Hand aufs Herz: Wer weiß schon Genaueres über Staat und Struktur des Urlaubslandes Österreich? Wer weiß, wie zwischen Bergen und Seen das Musikschulwesen funktioniert? Und wer macht sich Gedanken über Musik und Inklusion in Oberösterreich?
Klang der Vielfalt in Oberösterreich
Jetzt aber. Die Republik Österreich mit zirka neun Millionen Menschen ist ein föderaler Staat mit neun Bundesländern, genannt Länder, mit jeweils eigener Landesverfassung und -regierung. Im Land Oberösterreich mit der Hauptstadt Linz leben etwa 1,5 Millionen Menschen. Über das intensive Kulturleben der früheren Kulturhauptstadt Linz mit dem internationalen inklusiven Kulturfestival „sichtwechsel“, über spektakuläre Museen, Burgen und Schlösser hinaus hat Oberösterreich ein eigenes und besonderes Musikschulgesetz – seit 1977. Das besondere und auch in Österreich einmalige ist die Verankerung der Stellen für Lehrerinnen und Lehrer an Musikschulen im Landeshaushalt: Sie „stehen in einem Vertragsverhältnis oder einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis zum Land Oberösterreich. Sie müssen die für den Unterricht in ihrem Fach erforderliche fachliche Befähigung besitzen“ (Oö. Musikschulgesetz § 4). Das heißt: Hochschulabschluss – und feste Stellen beim Land. Die Gemeinden erbringen ihren Anteil in Form von Gebäuden, Räumen, Inventar und Instrumenten. Auf diese tendenziell sichere und qualitätsorientierte Struktur schaut man nicht nur in Österreich mit ein wenig Neid.
Das Oö. Landesmusikschulwerk mit Sitz in Linz organisiert das Musikschulwesen mit 36.000 Schülerinnen und Schülern, 1.424 Lehrpersonen, 68 Landesmusikschul-Hauptanstalten, 89 Landesmusikschul-Zweigstellen und 22 dislozierten Klassen, so der Stand Schuljahr 2025/2026. Und die Inklusion? Wie steht es um den Unterricht für Schülerinnen oder Schüler mit Behinderung?
Inklusion ist auf der Homepage auf der zweiten Ebene bei den Fachbereichen zu finden. Dazu das Oö. Landesmusikschulwerk: „Inklusion ist in Österreich seit 2008 gesetzlich verankert (UN-Behindertenrechtskonvention). Inklusive Pädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, dessen wesentliches Prinzip die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität in Bildung und Erziehung ist. Dazu bekennt sich das Oö. Landesmusikschulwerk und versucht durch diskriminierungsfreie Angebote, so wie eine äußere und innere Barrierefreiheit jedem Menschen zu ermöglichen, an der Musik teilzuhaben.“
Der Unterricht für Kinder und Jugendliche mit Behinderung hat seinen Schwerpunkt im Fachbereich Elementares Musizieren und hier wiederum im Angebot Kreatives Musikgestalten. Unter diesem „Button“ heißt es: „In zum Teil inklusiv geführten Gruppen aber auch im Einzelunterricht wird Musik in all ihren Facetten aktiv erfahren.“
Seit Kurzem gibt es eine Verpflichtung, an jeder Musikschule eine Ansprechperson für Inklusion auszuweisen, 41 solcher Ansprechpartnerinnen und -partner aus ganz Österreich sind bereits im Netz zu finden. Ein eigener Zusammenschluss aller für Inklusion engagierten Menschen zwischen pädagogischer Praxis und Hochschule nennt sich igmi, Interessensgemeinschaft Musik Inklusiv Österreich (www.igmi.at). Der Verband agiert österreichweit. Eine sogenannte Kerngruppe verantwortet Aktivitäten wie das „Impulspapier“, dessen Parallele ist in etwa die Potsdamer Erklärung des Verbandes deutscher Musikschulen von 2014. Die Kurzbiografien der Kerngruppenmitglieder zeigen, von welch unterschiedlichen, immer aber künstlerisch-pädagogisch orientierten Menschen das Feld Musik und Inklusion zwischen Steiermark und Tirol gestaltet wird. Es fällt auf: Überdurchschnittlich viele sind Lehrende an Hochschulen. Salzburg ist seit Orff-Zeiten dabei – längst aber auch die Anton Bruckner Privatuniversität (ABU) in Linz.
Mit Prof. Bianka Wüstehube hat das Institut für Musikpädagogik eine Leiterin, die sich für das Thema Inklusion in jeder künstlerischen und pädagogischen Ausbildung engagiert. Nicht zuletzt deshalb können sich Studierende der ABU in einem Schwerpunkt „Musizieren mit Menschen mit Behinderung“ profilieren. Petra Linecker, Jazzsängerin, Komponistin und engagierte Musikvermittlerin leitet diesen Schwerpunkt und zudem den zertifizierenden Lehrgang „Musik und Inklusion – Musizieren mit Menschen mit Behinderungen“. Sie ist Mitglied der Kerngruppe der igmi und erste Ansprechpartnerin für Musik und Inklusion in Oberösterreich.
Seit 2022 leitet Linecker gemeinsam mit Andreas Huber das inklusive Ensemble UNIverse. Das Mitwirken in diesem Ensemble ist Wahlfach, es ist ein Ort für gemeinsames Musizieren von Studierenden, Musik-Profis und musikbegeisteren Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern. So kommt die Praxis in die universitäre Ausbildung, ein besonderes Studienangebot, das es mit der All Stars Inclusive Band an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien bereits seit 2010 und, einzig in Deutschland, seit 2017 an der Hochschule für Musik und Theater Rostock mit der Band „Die Coole Meute“ gibt (siehe nmz 11/2025).
UNIverse wurde 2023 mit dem Inklusionspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet und tritt vielfach auf. Im Oktober 2025 zum Beispiel beim Impulstag „Klang der Vielfalt – Musikschule inklusiv“ in der Musikschule Marchtrenk. Diese Landesmusikschule residiert, anders kann man es nicht nennen, in einem Neubau, dessen äußere Architektur schlicht-modern, dessen Inneres aber spektakulär ist: großzügig, feine Materialien, barrierefrei, ein Konzertsaal mit Empore, Übungsräume, Lift in den ersten Stock. Die Gemeinde Marchtrenk hat einen im mehrfachen Sinne großen Kulturort geschaffen.
Verantwortlich für diesen Impulstag war das Oberösterreichische Landesmusikschulwerk mit Birgit Kastenhuber, Fachgruppenleiterin für EMP, Elementares Musizieren/Musikkunde. Fortbildung ist zentral für Inklusion, denn Inklusion macht sich nicht von selbst. Auch und gerade Lehrende an Musikschulen müssen immer wieder ermutigt und in den fachlichen Stand versetzt werden, Kinder und Jugendliche mit Behinderung zu unterrichten und inklusive Ensembles einzurichten.
Der Impulstag in Marchtrenk – ihm folgen hoffentlich weitere – hat sich überdies interdisziplinär gezeigt: Als österreichische Besonderheit gehört auch der Bereich „Klang und Farbe“ zu EMP. Ergebnisse dieser interdisziplinären Arbeit waren in einer kleinen Ausstellung von Collagen zu sehen. Da gab es Bach, Mozart und Beethoven mit roter Nase: So leicht, heiter und ein bisschen spielerisch-respektlos darf’s bei all der Ernsthaftigkeit und dem Engagement für Musik und Inklusion in diesem Österreich auch sein.
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