„Wir müssen retten, was zu retten ist“

Afghanistan, die Musik und die Musikwissenschaft


(nmz) -
Am Tag, an dem die Taliban in Kabul einzogen, holte Ustad Namir[i] seine beiden Rubab (Kurzhalslaute) hervor, beriet sich mit seiner Familie ob er die Instrumente zerstören und entsorgen, oder ob er sie auseinandernehmen und in verschiedenen Kellern verteilt verstecken sollte. Als die Taliban vor 25 Jahren zum ersten Mal die Macht ergriffen hatten, waren bekannte Musiker wie Ustad Namir die ersten, die das Land fluchtartig verließen. Wer zurückblieb, wurde gefoltert, Musikinstrumente gingen vor den Augen von Musikern in Flammen auf. Namir hatte damals fünf Jahre im pakistanischen Exil verbracht. Diesmal versteckte Ustad Namir seine Instrumente in Kabul. Kurz nach Neujahr 2022 ist er mit seiner Frau, einem kleinen Handgepäck und ohne Rubab in Deutschland eingetroffen.
Ein Artikel von Tiago de Oliveira Pinto

Meister (Ustad) Namirs Name steht zusammen mit den Namen von über 100 Musikerinnen und Musikern aus Afghanistan auf einer Liste, die am Institut für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar erstellt wurde. Somit kam er auch auf die offizielle Liste von afghanischen Kulturschaffenden des Auswärtigen Amts. Der Evakuierungsprozess dieser Personen aus Afghanistan setzte noch im November 2021 ein. Er hält weiter an und gestaltet sich mühsam.

Die Geschichte, über die nun zu berichten wäre – wie es Musikern gelingt, das Land zu verlassen, einzelne Musikerschicksale und die von Musikinstitutionen, die wertvollen Klang­archive und vieles mehr – darf noch nicht publik werden. Zu viele Menschen sind weiter in Gefahr, ihre Zukunft, selbst wenn sie auf einer der Evakuierungslisten stehen (neben Deutschland nehmen auch andere Länder bedrohte Kulturschaffende auf) ist weiterhin ungewiss. Trotz gelegentlicher Beteuerung der Taliban, glauben die afghanischen Musiker, vor allem Musikerinnen, nicht an eine „tolerantere“ Haltung der derzeitigen Machthaber. Wenige Tage nach deren Machtübernahme wurde im Norden des Landes ein namhafter Musiker aus seinem Haus gezerrt und auf der Straße getötet[ii]. Erschreckende Geschichten machen fast täglich die Runde. Die öffentliche Verbrennung von Musikinstrumenten bei gleichzeitiger Demütigung der Musiker wird immer wieder in den sozialen Medien verbreitet.

Menschen in Gefahr

Am Tag, an dem die Taliban in Kabul einzogen, musste auch am „Afghan Music Research Center“ (AMRC) des UNESCO Lehrstuhl der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar kurzfris­tig entschieden werden, wie mit den zahlreichen Musikvideos afghanischer Ensembles und einzelner Musiker, wie mit Musikdokumentationen und Berichten auf dem YouTube-Channel der Hochschule und auf der Seite des AMRC umzugehen sei. Das gesamte Video- und Bildmaterial wurde aus dem Netz genommen. Sämtliche dieser über die vergangenen zehn Jahre produzierten Dokumente zeigen Musizierende, die heute in Afghanistan um ihr Leben bangen. Musikerinnen und Musiker auf Musikvideos, das Resultat langjähriger Forschungszusammenarbeit, sind direkt identifizierbar. Dem musste vorgebeugt werden.

Kaum etwas symbolisiert deutlicher die Anwesenheit der Taliban an der Macht wie das Verstummen der Lautsprecher in der Öffentlichkeit. Seit ihrem Einmarsch in Kabul hallt kein Gesang mehr von den Plätzen durch die Straßen, kein Saitenklang von Rubab und Tambur ertönt mehr aus den Fenstern der Häuser und Wohnungen. Auch kein Popsong auf Dari oder Paschto animiert jugendliche Zusammenkünfte. Selbst das Autoradio darf auf keinen Musiksender eingestellt sein. Diese jähe „Musiklosigkeit“ der Menschen nahm die erste öffentliche Verlautbarung des designierten Ministers für Kommunikation und Sitten wenige Tage nach Machtübernahme der Taliban vorweg: „Mosiqi haram ast!“ (Musik ist verboten).

Das Jahr 2021 wird fortan für das große Scheitern der Weltgemeinschaft im Hinblick auf Afghanistan stehen. Die Umwälzungen im Land lösten einen regelrechten globalen Aufschrei aus, der in seltener Einmütigkeit durch sämtliche Instanzen und die Parteienlandschaften ging. Und er tönte auch in die Musikwissenschaft hinein. Denn wie der musikwissenschaftliche UNESCO Lehrstuhl in Weimar, waren auch andere Kultureinrichtungen und private Initiativen aus Deutschland intensiv mit Musik in Afghanistan befasst. Was heißt nun in Deutschland die klare Anweisung: „Mosiqi haram ast“ (Musik ist verboten)? Was möchte Musikforschung nach „Afghanistan 2021“ noch bewirken? Muss sie sich äußern? Eine gründliche Einkehr im Fach, mit den entsprechenden Konsequenzen, wird notwendig.

Da wo Musiker auf offener Straße exekutiert werden, deren Vergehen Musikmachen ist, weil die Machthaber Musik verbieten, hat auch die Musikwissenschaft ein Problem[iii]. Immerhin ist das Musikverbot und die Verfolgung von Musikerinnen und Musikern nie zuvor so unmittelbar sichtbar gemacht worden wie heute, dank sozialer Medien. Hierin liegt der wesentliche Unterschied zwischen der jetzigen und der Machtübernahme der Taliban vor 25 Jahren. Anders als noch vor 25 Jahren, als sich die Gräuel der Herrschenden von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt abspielten, dringt heute täglich neue Information aus Afghanistan nach außen. Die aktuellen Bilder und Berichte über Verfolgung und zerstörte Musikinstrumenten gebieten es geradezu, Position zu beziehen.

Kulturerbe in Gefahr

Wie seine Ausübenden, ist heute auch das musikalische Kulturerbe eines ganzen Landes gefährdet. Anders als die Sprengung der großen Buddha-Statuen durch die Taliban kurz vor ihrem Machtverlust 2001 – eine barbarische Tat, die immer wieder in den Sinn kommt – ist immaterielles Kulturerbe wie Musik nicht einfach „wegzusprengen.“ Das Zerstören von Objekten reicht nicht aus, um Musik zu vernichten. Dafür müssten Menschen effektiv verstummt werden[iv].  Ein Kulturerbe jedoch, das lebendig gehalten wird, das in einem gesellschaftlichen Zusammenhang praktiziert und von einer Generation in die nächs­te gereicht wird, erlangt nur innerhalb des Spannungsgefüges von Erinnerung, Bewusstwerdung, praktischer Umsetzung und kreativer Erneuerung seine eigentliche Dynamik. Wird diese Kausalkette gewaltsam unterbrochen, wie jetzt in Afghanistan, kann musikalisches Kulturerbe an diesem Ort nicht weiter bestehen.

Retten, was zu retten ist

Als der Gründungsvater der Musik­ethnologie, Erich M. v. Horbostel, 1905 appellierte „wir müssen retten, was zu retten ist“[v], meinte er, dass möglichst viel Musik aus aller Welt mit dem Edison-Phonographen aufgezeichnet werden sollte. Als drohende Gefahr sah er die Modernisierung, sprich „Globalisierung“ der Welt. Allein schon auf Tonträgern festgehaltene Musikbeispiele, aufbewahrt im entsprechenden Archiv, könnten den Erhalt von Musikkultur garantierten, so die damalige Vorstellung. Während Kunst- und Kultobjekte aus aller Welt in entfernten Regionen für Museen erworben, aber auch in Plünderungsaktionen zusammen getragen wurden, wuchs die Sammlung an „ethnologischen Klang­aufnahmen“ in gleichem Maße an[vi].  Klänge aus Afghanistan waren auch darunter. Zwar sollten die zahlreichen Sammlungen die Vielfalt kultureller Äußerungen außerhalb der abendländischen Sphäre dokumentieren. In Wirklichkeit aber dienten diese Objekte aus aller Welt dazu – die materiellen wie auch die immateriellen Artefakte – das Projekt der Suprematie des Abendlandes zu untermauern. Dass jedes Kulturerbe immer von menschlichem Wissen und Tun getragen ist, stand noch nicht auf dem Plan.

Die derzeitigen Forderungen nach „Dekolonialisierung“ von ethnologischen Sammlungen in Deutschland sind zum Teil auch dieser Erkenntnis geschuldet. Während jedoch die Maßnahmen zur Restitution von Kulturerbe an die Herkunftsländer in Gang kommen – ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Rückgabe der sogenannten Benin-Bronzen an Nigeria –, gehen die Bemühungen um das immaterielle Kulturerbe Afghanistans in die entgegengesetzte Richtung: Dringend erforderlich ist jetzt die „Expatriierung” von Kulturgut aus dem Land. Da es sich hier um immaterielles/lebendiges Kulturerbe handelt, sind auch die Menschen/Kulturträger mit involviert. Diesen soll in Deutschland die Möglichkeit gegeben werden, ihr Kulturerbe zu erhalten, hörbar zu machen, im Bereich der Archivdokumentation am „AMRC“  zu erschließen und mit den notwendigen Informationen (Meta-Daten) zu versehen. Auf dieser Grundlage kann in einer noch unbestimmten Zukunft das Musikerbe Afghanistans wieder im Land selbst fortbestehen. Wenn es also vor etwas mehr als 100 Jahren noch hieß „wir müssen retten, was zu retten ist,“ geht es heute vor allem darum zu „retten, wer zu retten ist.“

Eine beeindruckende „Rettungsaktion“ der Musik Afghanistans geht auf den unermüdlichen Gründer und Leiter des „Afghanistan National Institute of Music“ (ANIM) Dr. Ahmad Sarmast zurück. Im November 2021 gelang Sarmast das waghalsige Unternehmen, gemeinsam mit 270 Personen, Studierenden, Lehrenden und deren Familien, Kabul über Doha nach Portugal zu verlassen. Die portugiesische Regierung hatte angeboten, das ANIM im Land neu aufzubauen. Sarmast dazu: „Die afghanische Nation und das afghanische Volk haben das Recht auf Zugang zur musikalischen Bildung, zur Musikausübung und auf einen Lebensunterhalt durch Musik.“ Das muss nun auf unbestimmte Zeit im Exil geschehen.

2010 gegründet, ist das ANIM eine bemerkenswerte international gestützte musikalische Bildungseinrichtung. Mit finanzieller Förderung der Weltbank, auch dank zahlreicher internationaler Partnerschaften, darunter mit dem Goethe Institut und mit der Weimarer Hochschule, konnten am ANIM hunderte junge Menschen in Musik ausgebildet werden, über 30 Prozent davon sind Mädchen und junge Frauen. Die Konzerte des „Zohra Afghan Women’s Orchestra“ von ANIM haben seit 2015 weltweit für Begeisterung gesorgt[vii]. In Deutschland konzertierte das Mädchen­ensemble gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Weimarer Musikgymnasiums Belvedere, wo Lehrende der Hochschule für Musik Franz Liszt unterrichten. Zugleich erhielten die jungen Musikerinnen hier Instrumentalunterricht. In der dualen Ausbildung am ANIM wird die klassisch abendländische, wie auch die traditionell/klassische afghanische Musik vermittelt. Die theoretischen und die musikgeschichtlichen Fächer decken beide Kulturgebiete ab. Europäische Instrumentalmusik oblag vor allem Lehrenden aus Europa und Nordamerika, das Spiel afghanischer Musikinstrumente wurde von bedeutenden Meistern des Landes, den Ustads, gelehrt. Ustad Namir war einer der Professoren des ANIM.

Die Perspektive, die sich in Portugal für die Musik Afghanistans auftut, ist einzigartig. Weitere Initiativen zum Schutz von Kulturschaffenden aus Afghanistan sind in England und weiteren europäischen Ländern sowie in den USA und Mexiko entstanden. In Deutschland fand bald ein vom Auswärtigen Amt initiiertes Mittlertreffen von Institutionen wie DAAD, AvH Stiftung, Goethe Institut, Deutsche UNESCO Kommission und anderen statt. Kurzfristig wurden Stipendiums- und Förderprogramme in Wissenschaft, Medien und Kunst eigens für Afghanen aufgelegt. Ein virtueller musikalischer Treffpunkt „Afghanistan Action“ für Interessierte und für das Engagement aus aller Welt ist von der UNESCO unterstützt am Weimarer Lehrstuhl eingerichtet worden. Aber auch Aktionen privater Träger und zivilgesellschaftliches Engagement in Deutschland belegen die große Bereitschaft, Musikerinnen und Musiker aus Afghanistan zu unterstützen. Benefizkonzerte zu Spendensammlungen fanden unter anderem in Wiesbaden, Berlin und München statt. Mit diesen Spenden lassen sich unbürokratisch die für viele unerschwinglichen Kosten der Reisepassbeschaffung finanzieren. Auch andere kurzfristige Hilfeleistungen sind möglich.

„Musik für Afghanistan“ war das Motto eines Konzerts in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im November 2021, bei dem im ersten Teil Ustad Ghulam Hussein (Rubab) und Fridoon Miazada (Tabla), beide ehemals am ANIM tätig, und im zweiten Teil Lehrende der beiden Berliner Musikhochschulen, Instrumentalisten der Musikhochschule Mainz und der Berliner Philharmoniker auftraten. Das Oktett von Mendelssohn, das in diesem zweiten Konzertteil erklang, verdeutlich­te in einer fulminanten Darbietung, wie eng die teils filigrane Motorik des Jugendwerks Mendelssohns mit den präzise gesetzten und rasch aufeinanderfolgenden Pulsierungen von Rubab und Tabla korrespondieren. In beiden Fällen wurden mit der Kleingliedrigkeit des Instrumentalparts die größeren musikalisch-gedanklichen Linien nachgezeichnet. Professoren und Ustads musizierten hier auf Augenhöhe. Geistige Größe zeigte sich als verbindendes Merkmal zweier unterschiedlicher Musikkulturen, die am Ende geradezu wundersam in Dialog traten. Eine Vision auch für die Zukunft: die Musik Afghanistans im Dialog mit der Welt?

Deutsch-afghanisches Konzert

Bei aller Ungewissheit, sicher ist der enorme Kulturverlust, den Afghanistan derzeit erleidet und der weiter anhält. Sicher ist aber auch, dass die vielen Initiativen für Bereicherung weltweit sorgen. Das heißt, der Verlust in Afghanistan führt gewissermaßen zum Gewinn an anderer Stelle, denn gelebtes Kulturerbe wirkt in jede Richtung grenzüberschreitend und steht dann allen zur Verfügung, unabhängig von Herkunft und Standort. Ahmad Sarmast hat öfter betont, dass ein von Krieg traumatisiertes Land wie Afghanistan von der heilenden Kraft der Musik profitiert. Nun wird man auch außerhalb des Landes davon „mitprofitieren“ können, und das ohne schlechtes Gewissen, denn wo auch immer afghanisches Musikerbe weiterlebt, Ziel ist, sich irgendwann wieder unbehelligt in Afghanistan neu entfalten zu können.   


Tiago de Oliveira Pinto ist Inhaber des UNESCO Lehrstuhls für Transcultural Music Studies in Weimar und Direktor des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena.

  • Das Afghan Music Research Center (AMRC) wurde 2014 am Lehrstuhl für Transcultural Music Studies gegründet. Über eintausend Musik- und Videoaufnahmen zur Musik Afghanistans, wie die komplette Dokumentationen von „Safar – die Musik Afghanistans“ (2012–17) sind hier vorhanden. Das AMRC gehört zu den weltweit umfangreichsten Sammlungen und Forschungseinrichtungen zur Musik aus Afghanistan.

Anmerkungen


[i] Name geändert.

[ii] Fawad Andarabi.

[iii] Vor kaum 90 Jahren ging es ähnlich zu, als Komponisten und Interpreten „entarteter“ Musik hierzulande verfemt und verfolgt wurden. Dazu haben damals weite Teile der Musikwissenschaft vor Ort und weltweit geschwiegen.

[iv] „Verstummt, verfolgt, vertrieben“, Tagesspiegel vom 10.11.2021: https://www.tagesspiegel.de/kultur/…

[v] E. M. v. Hornbostel: „Die Probleme der vergleichenden Musikwissenschaft,“ in Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft 7 (3), 1905, S. 85-97.

[vi] Mit den bespielten Wachswalzen konnte Hornbostel das von ihm geleitete Phonogrammarchiv bald zum bedeutendsten seiner Art etablieren. Heute „Phonogrammarchiv“ des Ethnologischen Museums der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin.

Rubab, Sammlung UNESCO Chair Weimar. Foto: Guido Werner
Virtueller musikalischer Treffpunkt „Afghanistan Action“ am Weimarer Lehrstuhl. Foto: Afghanistan Action

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