Auch wenn das jüngste Weihnachtsalbum des Dresdner Kreuzchors Ende 2025 mit weiblichen Stimmen überrascht hat (und sich sehr rasch als KI-generiertes Fake-Produkt erwies, das bald wieder aus den Streaming-Diensten verschwand), gilt bis heute als unumstößlich: Ein Knabenchor ist ein Knabenchor und ein Mädchenchor ist ein Mädchenchor. Und obwohl die Kruzianer (ebenso wie die Thomaner in Leipzig) auf eine Tradition von mehr als acht Jahrhunderten zurückblicken können, sind die immerhin sechzig Jahre des Dresdner Mädchenchores ebenfalls eine respektable Historie.
60 Jahre jung; der Dresdner Mädchenchor. Foto: Katharina Fritze
Mitreißende Stimmung, verantwortungsvolle Aufgabe
Über mehr als die Hälfte dieser Zeit wurde der Chor von Claudia Sebastian-Bertsch geleitet, die an die Anfänge des Ensembles erinnert: „Der Chor wurde 1965 als Kinder- und Jugendchor am damaligen Pionierpalast Dresden gegründet und konnte über die Wende hinweg erhalten werden.“ Als gerade mal 22-jährige Studentin ist ihr die Chorleitung angetragen worden, vor nunmehr 36 Jahren, was gewiss als rekordverdächtig lange Ära gelten darf. Mit großem Respekt vor dieser verantwortungsvollen Aufgabe habe sie damals zugesagt und den ursprünglich gemischten Chor sehr gern übernommen. „Aber nachdem dann irgendwann gar kein Junge mehr vor mir saß, hab’ ich gefragt, wieso heißen wir eigentlich nicht Mädchenchor?“ Damit stand der jetzige Name des Chores fest, der bis heute über mangelndes Interesse nicht klagen kann. Stattdessen strahlen die jungen Damen – aktuell singen 59 Mädchen im Konzertchor und weitere 18 im sogenannten Vorbereitungschor – eine enorme Freude am gemeinsamen Singen aus, wie sie etwa bei einem Probenbesuch in Vorbereitung des großen Jubiläumskonzerts in der Dresdner Lukaskirche bewiesen.
Die 15-jährige Alma kann stellvertretend das sprichwörtliche Lied davon singen und schwärmt: „Die Gemeinschaft hier ist einfach unvergleichlich. Wenn man montags und donnerstags zu den Proben kommt, spürt man sofort eine große Herzlichkeit, eine sehr angenehme Stimmung.“ Die offenbar mitreißend ist, wie nicht nur an den glockenhellen Stimmen, sondern auch an den leuchtenden Augen der Mädchen unschwer zu erkennen ist.
Claudia Sebastian-Bertsch fand hier in jungen Jahren schon ihre Erfüllung: „Ich habe in Dresden zunächst Klarinette studiert und dann schon am Ende des Studiums meinen Traum verwirklichen können, Chorleiterin zu werden. Ich war aber erst skeptisch, ob ich das wohl bewältigen könne.“ Sie dürfte mit dem Metier allerdings bestens vertraut gewesen sein, da schon ihre Mutter über Jahre hinweg viele Jugendchöre geleitet hat. Erfahrungen, die beim Dresdner Mädchenchor höchst nützlich gewesen sind. Alma, jetzt 10. Klasse und bereits seit sieben Jahren mit dabei, ist von der langjährigen Chorleiterin begeistert: „Es ist einfach so angenehm, mit ihr Proben und Auftritte zu haben. Sie lächelt einen an, sie motiviert und man weiß, wenn man unsicher ist, irgendwie wird einem geholfen werden.“
Denn natürlich ist das Singen im Chor mit ernsthafter Arbeit verbunden. Auf qualitative Grundlagen von Stimme, Stimmbildung, Tonhöhe und Rhythmik legt Chorleiterin Sebastian-Bertsch großen Wert: „Wir singen nicht vom Blatt, wir orientieren uns am Blatt. Zum Glück spielen viele unserer Mädchen ein Instrument und nutzen auch die Möglichkeiten zur stimmlichen Weiterbildung am Heinrich Schütz-Konservatorium.“ Diesem Haus sind der Chor und auch das 2002 gegründete VOCALISA-Ensemble mit zumeist ehemaligen Sängerinnen des Mädchenchors, die nach wie vor die Lust am gemeinsamen Singen verbindet, seit langem angegliedert.
Zwei große Konzerte sind die Höhepunkte in jedem Jahr, eins im Frühjahr, eins zur Weihnachtszeit. Zudem gehören Veranstaltungen des Heinrich Schütz-Konservatoriums zu den Tätigkeitsfeldern des Mädchenchores, außerdem gibt es Anfragen von Seniorenheimen, Unternehmen sowie nicht zuletzt von Sachsens Staatskanzlei und der Gemäldegalerie Alte Meister.
Mit dem Weihnachts- und Jubiläumskonzert hat sich Claudia Sebastian-Bertsch vom Dresdner Mädchenchor verabschiedet, da ihr neue Herausforderungen an der Dresdner Semperoper angeboten worden sind. Ein tränenreicher Abschied zwar, doch einer voller Glücksmomente. Die Nachfolge ist zu allseitiger Zufriedenheit geregelt, erklärt Claudia Sebastian-Bertsch mit ein klein wenig Stolz in der Stimme: „Haltet den Chor aufrecht“, sagt sie, „es ist ein toller Chor, den ich da übergeben kann.“
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