre, ich spreche vom 21. Jahrhundert. Es hat auch etwas mit der Saturiertheit zu tun. In der Nachkriegszeit war das alles neu, etwa die elektronische Musik, und es gab sehr viele mutige Begabungen. Mit der Zeit hat man seinen Frieden damit geschlossen, hat die neue Musik in einem organisierten Festivalsystem geparkt und sie damit faktisch marginalisiert. Dass auch heute in der Welt der Gegenwartsmusik Interessantes und Wichtiges passiert, ist nicht zu bestreiten, aber es findet kaum eine Resonanz. Es findet nicht im öffentlichen Bewusstsein statt. Es fehlt der Diskurs, sowohl in den Feuilletons als auch bei den intellektuellen Eliten.

Desinteresse statt Debatte

nmz: Sie schreiben in Ihrem Buch, Kunst sei nie eindeutig, ein unterschwelliges Kommunikationsangebot, aber nie direkte Kommunikation. Das gilt besonders für die Musik, denke ich. Steht das nicht im Widerspruch zu dem Wunsch, im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs eine Stimme zu erheben?

Mahnkopf: Aber es gilt: Die Musik ist und hat eine Stimme! Dazu ein Beispiel: Wir erleben seit geraumer Zeit veritables weibliches Komponieren. Zu uns kommt also eine Musik, bei der wir fragen können, ob sie anders klingt als die Musik von Männern. Die Rezeption wird einen Diskurs darüber beginnen, und wir werden in 10 bis 20 Jahren besser Bescheid wissen. Warum geschieht das nicht mit aktuellen politischen Themen und auch nicht mit der Erinnerungskultur? Dabei geht es ja um etwas, wobei die Leute eigentlich sagen müssten: Das interessiert uns, das betrifft uns, solche Aufmerksamkeit ist nötig, es könnte Erfolge zeitigen, also das, was zu wünschen wäre. Ich verstehe den Durchschnittsmanager nicht. Es heißt gerne: Wir sind über Jahre ausgebucht! Aber das ist eine Ausflucht – man ist für einige Zeit ausgebucht, danach könnte das „Ukraine-Triptychon“ durchaus gespielt werden, aber es wird nicht gewollt. Man möchte offenbar damit nichts zu tun haben, warum eigentlich? Woher diese Mutlosigkeit? Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs darüber, wie der Klassikbetrieb inhaltlich ausgerichtet ist. Bei anderen öffentlich finanzierten Kulturveranstaltungen ist das selbstverständlich, wie die Debatte um die Documenta zeigt, aber bei den Spielplänen der Opern und Orchester: allenthalben Desinteresse.

nmz: Im Theater funktioniert es, dass in kürzester Zeit Stücke zu aktuellen Zeitfragen entstehen.

Mahnkopf: Das könnte in der Musik genauso funktionieren: Der Krieg bricht aus, und sagen wir zehn Orchester beauftragen Werke, die in einem halben Jahr aufgeführt werden. Dafür nehme man einfach eine klassische Symphonie aus dem Programm… Nehmen wir ein typisches traditionsfixiertes Orchester, gleich an welchem Ort. Da wird ein Klangideal gepflegt, das aus der Zeit von vor dem Ersten Weltkrieg stammt und nicht angetastet wird. Man spielt nur neue Musik, die genauso symphonisch klingt wie die der Vergangenheit. Man hat Angst, dass, wenn nur einmal ein Streicher kratzte, das Orchester in sich zusammenbräche.

nmz: Gerne gibt man ja auch alte Stücke als „zeitlose“ Beiträge zur Gegenwart aus, aktuell etwa zum Krieg gegen die Ukraine, oder versucht die immer gleichen Opern mittels Regie als gegenwärtige zu verkaufen…

Mahnkopf: Natürlich ist es interessant und wichtig, wenn wir jetzt ukrainische Musik des 19. Jahrhunderts kennenlernen. Aber die klingt kaum anders als die russische, denn das ist ein Kulturraum gewesen. Mich würde nun interessieren, was heutige ukrainische Komponistinnen und Komponisten aus dieser Situation machen. Die werden mit Sicherheit keine schöne Symphonie in Sonatenhauptsatzform schreiben! In der Oper geht es weiterhin um Bühnenzauber, schöne Stimmen, um Liebe und Tod, die Themen des 19. Jahrhunderts. Eine Form von Modernität will man zwar doch ein klein wenig, mit einer modernen Inszenierung, die vielleicht auch den Sinn des Stückes ändert, aber die Musik mit ihren Affekten bleibt unverändert. Man erfährt aus der Musik also nichts von der Gegenwart.

nmz: Glauben Sie, dass sich in absehbarer Zeit daran etwas ändern wird?

Mahnkopf: Rein technologisch gesehen, was die Ausbildung der Musiker betrifft, die Fähigkeiten, die Institutionen, aber auch die mediale Verbreitung, sind wir heute extrem gut aufgestellt. Gleichzeitig fehlt es an entsprechendem Geist. Meine Frage ist, ob es jetzt, da es wirklich eng wird – militärisch, ökonomisch und klimatisch –, ein Umdenken gibt und man von dieser musealen Mentalität weg- und in der Welt von heute ankommt. Das wäre meine Hoffnung.

  • Claus-Steffen Mahnkopf: Die Kunst des Komponierens. Wie Musik entsteht.   238 S., Philipp Reclam jun., Ditzingen, 2022, € 26,00, ISBN 978-3-15-011355-4

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