Eigentlich singt der Jazzchor Freiburg bei seinen Auftritten immer verstärkt. Jede Stimme wird dann einzeln mikrofoniert, die Feinheiten werden am Mischpult ausgesteuert. Bei seinem mit stehenden Ovationen gefeierten Release-Konzert zum neuen Album „Sacred“ in der ausverkauften Freiburger Christuskirche verzichtet das von Bertrand Gröger geleitete, wie immer auswendig singende Spitzenensemble auf Verstärkung. Mikros gibt es nur für Beatboxer Johannes Jäck und den tiefen Bass Paul Dreßler.
1990 gegründet und mehrfach ausgezeichnet: der Jazzchor Freiburg. Foto: Anja Thölking
Intimität und geballte Energie
Jazzchor unplugged – das ist Intimität wie im zarten „Gracious“ (Solo: Neele Pfleiderer), aber auch geballte Energie, wenn der Chor in Duke Ellingtons „Ain’t But The One“ zu grooven beginnt und die großartige Maggie Horrer ihre Stimme am Ende ganz dunkel färbt. Der Jazzchor zaubert magische Anfänge wie in der Rilke-Vertonung „Mein Leben ist nicht diese steile Stunde“. Der Verschmelzungsgrad der Chorstimmen ist so hoch, dass man oft nur eine Stimme hört, statt deren vier.
Sieben der zehn Arrangements auf dem Album „Sacred“ sind vom Chorgründer Bertrand Gröger – den letzten Song „Open Skies“ hat Gröger, der im Sommer die Künstlerische Leitung des Jazzchors Freiburg an Julian Knörzer abgeben wird, selbst geschrieben. Seine komplexen, häufig in ganz unterschiedliche Abschnitte geteilten Arrangements haben mit seiner musikalischen Sozialisation zu tun. „Mein Vater nahm mich schon als Kind mit in Symphoniekonzerte. Ich habe nachts mit dem Kopfhörer Brahms-Symphonien gehört. Das hat natürlich Spuren bei mir hinterlassen“, sagt Bertrand Gröger. Bereits mit 13 Jahren gründete er als Gitarrist seine eigene Band und arrangierte und komponierte dafür Songs. Sein Studium an der Musikhochschule Freiburg begann Gröger 1985 mit klassischer Gitarre, ehe er zusätzlich ein Popularmusik-Studium mit Hauptfach Jazzgesang an der Hamburger Musikhochschule absolvierte.
Den 1990 von ihm gegründeten Jazzchor Freiburg formt er schnell zu einem Spitzenensemble, das bei Konzerten von einem Jazztrio mit Klavier, Bass und Schlagzeug begleitet wird. 2012 erscheint das Album „A-Cappella“ – ab diesem Zeitpunkt ist die Formation auch rein vokal zu hören. Schon früh gewinnt der Chor Auszeichnungen wie 1997 den 1. Preis beim Internationalen Chorwettbewerb in Riva del Garda oder 2002 den 1. Preis bei der Chorolympiade in Südkorea. Viele Konzertreisen innerhalb Europas, aber auch mehrmals nach Japan, Südkorea und China sorgen für internationale Ausstrahlung. Die rund dreißig Mitglieder des Chores sind zur einen Hälfte professionelle Musiker mit Studium (darunter viele Musiklehrer), zur anderen Hälfte sehr gute Hobbysänger. Sie durchlaufen ein dreistufiges Aufnahmeverfahren, bei dem auch Songs auswendig gelernt werden müssen. Jedes Mitglied muss zwei verschiedene Programme auswendig können.
Bertrand Gröger gibt Arrangements und Kompositionen in Auftrag, erweitert die stilistische Breite in Richtung Weltmusik und Fusion und schreibt auch selbst immer wieder Stücke wie „der und die (das)“ für die Bamberger Symphoniker, den Jazzchor und eine fünfköpfige Jazzband oder die bei Schott verlegten „Loop Songs“. Auch die Zusammenarbeit mit den Swingle Singers, den New York Voices, dem Jazztrompeter Joo Kraus, dem Arrangeur Roger Treece und der Sängerin Torun Eriksen prägen den Jazzchor Freiburg. „Als wir zum ersten Mal im Jahr 2004 mit Bobby McFerrin zusammenarbeiteten, hatte er bei der ersten Probe eine Bibel unter dem Arm“, erzählt Gröger. McFerrins afrikanisch geprägter, das Paradies beschreibende Song „The Garden“, den der Freiburger Jazzchor beim Konzert in der Christuskirche als Zugabe singt, ist in gewisser Weise der Ausgangspunkt für das aktuelle Album „Sacred“ (2025). „In den letzten Jahren hatten wir einzelne geistliche Stücke im Programm. Für mein letztes Album hatte ich den Wunsch, ganz verschiedene Arten von geistlichen Songs zusammenzubringen. Das hat auch mit meinem persönlichen Glauben zu tun“, sagt Gröger.
Die Idee, George Harrisons „Long, Long, Long“ vom „White Album“ der Beatles aufzunehmen, kam von Chormitglied Johannes Jäck. In Grögers epischem Arrangement wird zunächst der Klangraum ausgemessen, ehe Jäck mit leicht angerauter Stimme die schlichte Melodie anstimmt. Scharfe Dissonanzen mischen sich in den satten Chorklang, der auch mal in einem Glissando nach unten rutscht und wieder hochgezogen wird. Am Ende steigt im sechsstimmigen, rund dreißigköpfigen Chor pro Schlag jeweils eine Stimme auf, um bei dieser Gottessuche aus dem Dunkel ins gleißende Licht zu gelangen. Jäck hat sowohl die Chorstimmen einzeln als auch den Chorklang im Ganzen aufgenommen. Damit alles trotz des flexiblen Tempos übereinander passt, spielte Gröger einen Clicktrack ein. Deshalb können die elf Songs atmen, ohne dass der Chor dabei im Zusammenklang der Stimmen an Präzision verliert. Der 90er-Hit „One Of Us“ (Solo: Pauline Hünnemeyer) changiert zwischen Intimität und mit voller Bruststimme gesungenem Tutti. In Duke Ellingtons „Praise God and Dance“ wird der Jazzchor Freiburg zur Big-Band. Wie ein klassischer Chor agiert das Ensemble dagegen in Torun Eriksens „Saviour“. Aus Leonard Bernsteins einstimmigem „Simple Song“ macht Gröger in seinem Arrangement einen Choral, Stefan Flügels „Sing For Joy“ ist im 7/4-Takt, der tiefen Basslinie und den scharfen rhythmischen Konturen eingängig und abwechslungsreich. Das Schlusswort auf „Sacred“ spricht Gröger selbst mit seinem schlichten Song „Open Skies“ (Solo: Torun Eriksen), den der Chor in seinen Arpeggi weich bettet und im Mittelteil pathetisch auflädt. Ein paar Jazzakkorde sind in die Idylle eingestreut. Und auch der Schluss bleibt harmonisch offen.
- Neues Album: Sacred, Jazzchor Freiburg, Leitung: Bertrand Gröger, Jazzhaus Records
- Nach Redaktionsschluss erreichte uns noch die Nachricht, dass der Jazzchor Freiburg mehrfach für die „2026 Contemporary A Cappella Recording Awards (CARA)“ nominiert ist. Das aktuelle Album Sacred konnte die internationale Jury gleich in mehreren Kategorien überzeugen. Auch einzelne Titel des Albums wurden nominiert.
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