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Bobin Kim. Foto Jonas Ruhs

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Gestaltungswillen und Durchsetzungskraft

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Bobin Kim ist die Siegerin beim siebten Deutschen Preis für Chordirigieren
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Wie ist es in Deutschland um den dirigentischen Nachwuchs bestellt? Wo sind die großen Talente? Wie kann man diese optimal fördern? Wie bekommen Begabungen überhaupt die Chance, ihre Fähigkeiten auf Spitzenniveau zu vertiefen? Wenn man sich mit solchen Fragen auseinandersetzt, führt der Weg zum „Forum Dirigieren“, das vom Deutschen Musikrat betreut wird und 2008 die Sparte „Chordirigieren“ in sein Programm mit aufnahm.

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Damals war es sehr selten“, erinnert sich Michael Alber, Professor für Chorleitung an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen, „dass junge Menschen überhaupt die Chance bekamen, mit professionellen Ensembles zu arbeiten. Hinzu kommt die Literatur. Was viele Rundfunkchöre heute singen, kann man nur mit einem Bruchteil der Hochschulensembles darstellen.“ Alber, der auch zwanzig Jahre als Chordirektor in Stuttgart wirkte, war von Anfang an bei den Planungen des Bereichs „Chordirigieren“ dabei. Im Oktober dieses Jahres ist er der Vorsitzende der siebenköpfigen Jury beim „7. Deutschen Preis für Chordirigieren“, der in Zusammenarbeit mit dem RIAS Kammerchor Berlin vergeben wurde. Es handelt sich dabei um den Höhepunkt und Abschluss einer insgesamt etwa 4 Jahre dauernden Förderung im Rahmen des „Forums Dirigieren“.

Die jungen Dirigent:innen haben ein ambitioniertes zweistufiges Förderprogramm hinter sich, wobei Dirigierkurse und Meisterklassen im Zentrum stehen. „Wir arbeiten im Wechsel sowohl mit den Rundfunkchören als auch mit verschiedenen Opernchören zusammen“, unterstreicht Felix Freitag, Projektleiter beim Forum, „in diesem Jahr mit dem Bayerischen Staatsopernchor, nächstes Jahr mit dem Chor der Hamburgischen Staatsoper“. So arbeiten in der letzten Oktoberwoche zum Beispiel vier Stipendiat:innen mit dem Rundfunkchor Berlin und ihrem Chefdirigenten Gijs Leenaars, im Januar dann laden das NDR Vokalensemble und Chefdirigent Klaas Stok zum Dirigierkurs ein. „Wir haben sicher einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass sich Türen öffnen“, konstatiert in diesem Zusammenhang Felix Freitag. Klar ist, dass die hier teilnehmenden Stipendiat:innen bereits ein sehr hohes technisches Niveau erreicht haben, denn die Konkurrenz und Qualität der schon zum Auswahldirigieren für das Stipendium Ankommenden sei ausgesprochen hoch, betont Freitag. Worauf es nun aber ankommt, sind weitere Aspekte: „Es geht weniger um Dirigiertechnik als um Gestaltungwillen und Durchsetzungskraft gegenüber einem professionellen Ensemble“, so Freitag. Dabei entstehen aber auch Netzwerke, die für die weitere berufliche Entwicklung ausschlaggebend sein können.

Arbeit mit dem RIAS Kammerchor

Genau diese Netzwerke konnte auch Bobin Kim nutzen. Sie gehört zu den Finalist:innen beim Deutschen Preis für Chordirigieren und war in der Spielzeit 2024/25 Assistentin der Chordirektion und Chorrepetitorin an der Semperoper Dresden. Seit dieser Spielzeit 2026/27 ist sie sogar stellvertretende Chordirektorin an der Bayerischen Staatsoper. Mit dem Genre Oper kam sie nach eigenem Bekunden erst während ihrer Zeit beim Forum in Kontakt, denn während ihres Studiums hatte sie nie die Möglichkeit dazu. „Ich hatte einen Kurs beim Forum Dirigieren mit dem Frankfurter Opernchor und das war meine erste Erfahrung damit“, gibt sie zu und ergänzt: „Das hat mir so einen riesigen Spaß gemacht, wie ich es überhaupt nicht erwartet hatte.“

Für das Konzert des Deutschen Preises für Chordirigieren konnte sie nun, zusammen mit den beiden anderen Wettbewerbern Nikolaas Schmeer und Benedikt Kantert eine Woche mit dem RIAS Kammerchor Berlin arbeiten. Im Pflichtprogramm galt es, mit Johann Hermann Schein, Hugo Wolf, und Murray Schafer drei verschiedene Epochen abzudecken: Renaissance, Spätromantik und Moderne. Darüber hinaus hatten alle drei Bewerber:innen die Möglichkeit, ein eigenes „Wahlstück“ auf das Programm zu setzten, was Benjamin Kantert „wahnsinnig bereichernd“ findet, denn „hier kann man eine persönliche Note setzen und sich selbst ganz gezielt präsentieren.“ Kantert erläutert auch die Herausforderungen: „Wir haben vier echte Probentage, in denen jeder jeweils eine Stunde arbeiten kann. Da macht man sich einen Plan, wie weit man jeden Tag kommen will. Ich möchte natürlich auch ins Detail gehen, aber ich kann nicht eine Stunde an einem Stück arbeiten, denn dann habe ich an einem Tag drei Stücke gar nicht singen lassen.“ Zugute kommt den Dirigent:innen natürlich, dass sie es mit einem Ensemble zu tun haben, das musikalische Anweisungen schnell umsetzen kann.

Erstaunlich ist dabei, mit welcher Souveränität der RIAS Kammerchor in den Proben zwischen Stücken unterschiedlichster Epochen hin und her springt, aber auch wie er sich an einem Probenvormittag auf die drei verschiedenen Dirigent:innen einstellt, die alle eine eigene künstlerische Herangehensweise haben. Bei der Erarbeitung ihres Wahlstückes Psalm 22 „Mein Gott, mein Gott“ von Cyrillus Kreek setzt Bobin Kim feine Akzente, arbeitet an den vielen dynamischen Abstufungen und den harmonischen Wendungen. Benjamin Kantert hingegen überzeugt bei der Probe seines Wahlstücks „Du Hirte Israels, höre“ op. 89,2 des spätromantischen Komponisten Albert Becker mit einem sehr präzisen Dirigat und vermittelt so die vielen dynamischen Wechsel in Gegenüberstellung mit den elegischen Momenten. Und auch mit Anweisungen wie „Es muss beben!“ entlockt er dem Chor die notwendige Dramatik. Ebenso souverän agiert er in der Probe zu dem „Chant to bring back the wolf“ aus den „Magic Songs“ von Murray Schafer. Mit seinem genauen Dirigat vermittelt er die sehr komplexen, rhythmischen Strukturen und setzt dabei tolle Impulse. Hier wird gestampft und gerufen, Tonsilben werden ausgestoßen und immer wieder neue, überraschende Akzente gesetzt.

Auch Nikolaas Schmeer trainiert den Chor mit kenntnisreicher Detailarbeit durch Schafers exaltiertes Beschwörungsstück „Chant to make the magic work“. In den beiden spätromantischen Stücken „Resignation“ von Hugo Wolf aus den „Sechs geistlichen Liedern“ und seinem Wahlstück „Schweigen“ von Max Reger, nimmt er sich viel Zeit für die Arbeit an der klanglichen Gestaltung und arbeitet mit großer Ruhe und Gelassenheit an Details im Klangbild.

Das Wettbewerbskonzert

„Wir haben natürlich Glück mit diesen Finalisten, alle drei sind Begabungen auf höchstem Niveau“, konstatiert der Juryvorsitzende Michael Alber und lobt im selben Atemzug den RIAS Kammerchor Berlin für seine Fähigkeit, sich derart flexibel innerhalb eines Konzerts auf so unterschiedliche Dirigierpersönlichkeiten einzustellen. Aber wer kann in der Konzertsituation die Jury und das Publikum am meisten überzeugen? Die Abfolge des Programms ist bei den drei Finalist:innen immer gleich. Eine Motette aus Scheins „Israelsbrünnlein“ steht am Anfang. Und bereits hier zeigen sich deutliche Unterschiede in der Herangehensweise. Bei Nikolaas Schmeer und Benedikt Kantert überträgt sich die leichte anfängliche Anspannung ein wenig auf den Chor, der natürlich sehr souverän, aber doch nicht ganz frei zu agieren scheint. Bei beiden bewegt sich die Musik eher in einem gleichbleibenden Tonfall und Ausdruck. Kantert agiert mit ausladender Geste, doch die vielen raffinierten Einsätze, gewinnen nicht so richtig an Prägnanz. Und auch ein prononcierter Text, der den Satz noch weiter beleben könnte, ist eher nebensächlich. Schmeer stellt den Schönklang in den Vordergrund und verliert dadurch ein wenig an musikalischer Vitalität. Bobin Kims Interpretation der Schein-Motette dagegen sprüht vor Lebendigkeit. Mit ihrem schwingenden, doch sehr präzisen Dirigat erreicht sie immer wieder wirkungsvolle Neuansätze, gleichzeitig arbeitet sie die rhetorische Qualität der Motette effektvoll heraus und freut sich über die individuelle Gestaltung jeder Phrase.

Bei Hugo Wolfs „Sechs geistlichen Liedern“ (hier Nr. 3 „Resignation“) ist Schmeer in seinem Metier angekommen. Die langen und dichten melodischen Bögen werden von den Sänger:innen des Chors entspannt und doch in schönsten Abstufungen zur Geltung gebracht, und so herrscht ein wunderbar musikalisches Einvernehmen. Das von Schmeer selbst gewählte sechsstimmige Chorstück „Schweigen“ op. 39,1 von Max Reger ist recht ähnlich in Duktus und Interpretation. Das Stück funktioniert als ein gro­ßer, emphatischer Wurf und kommt in Schmeers Gestaltung gut zur Wirkung, doch würde man sich hier vielleicht ein Stück wünschen, bei dem der junge Dirigent noch ein bisschen mehr an klanglicher und musikalischer Variabilität zeigen könnte.

Dies gelingt Kantert besser, auch er wählt mit Albert Beckers „Du Hirte Israels, höre“ ein spätromantisches Stück, das aber mit vielen wechselnden Stimmungen, Steigerungen und Kulminationspunkten unter seinen Händen eine bezwingende Dramatik bekommt. So gerät der Disput mit Gott zu einem leidenschaftlichen und eindringlichen Dialog. Erstaunlich ist übrigens, dass alle drei Finalist:innen mit Murray Schafers „Magic Songs“ die Moderne in ihrer ganzen überbordenden Expressivität und Komplexität hervorragend beherrschen.

Schließlich aber überzeugt Bobin Kim am meisten. Dies liegt sicherlich auch daran, dass sie alle Epochen mit der gleichen Souveränität meistert. Bei Wolf kreiert sie emphatische Bögen, bringt aber zugleich – und das ist an diesem Abend generell ihre große Stärke – jede Linie mit schönstem und expressivem Klangbild wunderbar zur Wirkung. Mit der Vertonung des 22. Psalms des estnischen Komponisten Cyrillus Kreek wählt sie zudem ein packendes Chorstück, erzeugt dabei viele Schattierungen mit schillernden Klangbildern und trifft sogar das estnische Vokalkolorit mit seinen feinen volkstümlichen Nuancen. Der Chor folgt ihr bis ins kleinste Detail und findet bei ihr die stärkste Entfaltung. So fiel die Entscheidung unter allen drei wirklich herausragenden Künstlerpersönlichkeiten bei Jury wie Publikum auf die charismatische Dirigentin.

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