Nach fünf Jahren hat sich der Bundesjugendchor als Deutschlands Top-Ensemble in der Jugendchorlandschaft etabliert. Am 29. August gab Chorleiterin Anne Kohler nun ihr Abschiedskonzert in Berlin.
Der Bundesjugendchor mit Anne Kohler. Foto: Peter Adamik
Eine Reise zu den Sternen
Chormusik kann Verbindungen knüpfen, zu unserem Leben, zu unserem Denken und Handeln. Sie kann aber auch Zusammenhänge zu gesellschaftlichen Fragen herstellen und nicht zuletzt akustische Fenster für spirituelle Erfahrungen auftun. All das kann man in den Konzerten des Bundesjugendchores unmittelbar erleben, auch im Abschiedskonzert von Anne Kohler, das am 29. August in der Sophienkirche in Berlin stattfand. „Outer Space – Kometen der Chormusik“ war dieses Konzert überschrieben und es hinterließ bei den Hörenden einen bleibenden, sicher lange nachhallenden Eindruck.
„Stars“, so heißt das Stück des zeitgenössischen lettischen Komponisten Eriks Ešenvalds. Der nächtliche Blick in den unendlichen Sternenhimmel dient dabei als Vorlage für sphärische Vokalklänge, die vom Chor in feinsten Abstufungen erzeugt wurden. Die Zeit schien magisch still zu stehen und die Sänger:innen verzauberten das Publikum in einen schwerelosen Zustand.
Weitere moderne Stücke standen auf dem Programm, die wiederum zu ganz anderen Hörerfahrungen einluden. In „Readymade Alice“ des Finnen Perttu Haapanen lassen die Musiker:innen scheinbar spontane Laute und Akklamationen in Vokalklänge übergehen, Zischgeräusche werden zu Windböen und knallbunte Floskeln verwandeln sich in Glissandi. Genauso aufregend ist das 16-stimmige Stück „Epitaph for Moonlight“ von Murray Schafer. Hier werden etliche Schattierungen und Lichtwirkungen des Mondes akustisch eingefangen: flackernde Klangschichtungen, die in statische Klänge übergehen, gefolgt von Jubel und Massenexklamationen. Ein hektisches vokales Treiben, das immer wieder neue Überraschungen bereithält. Und auch das extrem dynamische Stück „Iuppiter“ des deutschen Komponisten Michael Ostrzyga war hier in einem mitreißenden Vortrag zu erleben.
Neue Musik ist seit der Gründung des Bundesjugendchores ein fester Bestandteil im Repertoire, sie wird hier mit Begeisterung und großer Experimentierfreude zum Besten gegeben. „Ich finde es enorm wichtig, dass junge Sänger die Techniken und Denkweisen von Komponisten lesen können“, unterstreicht Anne Kohler. „Am Anfang ist es immer ein bisschen ein Kampf. Man muss die Partituren entziffern, aber wenn man sich erst mal durch diesen Dschungel durchgekämpft hat, sind die Ergebnisse meistens unglaublich frisch und voller Esprit.“
Auch die Vergabe von Auftragskompositionen gehört zu den Konstanten des Chores. Beim Bundesjugendchor muss man dafür manchmal gar nicht so weit gehen. „Ich lerne sehr viel, wenn ich hier im Chor zeitgenössische Stücke von innen heraus erlebe“, betont Elisabeth Fußeder. Die Altistin ist auch Kompositionsstudentin in Freiburg, sie hat das Glück, dass der Chor bereits zwei ihrer Stücke auf- beziehungsweise uraufgeführt hat. Für ihre eigenen Stücke weiß sie nun viel besser „wie sich Schwierigkeitsgrade einschätzen lassen und man Effekte gut einsetzt.“ „Vielen Stücken wäre ich ohne diesen Chor nie begegnet“, freut sich dagegen der Sänger Anton Förster. Als Stipendiat des „Forums Dirigieren“ verfolgt auch er vielfältige musikalische Ambitionen. Beide sind ein gutes Beispiel dafür, worum es beim Bundesjugendchor geht: Die Förderung des Spitzennachwuchses.
Rückblick und Einblick
Dank der Landesjugendchöre gibt es zwar schon lange sehr gute und ambitionierte Gesangsformationen, doch es fehlte ein bundesweites Auswahlensemble für die gezielte Förderung des Spitzennachwuchses. Junge Sängerinnen und Sänger, die ihr zukünftiges Berufsfeld in der Chor- und Vokalmusik sehen, etwa in Opern- und Rundfunkchören, hatten zum Beispiel nur wenig Anbindung in den Profibereich. Das änderte sich mit dem Bundesjugendchor. Kooperationen des Chores mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Beethoven Orchester Bonn oder dem SWR Vokalensemble erwiesen sich in den vergangenen Jahren als ausgesprochen befruchtend; und zwar für beide Seiten: „Die etablierten Orchester und Chöre schätzen die Frische der jungen Stimmen, aber auch ihre Professionalität und Disziplin“, unterstreicht Kohler, „und andersherum ergibt sich für den Bundesjugendchor die Zusammenarbeit mit tollen Ensembles und Dirigenten.“ Jürgen Budday bezeichnet den Chor folglich als „Sprungbrett für die Sängerinnen und Sänger in die professionelle Chorlaufbahn“. Der zielstrebige Dirigent, der auch den renommierten Maulbronner Kammerchor gründete, hatte von 2002 bis 2019 den Vorsitz im Beirat Chor des Deutschen Musikrats und trieb dann ab 2019 die Chorgründung maßgeblich voran. Es galt zunächst, viele Akteure ins Boot zu holen, Zuständigkeiten zu klären und zugleich für das Projekt zu werben und zu begeistern.
Dabei hat das Vorhaben eine lange Geschichte, denn schon in den 1990er-Jahren wurde die Idee diskutiert. 1999 übernahm schließlich der Deutsche Chorverband mit der Gründung des „Deutschen Jugendkammerchors“, einem Auswahlensemble von Musikstudierenden aus ganz Deutschland, die Initiative. Aber es gab Vorbehalte, denn andere Chorverbände sahen sich hier nicht repräsentiert. So setzte sich mehr und mehr die Idee einer neuen übergeordneten Struktur durch, in die alle Akteure des Chorlebens eingebunden sein sollten.
Unter dem Dach des Deutschen Musikrats als neuem Träger, mit seiner Offenheit gegenüber Gremien und Verbänden, so die Überlegung, könnte dies funktionieren. Als dann der Hauptförderer des Deutschen Musikrates, das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Finanzierung zusicherte, falls es zu einer Einigung käme, nahm die Sache Fahrt auf. Nun galt es, schnell Dinge ins richtige Fahrwasser zu führen, erinnert sich Budday. Ein neuer Beirat musste etabliert werden, in dem auch die Chorverbände vertreten waren, die sängerische Besetzung des Chores musste durch eine zu ernennende Auswahljury bestimmt werden (wobei Mitglieder des Deutschen Jugendkammerchores übernommen werden konnten) und schließlich brauchte es eine renommierte künstlerische Leitung.
Doch 2020 trat nach ersten Proben durch die Corona-Epidemie erst einmal Stillstand ein. Im August 2021 aber war es dann endlich soweit, der neu gegründete Bundesjugendchor gab in der Berliner Philharmonie sein Gründungskonzert mit Werken aus der Renaissance, Romantik und Moderne. „Es macht mir Freude, Programme zu entwickeln, die vielfältig sind, mit einer Diversität der Stile und Epochen“, meint Anne Kohler. So konnte man mit den Bundesjugendchor 2023 die Motetten von Bach kontrastiert mit zeitgenössischen Kompositionen, die auf Bach Bezug nehmen, erleben. Und auch die Anbindung an gesellschaftliche Themen sind in den Programmen des Bundesjugendchores Bestandteil. In dem Programm „PAX“ – Frieden von 2024 wurden Standpunkte und Fragen für ein friedliches Miteinander gestellt. Gleichzeitig agierten die Sängerinnen und Sänger in szenischen Darstellungen und hinterfragten dabei Werte wie Respekt und Toleranz. Andere Konzerte mit Titeln wie „Aufbruch in die Freiheit“ oder „Jede Stimme zählt“ setzten sich mit Aspekten wie Demokratie oder Selbstbestimmung auseinander.
Abschiedskonzert mit Stabübergabe
Im Abschlusskonzert von Anne Kohler war eine solche programmatische Vielfalt selbstverständlich wieder gegeben. So sang der Chor auch zwei Stücke aus Robert Schumanns Vier doppelchörigen Gesängen op. 141: „An die Sterne“ und „Ungewisses Licht“. Mit weichem lyrischem Ton in feinster Intonation entfaltet sich dabei der Chor. Kohler setzt originelle Phrasierungen und Akzente, lässt die Klänge an- und abschwellen und erzeugt zusammen mit ihren Sänger:innen ein Gefühl anmutiger Sehnsucht. Staunenswert ist die vertrauensvolle Korrespondenz zwischen der Dirigentin und ihrem Ensemble. Jeder einzelne bekommt viel Raum zur musikalischen Entfaltung, kann scheinbar frei agieren, singt mit ansteckender Leidenschaft und doch geht alles in einen homogenen Gesamtklang auf. „Mir ist extrem wichtig“, sagt Kohler, „dass wir nicht nur erfüllen, was in der Partitur steht, sondern die Botschaft des Stückes und die Gedankengänge des Komponisten verstehen und mit Lust nachvollziehen.“
Auf welch immens hohem Niveau der Chor agiert, zeigte sich auch in dem 16-stimmigen, monumentalen, spätromantischen Stück „Der Abend“ op. 34 von Richard Strauss. Bezirzende Frauenstimmen die im vollkommenen Einklang mit den sonoren Männern agieren, erzeugen die wundersamsten Chorklänge, in denen man gleichsam badet. Alles strömt in fast schon orchestral wirkenden Klangdüften, die sich wunderbar entfalten und fein modelliert werden. Mühelos und nie forciert werden hier alle Vokalregister gezogen und die Sophienkirche in einen elegischen Klangraum verwandelt. Mit Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach wurden in diesem Konzert weitere überraschende Kontraste gesetzt. Lieblich-zart entfaltet sich zunächst die Motette „Unser Wandel ist im Himmel SWV 390“, um dann in polyphoner Steigerung die Renaissanceklangpracht der Musik von Heinrich Schütz wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Es folgte Bachs Motette für zwei vierstimmige Chöre „Singet dem Herrn ein neues Lied BWV 225“. Im lockeren Mezzoforte lassen Kohler und ihre jungen Sänger:innen die Koloraturen lebendig purzeln und formen dabei ganz klare, plastische Linien.
Und schließlich übernahm Justus Barleben in der Clytus Gottwald-Bearbeitung von Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, das Dirigat. Er wird ab 2027 auch die künstlerische Leitung des Chors übernehmen. „Das ist eine große Verantwortung“, sagt Barleben und fügt freudig hinzu „und eine tolle Möglichkeit, aus dem Vollen zu schöpfen.“
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