Als das Bridges Kammerorchester im April 2026 zehn Jahre nach dem ersten Konzert wieder im hr-Sendesaal spielte, kehrte es an den Ort seines Ursprungs zurück. Hier begann 2016 initiiert durch eine zunächst einmalige Konzertidee mit 70 Musiker:innen (frisch nach Deutschland geflüchteten und im Rhein-Main-Gebiet ansässigen Musiker:innen) ein Projekt, aus dem sich inzwischen ein künstlerisch eigenständiger Klangkörper entwickelt hat. Dass sich das Ensemble heute „The composing orchestra“ nennt, ist dabei mehr als ein gut gewählter Slogan.
Eine andere musikalische Öffentlichkeit im Blick: das Bridges Kammerorchester. Foto: cambrothers.raw
Kulturelle Vielfalt als klingende Realität
Für diese besondere Besetzung aus Instrumenten und Musiker:innen verschiedener Traditionen gibt es keine fertige Literatur. Bridges muss seine Musik selbst hervorbringen – in Kompositionen, Arrangements und kollektiven Arbeitsprozessen.
Gerade das macht dieses Orchester so interessant. Bridges ist nicht aus einem fertigen Konzept entstanden, das man am Schreibtisch entworfen und anschließend in die Wirklichkeit übertragen hat. Am Anfang stand vielmehr die Begegnung. Im Januar 2016 trafen sich in Frankfurt auf Initiative von Julia Kitzinger und Isabella Spona erstmals rund 70 Musiker:innen mit und ohne Flucht- und Migrationsbiografie. Sie brachten höchst unterschiedliche musikalische Erfahrungen, Sprachen, Instrumente und Bedürfnisse mit und probten für ein Konzert, das im April 2016 im hr-Sendesaal stattfand. Sehr schnell wurde deutlich, dass es mit diesem einen Abend nicht getan sein würde. Aus einer Idee wurde kontinuierliche Praxis. Aus einer offenen Initiative wurde allmählich eine Struktur. Und aus dem Wunsch, gemeinsam Musik zu machen, entstand nach und nach ein ästhetisches Programm.
Die Flötistin Johanna-Leonore Dahlhoff übernahm die künstlerische Leitung. Später kam Anke Karen Meyer für Organisation und Fundraising hinzu. Bridges wuchs also nicht nach einem Masterplan, sondern aus dem Prozess heraus. Vielleicht liegt gerade darin eine der Stärken dieses Projekts. Denn was hier entstand, war nie bloß ein musikalisch bebilderter Kommentar zu gesellschaftlichen Debatten. Bridges wollte von Anfang an nicht symbolisch für Vielfalt stehen, sondern musikalisch etwas Eigenes schaffen. Die Initiative professionalisierte sich, spielte weitere Konzerte im hr-Sendesaal, kooperierte mit dem Ensemble Modern, gastierte mehrfach bei der Gedenkstunde der Bundesregierung für die Opfer von Flucht und Vertreibung und gründete 2018 eine gemeinnützige GmbH. Damit verband sich ausdrücklich das Ziel, transkulturelle Musik zu fördern und berufliche Perspektiven für professionelle Musiker:innen zu schaffen, deren Instrumente und Musikstile im deutschen Musikbetrieb bislang kaum vorkamen.
Kollektives Komponieren
Die wahrscheinlich wichtigste Zäsur auf dem Weg zu einem professionellen Ensemble kam dann 2019 mit der Gründung des Bridges Kammerorchesters. Aus der seit 2016 bestehenden Initiative wurde ein Ensemble mit klarem künstlerischen Fokus. Gegründet mit 22 Musiker:innen, heute auf 25 Orchestermitglieder angewachsen, entwickelte es eine Arbeitsweise, die im deutschen Musikleben nach wie vor ungewöhnlich ist. Denn wo es kein überliefertes Repertoire gibt, muss neues Repertoire entstehen. Eine Besetzung, in der europäische Klassik, klassische arabische und persische Musik, Jazz, osteuropäische Folklore und zeitgenössische Musik zusammenkommen, kann sich nicht einfach aus dem vorhandenen Kanon bedienen. Also schreiben die Musiker:innen selbst: Sie komponieren, arrangieren, probieren aus, verwerfen, entwickeln weiter. Inzwischen geht das Ensemble noch einen Schritt weiter und setzt verstärkt auf kollektive Kompositionen, bei denen zwei bis vier Musiker:innen aus unterschiedlichen Traditionen gemeinsam schreiben. Genau hier wird es spannend. Denn Diversität wird nicht ausgestellt, sondern in einen künstlerischen Prozess überführt. Sie ist nicht Dekor, sondern Material.
Diese Arbeit wird längst nicht mehr nur als interessantes Experiment wahrgenommen. Dies zeigen die Stationen der vergangenen Jahre sehr deutlich: Schon zur Gründung des Kammerorchesters wurde Bridges 2019 mit „The Power of the Arts“ ausgezeichnet. 2021 erhielt das in Koproduktion mit hr2-kultur veröffentlichte Debütalbum „Identigration“ (die nmz berichtete) den Preis der deutschen Schallplattenkritik. 2022 wurde das Orchester Orchestra in Residence im Casals Forum der Kronberg Academy und erhielt den Hessischen Integrationspreis sowie den Frankfurter Diversitäts- und Integrationspreis. 2024 folgten die Aufnahme in das Bundesprogramm „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ und das Debüt in der Elbphilharmonie Hamburg im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival. 2025 produzierte ARTE das Programm „Beyond time and space“ für seine digitale Konzertplattform und das Fernsehen. Liest man diese Liste, könnte man meinen: Bridges ist längst selbstverständlich in der deutschen Orchesterlandschaft angekommen.
Und doch wäre genau das eine zu einfache Lesart. Denn der Fall Bridges bleibt kulturpolitisch aufschlussreich. Das Ensemble wird heute durchaus als innovatives, professionelles Kammerorchester wahrgenommen. Gleichzeitig wird es von vielen Häusern noch immer eher für Education- und Community-Projekte angefragt als für reguläre Orchesterkonzerte in klassischen Konzertreihen. Das ist bemerkenswert. Denn es verweist auf eine Schieflage, die weit über Bridges hinausreicht. Die Vielfalt musikalischer Identitäten, die in Deutschland längst Realität ist, spiegelt sich in den Programmen vieler Institutionen immer noch nur sehr begrenzt. So steht Bridges an einer eigentümlichen Stelle: Das Orchester ist anerkannt, ausgezeichnet und sichtbar – und macht gerade dadurch umso deutlicher, was im Musikbetrieb noch fehlt.
Vor diesem Hintergrund sollte man den Education-Bereich von Bridges nicht als freundliches Zusatzprogramm missverstehen. Er ist kein Beiwerk. Er ist ein zweiter Kern der Arbeit. Es geht dabei nicht einfach darum, Konzerte für Kinder oder Workshops für Schulklassen anzubieten. Bridges wagt den musikalischen Perspektivwechsel. Bridges bringt transkulturelle Musik in den schulischen Alltag. Transkulturelle Vielfalt wird zum Beispiel in inszenierten oder interaktiven Konzerten für Kinder und Jugendliche erfahrbar gemacht und damit auch die Frage aufgeworfen, wer in unseren Bildungsinstitutionen eigentlich gehört und gesehen wird. Welche musikalischen Biografien erscheinen als normal, welche als randständig? Bridges setzt genau hier an und schafft Räume, in denen kulturelle Vielfalt nicht als abstraktes Ideal, sondern als klingende Realität erfahrbar wird.
Künstlerisches Feld Education
Dieser Anspruch bleibt bei Bridges erfreulicherweise nicht auf der Ebene wohlmeinender Programmsätze stehen. Seit seiner Gründung arbeitet das Ensemble mit Frankfurter Schulen zusammen. Aus dieser Arbeit entstanden unter anderem „Glokale Welthits in Frankfurt“, 2022 im Rahmen des Saisoneröffnungsfestivals „Mitten am Rand“ der Alten Oper aufgeführt, sowie eine Stadtteil-Oper. Formate wie die „Bridges Dolmuş“ holen transkulturelles Musizieren in den wöchentlichen Grundschulunterricht. „GlobalyLoop“ bringt die Playlists von Acht- und Neuntklässler:innen in spielbare Partituren für ein transkulturelles Klassenorchester. Bei Probenbesuchen können Schüler:innen dem Orchester buchstäblich auf die Pelle rücken. Das alles zeigt: Education ist hier nicht die vereinfachte Vorstufe zum eigentlichen Konzertbetrieb, sondern ein eigenes künstlerisches Feld, in dem ästhetische und gesellschaftliche Fragen unmittelbar zusammenlaufen.
Besonders aufschlussreich ist die langfristige Partnerschaft mit der Henri-Dunant-Grundschule. Seit 2025 ist das Bridges Kammerorchester hier Residenzorchester. Vor den Sommerferien 2026 wurde die Zusammenarbeit mit einer zweiten Stadtteil-Oper fortgesetzt. Daran wird sichtbar, dass Bridges Education nicht als Beiwerk versteht, sondern als künstlerische Praxis, in der Schüler:innen, Lehrkräfte und Orchestermitglieder gemeinsam an Fragen von Zugehörigkeit und Selbstverständnis arbeiten.
Hinzu kommt die Arbeit mit Hochschulen und Ausbildungsinstitutionen. Auch hier will Bridges nicht einfach nur Impulse geben, sondern Strukturen verändern. Das Kooperationsprojekt „Bridges im Klassenzimmer“ bringt seit 2017 transkulturelle Musik in die Lehramtsausbildung. Besonders konkret zeigt sich dieser Anspruch in der Kooperation mit Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt. Mit seiner transkulturellen Expertise begleitet das Bridges Kammerorchester dort die Öffnung des Bachelorstudiengangs Elementare Musikpädagogik/Musikvermittlung: Seit dem Wintersemester 2025/2026 können sich junge Musiker:innen in Frankfurt mit jedem Instrument bewerben und nach bestandener Aufnahmeprüfung das Studium aufnehmen. Damit wird es möglich, auch außereuropäische Instrumente wie Oud, Kaval, Erhu, Tiple oder Bağlama regulär in eine anerkannte, musikalische Ausbildung einzubinden. Das mag auf den ersten Blick wie eine kleine curriculare Verschiebung wirken. Tatsächlich ist es weit mehr. Es rührt an einen Grundsatz – an die Frage, was in Deutschland überhaupt als studierwürdiges Musikinstrument gilt.
Gerade in dieser Verbindung von Konzertarbeit, Komposition und Bildung liegt die eigentliche Besonderheit von Bridges. Das Orchester vermittelt nicht bloß Vielfalt. Es produziert sie klanglich und institutionell. Seine Musiker:innen treten nicht nur als Interpret:innen auf, sondern auch als Arrangeur:innen, Komponist:innen, Workshopleiter:innen und Vermittler:innen. Dadurch verändert sich auch der Blick auf das Orchester selbst. Es erscheint nicht mehr als geschlossene Formation, die vorhandene Werke möglichst vollkommen reproduziert, sondern als bewegliche Struktur, in der musikalische Praxis, soziale Erfahrung und ästhetische Forschung ineinandergreifen. Diese Offenheit ist bei Bridges keine pädagogische Zugabe, sondern Teil des künstlerischen Selbstverständnisses.
Das Publikum ist weiter
Auch die digitale Resonanz spricht dafür, dass das Ensemble einen Nerv trifft. Der YouTube-Kanal des Orchesters hat inzwischen über 30.000 Abonnent:innen. Einzelne Videos erreichen ein Millionenpublikum und rufen Kommentare in zahlreichen Sprachen hervor. Für ein freies Orchester ist das alles andere als gewöhnlich. Es zeigt, dass der Bridges-Sound weit über lokale Förderlogiken und nationale Debatten hinaus wahrgenommen wird. Und es zeigt noch etwas anderes: dass das Publikum oft weiter ist als die Institutionen. Die Offenheit, von der so viele Kulturpolitiker:innen gern sprechen, ist beim Publikum offenbar längst vorhanden.
Gerade deshalb lohnt es sich, bei Bridges genauer hinzusehen. Denn das Orchester unterläuft die bequeme Trennung zwischen „künstlerisch anspruchsvoll“ und „gesellschaftlich relevant“. Seine Arbeit ist beides zugleich. Wer Bridges auf Vermittlung reduziert, verkennt die kompositorische und klangliche Eigenständigkeit dieses Ensembles. Wer nur den Konzertbetrieb sieht, übersieht wiederum, wie sehr hier gleichzeitig an einer anderen musikalischen Öffentlichkeit gearbeitet wird. Bridges steht deshalb nicht nur für ein gelungenes Projekt, sondern für eine Herausforderung an den Musikbetrieb insgesamt.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieses Jubiläums. Bridges hat in zehn Jahren nicht einfach bewiesen, dass ein transkulturelles Orchester funktionieren kann. Das Ensemble hat gezeigt, dass aus der Vielfalt musikalischer Biografien eine eigene Gegenwartsmusik entstehen kann – mit eigenem Klang, eigener Kompositionspraxis und einem Vermittlungsansatz, der nicht pädagogisch abfedert, sondern ästhetisch erweitert. Wenn sich der deutsche Musikbetrieb gern auf Offenheit, Diversität und Teilhabe beruft, dann ist Bridges längst mehr als ein sympathisches Beispiel. Es ist ein Prüfstein.
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