Hauptbild
Wiederbelebte Tradition: Liedtanz-Workshop in der Lutherkirche. Foto: Universitätsklinikum Leipzig/Swen Reichhold

Wiederbelebte Tradition: Liedtanz-Workshop in der Lutherkirche. Foto: Universitätsklinikum Leipzig/Swen Reichhold 

Banner Full-Size

„Heimaten“ als Herausforderung und Aufgabe

Untertitel
Vielfältige Perspektiven beim 22. Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme
Vorspann / Teaser

Im letzten Jahr ging es um „Zukunft“, diesmal um „Heimaten“. Erstmals hat das interdisziplinäre Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme zwei Folgeveranstaltungen thematisch verknüpft. Wenn Angehörige eines medizinischen, sängerischen oder pädagogischen Berufs über Zukunft nachdenken, haben sie auch die Ressourcen im Blick – die eigenen, aber vor allem die der ihnen anvertrauten Menschen. „Heimat“ ist dafür ein althergebrachter Begriff. Das Vorbereitungsteam um Prof. Dr. Michael Fuchs (Universitätsklinik Leipzig) verwendet ihn mit Bedacht in der Mehrzahl. Denn nicht alle Menschen haben dieselbe Heimat, viele haben mehrere, und es geht beileibe nicht nur um die Geografie.

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Die Thematik des Symposiums, das jährlich an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig gemeinsam mit der Sektion Phoniatrie und Audiologie der Leipziger Universitätsklinik und dem Arbeitskreis für Musik in der Jugend veranstaltet wird, verdichtet sich oft in den musikalisch-künstlerischen Beiträgen. So auch diesmal bei der 22. Auflage. Die musikalische Eröffnung bestreitet die Schola Cantorum Leipzig unter Bernhard Steiner. Das bunte Programm zeigt gleich eindrucksvoll: Der 1963 gegründete Frauen- und Mädchenchor ist in verschiedenen musikalischen Stilen zuhause.

Dass nicht nur die Kulturstadt Leipzig, sondern darüber hinaus die Thomaskantorei eine besondere Art von Heimat darstellt, macht das Vokalensemble Amarcord deutlich – sowohl in seinem abwechslungsreichen Samstagabend-Konzert als auch in einem Nachmittags-Intermezzo gemeinsam mit dem Thomaner-Nachwuchs des Forum Thomanum und der Leipziger Grundschule „Anna Magdalena Bach“. Eindrucksvoll und anrührend ist, wie jeweils sieben Knaben links und rechts die vier Erwachsenen-Sänger, selbst ehemalige Thomaner, einrahmen und mit ihnen gemeinsam sauber, ausdrucksvoll, mit großem Ernst und in fast einwandfreier Haltung drei ganz unterschiedliche Lieder vortragen.

Die Arrangements sind so angelegt, dass der musikalische Nachwuchs seine eigene tragende Rolle hat – in Bachs berühmtem Choralvorspiel „Jesus bleibet meine Freude“ etwa die Liedmelodie, die Amarcord seinerseits kunstvoll in Vocalisen umspielt. Wie die Älteren den Jüngeren in einer wohldosierten Mischung von väterlicher Fürsorge und künstlerischer Kollegialität begegnen, kann einen Beobachter nur optimis­tisch stimmen ob der Zukunft der Thomaner als Institution und Lebensform.

Die Stimme, mit der man durchs gesamte Leben geht, ist freilich ein empfindliches Organ. Michael Fuchs selbst widmet sich aus der Sicht des Phonia­ters der Frage „Was ist stimmliche Heimat, und wie kann ich sie messen?“ Konkreter gefragt: Wo ist sie am leis­tungsfähigsten, am charakteristischsten, am wenigsten überlastet? Einmal mehr zeigt sich, wie genau man in der zuständigen Leipziger Klinik hinschaut beim Zusammenspiel physiologischer und psychologischer Faktoren. Die alte Erkenntnis, dass Singen Gemeinschaft (und damit mittelbar Heimat) schafft, zieht sich mit der Zuverlässigkeit eines barocken Basso Continuo durch die abwechslungsreich „komponierte“ Veranstaltung.

Mitsingen ohne „Liedkontrolle“

In einem unterhaltsamen Plenums-Workshop präsentieren die beiden Musikpädagogen und Chorleiter Markus Detterbeck und Robert Göstl unter dem Motto „Und alle stimmen ein“ einige Erfahrungen und Erkenntnisse zum Thema „Volkslied 3.0, Schlager und Hits für wirklich alle“. Sie laden auch das Publikum zum Mitsingen und -bewegen ein – nicht ohne dabei ein deutliches Fragezeichen hinter die unter schulischen Musiklehrkräften verbreitete Praxis der „Liedkontrolle“ zu setzen. Zensuren sind kontraproduktiv, wo es erst einmal gilt, Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu bekommen. Eine nachdrückliche Einladung an die Teilnehmer, sich aus ihrer eigenen Komfortzone hinauszubegeben, bieten weitere Praxisworkshops. Mit Siegfried Macht kann man (nach kurzem Fußweg in die frisch renovierte Lutherkirche) die weitgehend vergessene Praxis des frühneuzeitlichen Liedtanzes in der Kirche wiederentdecken, mit Susanne Maria Lang einen Crashkurs im Jodeln erleben und mit Mauro Fiuza stimmschonend in verschiedene „distorted voices“ („verzerrte“ Gesangs­praktiken wie Kehlkopfgesang oder Growling) eintauchen.

Den Hauptvortrag hält gleich am Freitagabend Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Psychiater und Psychotherapeut und Ärztlicher Direktor des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim. Sein Thema lautet „Natürliche Umgebung und psychische Gesundheit“. Vieles was man ahnte oder aus Erfahrung weiß, wird durch die Gehirnforschung bestätigt: Das Leben im gedrängten städtischen Umfeld wird anstrengender und ungesünder, je größer die Städte werden. Bei der seelischen Gesundheit spielen der soziale Status, ein stabilisierendes soziales Umfeld und die Naturnähe eine große Rolle. Meyer-Lindenberg betont, dass die Menschheit nach den Krisen der letzten Jahre auf die eigentliche Herausforderung erst noch zusteuert: Klimawandel, Fluchtbewegungen, Verdichtung der Städte und Verlust der Artenvielfalt werden die Rahmenbedingungen für Zusammenleben und seelische Gesundheit noch deutlich verschärfen. Zukunft erscheint hier geprägt von mehrfachem Heimatverlust. Sich dieser Perspektive zu stellen, ist nicht einfach, und es spielt wohl Verdrängung mit, wenn in Gesprächen am Rande einzelne Stimmen die Veranstaltung für „zu politisch“ halten.

Einen respektablen Versuch, gegen Verzweiflung und Vereinzelung anzusingen, präsentiert Johanna Nickol, Musikpädagogin, Chorleiterin und Komponistin aus Daaden im Westerwald, mit ihrem ansprechenden Chorstück „Through unity we rise“ für vierstimmigen gemischten Chor, Klavier und Solo-Violoncello, das sie mit dem gesamten Auditorium zum Klingen bringt. Vielleicht ist es hier nützlich, an den Philosophen Ernst Bloch zu erinnern, der vor über 100 Jahren in seinem Buch „Geist der Utopie“ die bemerkenswerten Sätze schrieb: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Vorschein realer Demokratie

„Heimat“ lässt sich demnach nicht regressiv zurückerobern – wie es etwa im benachbarten Sachsen-Anhalt die AfD mit einer Kampagne „deutsch denken“ versucht; sie lässt sich nur als gemeinsame Zukunft gestalten. Und inmitten aller Gereiztheit und Aggressivität in der Gesellschaft erscheint dieses Leipziger Symposium fast wie ein Vorschein von realer Demokratie: Gelebte Interdisziplinarität, Dialog- und Zuhörbereitschaft, gegenseitige Wertschätzung und Kollegialität, Sachlichkeit, Fantasie und Humor wird man in dieser glücklichen Kombination andernorts lange suchen.

Wichtig im gesellschaftlichen Kontext ist auch der Workshop des Würzburger Musikethnologen Dr. Nepomuk Riva zum Reizthema „Kulturelle Aneignung“ unter der differenzierenden Fragestellung „Wie lässt sich Musik kultursensibel vermitteln?“ Riva geht es nicht um Pauschalurteile, sondern um sorgfältiges Hinsehen und Reflektieren, welche Art von Übernahme in welcher Absicht stattfindet, und ob diese auf Augenhöhe oder einseitig stattfindet. Er betont: „Es geht um den sozialen Frieden! Der Streit wird größer, weil die Welt vernetzter wird.“

Zur Frage „‚Wir sind das Volk’ – aber wer ist ‚wir‘ und was ist ‚das Volk‘?“ führt Robert Göstl ein Gespräch mit zwei erfahrenen CDU-Politikerinnen. Regina van Dinther (Jg. 1958), einst Präsidentin des Landtags von NRW und Dr. Regina Görner (Jg. 1950), einst Sozialministerin im Saarland und derzeit Vorsitzende der BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen), bringen neben ihren Erfahrungen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auch ihre langjährige und andauernde Praxis als Chorsängerinnen ein. Die Leitfrage ist auf dem Hintergrund des Zusammenlebens in Ruhrgebiet und Saarland schnell und pragmatisch beantwortet: „Die Gesellschaft ist so divers geworden, niemand wird das ändern können!“

Und ganz am Ende der Veranstaltung demonstriert Ezchial Nikiema als Musiker und gelernter Germanist „mit Migrationsvordergrund“ witzig und hintergründig in Wort und Ton, wie man zugleich in Burkina Faso und in Deutschland daheim sein kann.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!