Wie klingen welche Strukturen?


(nmz) -

Die Frage nach der Hörbarkeit musikalischer Strukturen prägt die ästhetische Debatte seit Musik nicht mehr mündlich tradiert und praktiziert, sondern mit Hilfe von Griffel, Papier, Lineal, Rechenschieber, Bildschirm und Computer imaginiert, konzipiert, fixiert und auf der Grundlage wie auch immer als Partituren vorliegender visueller Resultate interpretiert oder reproduziert wird. Übersehen werden dabei zumeist diejenigen Strukturen, welche die Produktion und Aufführung von Musik überhaupt erst möglich machen: Finanzierung, Organisation, Programmverantwortung, Veranstalter, Auftraggeber, Träger, Aufführungsort, Interpreten, Publikum, Zielgruppe, Distribution, Reichweite. Ansatzpunkte für derlei musiksoziologische Fragestellungen bietet im April der Vergleich von zwei ähnlichen und doch so verschiedenen Uraufführungsfestivals in Weimar und Witten.

Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Die „Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik“ finden vom 11. bis zum 14. April erst zum achten Mal statt. Veranstaltet werden sie ohne einen für das Programm namentlich verantwortlich zeichnenden künstlerischen Leiter vom Verein „via nova – zeitgenössische Musik in Thüringen“ und der „Gesellschaft für Neue Musik Thüringen“ in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Komponistenverband. Unterstützung kommt von Stadt, Land, mehreren Stiftungen und den Medienpartnern MDR und Deutschlandfunk.

Das Festival bietet Vorträge, Diskussionsrunden, Interpreten- und Kompositionsworkshops für Kinder und Jugendliche unter Einbeziehung einer örtlichen Musikschule und der Hochschule für Musik Franz Liszt sowie fünf Konzerte internationaler aber teils wenig bekannter Interpreten aus Frankreich, Niederlanden, Schweiz und Deutschland. Die 23 Uraufführungen stammen von zumeist unbekannten Komponisten: Johannes K. Hildebrandt, Mario Wiegand, Tobias Klich, Ludger Kisters, Pere Llompart, Karl Heinz Wahren, Blazej Dowlasz, Hubert Hoche, Helmut Lange, Constantin Popp, Christian Fischer, Falk Zenker, Eckart Beinke, Annette Schlünz, Achim Müller-Weinberg, Diego Uzal, Olaf Tzschoppe, Baldur Böhme, Julian Lembke, Ilias Rachaniotis und Caspar de Gelmini.

Die „Wittener Tage für neue Kammermusik“ dagegen haben eine lange Vorgeschichte bis in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Gefördert durch Land und Landschaftsverband werden sie seit 1969 vom Kulturforum der Stadt Witten gemeinsam mit dem Kulturradio WDR 3 veranstaltet. Die alleinige künstlerische Leitung obliegt seit 18 Jahren dem WDR-Redakteur für neue Musik Harry Vogt. Die 39. Ausgabe der Frühjahrsfachmesse für neue Kammermusik bietet vom 20. bis 22. April zwei Klanginstallationen, ein Dialog- und Filmporträt mit und über Georges Aperghis, drei Performances sowie sechs Konzerte international renommierter Interpreten.

Auch die 21 Uraufführungen stammen zumeist von international bereits bekannten Komponisten: Peter Ablinger, Oliver Schneller, Enno Poppe, Georges Aperghis, Younghi Pagh-Paan, Isabel Mundry, Walter Zimmermann, Vykintas Baltakas, Ivan Fedele, Klaus Ospald, Amanda Stewart, Stephan Froleyks, Jérôme Combier, Olga Neuwirth, Hans Thomalla, Paul Usher, Alvine Lucier, Markus Hechtle, Sun Young Pahg, Márton Illés und Bruno Mantovani.

Weitere Uraufführungen:
5.4.: Dai Fujikura, Marco Stroppa, neue Werke zum 30-jährigen Bestehen des Ircam Paris
13.4.: Markus Hechtle, Fresko, Kölner Philharmonie
15.4.: Jonathan Harvey, Sprechgesang für Oboe und Ensemble, WDR Köln
18.4.: Benjamin Schweitzer, entschlackt, Klangspuren Plus im Gasteig München
18.4.: Miroslav Srnka, neues Orchesterwerk, Heidelberger Frühling
18.4.: Sarah Bogner, Christof Dienz, Jürgen Hall, Felix Kubin, neue Werke, opera stabile Hamburg
19.–24.4.: Musik Biennale Zagreb, neue Werke kroatischer und slowenischer Komponisten
30.4.: Friedrich Cerha, Klaviertrio, Musikverein Wien

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