November 2023. In der Aula der Lauenburgischen Gelehrtenschule umringen Mitglieder des Landesjugendensembles für Neue Musik Schleswig-Holstein rund einhundertfünfzig Schüler:innen der zehnten und elften Klassen, die mit gespannter Haltung in Stuhlreihen sitzen. Ein tiefes Schiffshorn donnert aus dem Trichter der Bassposaune, während Holzbläser ein zartes Vogelgezwitscher anstimmen. Um die schleppenden Gehschritte auf Kiessteinen kümmert sich die Kleine Trommel. So der Beginn eines Konzertprogrammes, für das Natur- und Alltagsklänge der Ratzeburger Umgebung von den Mitgliedern des Ensembles festgehalten und auf instrumentale oder auch vokale Klänge übertragen wurden.
„Klanglandschaft für RMS“, hier mit Studierenden der Hochschule für Musik Basel. Foto: Nicholas Reed
Eigene Klanglandschaften gestalten
Zur Vorbereitung dieses „(Ratzeburg) Memory Space“ nach einem Konzept von Alvin Lucier (1970) sind zwei Arbeitsstufen nötig: das konzentrierte Hören auf die Klänge einer äußeren Umgebung und das Transferieren der einzelnen Klangereignisse auf die Stimme und auf Instrumente. Eine Aufführung des Konzeptes besteht aus dem möglichst naturgetreuen Nachbilden der entsprechenden „Klangsituation“. Um dem Eröffnungsstück einen ästhetisch verwandten Partner zur Seite zu stellen, habe ich zusammen mit den Schüler:innen und Mitgliedern des Landesensembles ein ebenso partizipatives Schlussstück entwickelt: die „Klanglandschaft für RMS“ (Raymond Murray Schafer).
Hörverhalten im Kern des Schöpfungsprozesses
Der kanadische Komponist und Klangökologe R. Murray Schafer reiht sich ein in die radikalen Erweiterungen des Kunst- und Musikverständnisses seit den 1950er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die mit den Namen Joseph Beuys, John Cage, Annea Lockwood, Pauline Oliveros und anderen verbunden sind. Vielfach ist es dabei der Akt des Hörens, der den Ausgangspunkt voraussetzungsoffener Musik- und Performancepraktiken bildet. So appelliert die amerikanische Komponistin und Akkordeonistin Pauline Oliveros in ihren „Sonic Meditations“ (1971), die Welt „als Musik zu hören“, alle Menschen ins Musikmachen einzubeziehen und den Unterschied zwischen Performer:in und Publikum aufzuheben. Jeder Mensch verfügt über großartiges Potenzial, musikalisch aktiv zu werden und unabhängig von aller musikalisch-fachlichen Ausbildung einen schöpferischen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten – ganz im Sinne der Community Music. Kreative künstlerische Prozesse können mit allen und für alle entstehen. Jede:r ist Künstler:in.
Hören neu lernen
In seinen „Anstiftungen zum Hören“ (1992, original A Sound Education), von ihm als „ear cleaning – Ohrenputzen“-Übungen bezeichnet (ebd., S. 16), widmet sich der kanadische Komponist Raymond Murray Schafer der Schulung unserer Hörfähigkeiten. Sein Ziel ist das Neulernen des Hörens, eine grundsätzliche Urfähigkeit, die, so Schafer, in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Durch spezifische „Klanglandschafts-Designs“ motiviert uns Schafer, viel kritischer, bewusster und aufmerksamer mit unserem Gehör umzugehen. Dadurch sollte es möglich sein, unsere eigene Klanglandschaft selbst „von unten und von innen heraus“ (ebd., S. 15) zu gestalten und sich nicht immer auf die ersten, einfachsten akustischen Eindrücke zu verlassen. Schafer geht es im Wesentlichen um das Feststellen eines Unterschieds zwischen dem sogenannten fokussierten und peripheren Hören (ebd., S. 13) sowie um das Entwickeln eines agilen, äußerst bewussten Aktivierens unseres Hörvermögens.
Das Sammeln eines Spielmaterials
In Musikaktionen mit Gruppen diverser Altersstufen verwende ich gerne die ersten beiden „Anstiftungen“ dieser Sammlung. Diese öffnen auf wunderbare Weise einen werturteilsfreien Raum für ein bewusstes, sensibles Miteinander. Gleichzeitig dienen sie als Material für das Konzept „Klanglandschaft für RMS“. Die erste Anstiftung lautet:
„Notieren Sie alles, was Sie gerade hören. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit dafür. Wenn Sie mit anderen zusammen sind, so lassen Sie alle ihre Notizen laut vorlesen, um Vergleiche anzustellen. Jeder hat dann seine eigene Liste von Klängen, denn das Hören ist ein sehr individueller Vorgang. Die Listen werden verschieden lang sein, aber: alle Antworten sind richtig.“ (ebd., S. 19)
Bei der zweiten Anstiftung handelt es sich um ein Reflektieren über die Eigenschaften der notierten Klänge, welche von den Mitwirkenden auf verschiedene Arten sortiert werden. Unterschieden wird hier und geordnet werden sie danach, „ob es sich um einen Klang der Natur, einen menschlichen Klang oder einen technischen Klang (z.B. einer Maschine)“ handelt; sodann, ob der Klang „selbst verursacht“ wurde; und drittens, ob es dauerhaft, wiederholt oder „ein einziges Mal“ gehörte, einmalige Klänge sind, die da gehört wurden (ebd., S. 20).
Vom Gedächtnis zum Klang
Um konkretes Material für die Phase der Gestaltung zu gewinnen, wählt jede:r Teilnehmende aus diesem Fundus drei Lieblingsklänge und gestaltet sie mit Alltagsgegenständen, Stimm- oder Instrumentalklängen neu. Hierbei lohnt es sich, über die Sortierungen noch einmal mit der Gruppe nachzudenken. Wähle ich bewusst drei dauerhafte Klänge? Wähle ich Klänge, die lediglich von mir verursacht wurden, oder ausschließlich Klänge der Natur? Hierbei gibt es keine richtige Lösung, nur sollte der Auswahlprozess überlegt und nicht beliebig sein. Bei der Umwandlung von erinnerten Klängen in konkrete Klangaktionen geht es mir – im Kontrast zu dem ähnlichen Transferprozess in „(Ratzeburg) Memory Space“ – nicht um eine möglichst genaue Übersetzung. Vielmehr soll über den wesentlichen Charakter des Klanges (z.B. flatternd, schimmernd, rauschend) reflektiert werden. Es sind diese musikalischen Qualitäten, die im Rahmen einer (ggf. angeleiteten) Explorationsphase von den Teilnehmer:innen fantasievoll und frei mit einer großen Bandbreite von Klangerzeugern umgesetzt werden. So wurden in vergangenen Fassungen klimpernde Schlüssel mit einer Triangel, menschliche Stimmen mit einer Cuica (brasilianische Reibetrommel) und das ferne Rauschen des Verkehrs mit den Luftgeräuschen einer Kontrabassklarinette wiedergegeben. Ist diese anregende Umwandlungsphase vollendet, werden alle Klänge der Reihe nach präsentiert. Dabei lassen sich spontan unterhaltsame Ratespiele mit den Teilnehmer:innen realisieren. Ist damit das Knistern des Papiers gemeint? Oder vielleicht doch das Tappen der Finger an der Tastatur?
Die abschließende Phase der Gestaltung kann in mannigfachen Varianten zu einer Performance führen, in deren Rahmen die Hauptgrundsätze der Community Music aufgegriffen werden. Denkbar ist es, mit dem gewonnenen Spielmaterial einen offenen, frei improvisierten Austausch in der Gruppe anzuregen. Teilnehmer:innen, die sich von dem Material der anderen angesprochen fühlen, können Duos, Trios oder Quartette bilden, um sich in gesprächsartige Dialoge auf Augenhöhe zu begeben. Das Festlegen von strukturellen Mustern ist ebenfalls möglich. Im Fall des Schulkonzertes teilte ich Blätter mit einem Blanko-Zeitraster von einer Minute aus.
Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten
In einer Phase des Ausprobierens trugen Gruppen von Schüler:innen symbolische Repräsentationen ihrer Klänge an der gewünschten Stelle ein, wobei eine Art graphische Zeitraster-Partitur entstand. Mit Hilfe einer Stoppuhr führten zunächst die einzelnen Gruppen die „Landschaft“ ihrer Vorlage auf, gefolgt von einer fulminanten Tutti-Fassung aller Klänge. Bei dieser Art der Präsentation entstehen überraschende, unterhaltsame Momente des ungeplanten Miteinanders, die zur gruppendynamischen Entwicklung beitragen. Die partizipativen, inklusiven Spiel- und Gestaltungsmöglichkeiten dieses einfachen, aber wirkungsvollen Konzeptes sind so vielfältig wie die beteiligten Menschen, die im erfüllten Augenblick des Zusammenseins mit den Klängen unserer Welt ganz ungezwungen und lebendig kommunizieren.
- R. Murray Schafer: Anstiftung zum Hören. Hundert Übungen zum Hören und Klänge Machen, hrsg. von Justin Winkler; Übersetzung aus dem Englischen von Klaus Wittig, Aarau 2002 (Original: R. Murray Schafer: A Sound Education, Indian River 1992).
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