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Niederschwelliges Angebot für alle: „Balkonsingen“ am Theater Regensburg. Foto: Juan Martin Koch

Niederschwelliges Angebot für alle: „Balkonsingen“ am Theater Regensburg. Foto: Juan Martin Koch

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Zugänglichkeit erhöhen, Veränderung anstoßen

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Aspekte von Partizipation und Vermittlung im Musiktheaterbereich
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Regensburg, an einem Mittwochabend um halb zehn, das Thermometer geht gegen Null: Auf dem Bismarckplatz haben sich etwa 300 Menschen versammelt. Ihr Blick richtet sich nach oben, zum hell erleuchteten Balkon des Theaters, auf dem Notenständer und Mikrophone aufgebaut sind. Dort präsentiert das Ensemble ohne Rücksicht auf die Stimmgesundheit Auszüge einer Produktion, die zwei Wochen später über die Bühne gehen wird.

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Balkonsingen“ heißt das Format des Theaters Regensburg, das hier zum 25. Mal stattfindet, ein buchstäbliches Sich-Öffnen des Hauses als ein niederschwelliges, für alle offenes Angebot. Ist das schon Teilhabe, Partizipation? Wenn man den Begriff entsprechend weit fasst, wohl schon: „In einer sich rasant ändernden Welt kann es Ziel des Vermittlungsprogramms sein, heterogenen Dialoggruppen und Publika jeden Alters mit unterschiedlichen Formaten von künstlerisch-kreativ-partizipativem bis zu kognitiv-reflektierendem Charakter persönliche Zugänge zur Kunstform Musiktheater im Sinne des jeweiligen Opernhauses zu ermöglichen.“ Das schreibt Anne-Kathrin Ostrop im Artikel „Opernhäuser“ im „Handbuch Musikvermittlung“ (Bielefeld, transcript, 2023), wobei mit „Vermittlung“ ein weiterer Begriff genannt ist, der in das Thema Partizipation hineinspielt.

Vielfältiges Angebot an allen Häusern

Durchforstet man die Angebote der über 80 öffentlich getragenen Theater mit Opernsparte, so wird schnell deutlich, dass an allen Häusern irgendeine Art von Musiktheatervermittlung stattfindet: Einführungen und Nachgespräche zu den Aufführungen; Blicke hinter die Kulissen in Form von Führungen oder Probenbesuchen, bis hin zur Möglichkeit in der Statisterie, im Chor oder in anderen Bereichen mitzuwirken; Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungsträgern, bei denen beispielsweise in Workshops Opernbesuche vorbereitet werden; mobile Produktionen, mit denen die Theater ihr Stammhaus verlassen; „Junges Theater“ oder „Kinderoper“ als Sparten mit eigens für jüngere Zielgruppen konzipierten Produktionen und manchmal auch mit der Möglichkeit, in so genannten „Clubs“ eigene Stücke zu entwickeln.

Weiterbildung gegen den Fachkräftemangel

„Stückentwicklung“ ist dann auch ein Schlüsselbegriff, wenn es um Partizipation im engeren Sinne geht beziehungsweise um Vermittlung, verstanden „als eine künstlerische Praxis, als ein dialogisches Prinzip mit Austauschprozessen, das alle Beteiligten in irgendeiner Form einbindet“. Diese Formulierung wählt Tamara Schmidt, die das Lehr- und Forschungsprojekt „Musik als gesellschaftliche Praxis“ an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet. Zusammen mit der Theatervermittlerin und Dramaturgin Kristina Stang hat sie die berufsbegleitende Weiterbildung „Musiktheatervermittlung: Künstlerische Praxis und Partizipation“ an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel konzipiert, um dem Fachkräftemangel in diesem Bereich entgegenzuwirken.

Sie fand in Form von Präsenz- und Online-Modulen erstmals zwischen August 2024 und Juni 2025 statt, ein zweiter Durchgang startet im September 2026. „Partizipation“, so Kris­tina Stang im Gespräch, „heißt nicht ‚ich habe etwas und erlaube dir mitzumachen‘, sondern ‚ich gehe mit dir gemeinsam ins Machen‘“. „Das heißt“, ergänzt Tamara Schmidt, „wir machen schon Spielplanvermittlung, in dem wir zum Beispiel Mozarts ‚Zauberflöte‘ für eine Schulklasse öffnen. Aber häufig gehen wir von den Lebensrealitäten, von den Geschichten aus, die die Menschen zu erzählen haben.“

Selbstwirksamkeit durch eigene Produktionen

Eine der Teilnehmerinnen der Weiterbildung war Rosemarie Arzt. Sie arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Sopranistin im Chor der Deutschen Oper Berlin schon lange auch als Musikvermittlerin. So hat sie 1999 eine Familienkreativwoche ins Leben gerufen, die bis heute fortbesteht, mittlerweile in Form des Vereins Familienmusizieren, und hat auch schon Projekte in der Justizvollzugsanstalt Moabit durchgeführt. „Ich wollte mehr machen als zu reproduzieren und auf Anweisung von Regisseuren und künstlerischen Leitern zu arbeiten“, sagt sie, „es drängte mich danach, auch selbst zu gestalten.“ Deshalb hat sie der Aspekt der Partizipation an der Weiterbildung besonders interessiert, genauer gesagt: „diese Selbstwirksamkeit durch das eigene Herstellen von Dingen und das eigene sich Äußern.“

Auch für die Instrumentalpädagogin und Musikvermittlerin Franziska-Marie Scholz, Mitarbeiterin an der Jungen Deutschen Oper Berlin, war das Thema Partizipation der Grund, sich für die Weiterbildung in Wolfenbüttel zu entscheiden. In der Musikvermittlung lande man sehr schnell beim Konzept der Szenischen Interpretation und das lasse nicht so viel Spielraum für Partizipation, findet sie. Weitergeholfen hat ihr neben der „Fülle von Techniken und Handwerkszeugen“, die im Rahmen der verschiedenen Module vorgestellt wurden, vor allem auch das Konzept der ästhetischen Forschung: „Es war sehr beeindruckend, dass wir viele Mentor:innen hatten, die uns ihre Beispiele gezeigt, uns dann aber ins eigenständige Arbeiten weitergeführt haben. Der Freiraum, den wir dabei hatten, war sehr inspirierend.“

Rosemarie Arzt stimmt ihr beim Stichwort „Ästhetische Forschung“ zu: „Das habe ich tagelang mit mir herumgetragen, weil ich das so großartig und so zutreffend fand. Da gab es eine Freiheit und einen Mut, auch über Grenzen zu gehen.“

Impulse aus der Gesellschaft aufgreifen

Zurück zum Begriff der Partizipation: Franziska-Marie Scholz sieht die Tendenz kritisch, „dass sehr viele sich mit dem Wort schmücken, doch wenn man dann genauer hinsieht, ist der Begriff ganz anders gemeint, und die beteiligten Kinder entscheiden gar nicht wirklich, in welche Richtung sich das gemeinsame Tun entwickelt.“ Für Kristina Stang ist entscheidend, „dass man nicht nur ein Projekt vom eigenen Interesse ausgehend konzipiert und hofft, dass es jemanden erreicht, sondern dass es eine umgekehrte Bewegung ist: Man fängt auf, was aus der Gesellschaft kommt, sortiert es und entscheidet dann mit der Gruppe, womit man arbeiten möchte.“

Eines der Häuser, die diesen Weg nahe am Puls der Stadtgesellschaft gehen, ist das Staatstheater Cottbus. Leonie Arnhold, beim „Jungen Staatstheater“ für Musiktheater und Ballett zuständig, erlebt ihr Haus als „sehr eng mit seiner Stadt verwoben“: „Das Gebäude wurde von den Bürgern dieser Stadt gebaut und insofern wird die Frage nach Partizipation oder danach, wem das Theater gehört, hier immer wieder thematisiert.“ Bei ihren Workshops zu ‚normalen‘ Spielplanproduktionen geht sie häufig von der weit verbreiteten Methode der Szenischen Interpretation aus: „Bei einer Form wie der Oper, die ja sehr künstlich ist, macht es Sinn, die Gruppe erst einmal einen persönlichen Bezug zu den Figuren entwickeln zu lassen, indem jede Person eine Rolle übernimmt und die Opernhandlung wirklich aus der Perspektive dieser Figur betrachtet.“

Kanäle künstlerischen Ausdrucks öffnen

Im Jugendclub geht es, so Arnhold, was musikalische Partizipation angeht, oft um Aufbauarbeit: „Ich habe jetzt mehrere Stücke gemacht, in denen mehr und mehr Musik vorkam. Entscheidend ist, dass die akustische, die musikalische Ebene mitgedacht wird durch Geräusche, durch Rhythmen oder Dinge, die gesummt werden. Und auch auf der Bühne zu singen ist kein Tabu mehr, da machen die Leute inzwischen mit. Und das macht mich wirklich sehr glücklich, denn es bedeutet, dass ich einen Kanal künstlerischen Ausdrucks geöffnet habe, an den sich vielleicht vorher niemand herangetraut hätte.“

Kristina Stang sieht in solchen Partizipationsformaten noch weitere Chancen: „Eine Inszenierung mit Leuten zu sehen, die aus meiner Community kommen, kann sehr Mut machend sein. Das schafft Zugänglichkeit und auch Veränderungen im institutionellen Kulturbetrieb, über alle Sparten hinweg.“ Inwieweit ein Theater für solche Veränderungen offen ist, hängt, so Tamara Schmidt, vor allem von der Frage ab, welcher Stellenwert der Vermittlungsarbeit am Haus eingeräumt wird, ob sie als „Add-on“ oder als fester Bestandteil des „Kerngeschäfts“ angesehen und behandelt wird.

In jedem Fall stehen – im Vergleich zum Sprechtheater – diese Transformationsprozesse in der nach wie vor stark von einem geschlossenen Werkbegriff geprägten Oper wohl erst am Anfang und umfassen unter anderem noch Aspekte des Dialogs der Generationen und der Kulturen sowie Inklusion und Barrierefreiheit. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht den allgegenwärtigen Spardiktaten zum Opfer fallen und die öffentlichen Bühnen ihre oft freiberuflich mitarbeitenden Musiktheatervermittlerinnen künftig nicht in der Kälte stehen lassen.

  • Informationen und Anmeldung zur nächsten Weiterbildung „Musikthea­tervermittlung: Künstlerische Praxis und Partizipation“ ab Anfang Februar auf den Seiten der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel und der HMTM Hannover: www.bundesakademie.dewww.hmtm-hannover.de 

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