Die Zusammenarbeit zwischen dem Bundesverband Musikunterricht (BMU) und der neuen musikzeitung gehört zu einer inzwischen fest-etablierten Säule im Musikbereich der Leipziger Buchmesse. Auch in diesem Jahr standen die gemeinsam konzipierten Gesprächsformate im Musik-Café, die aktuelle Fragen der Musikpädagogik und Kulturpolitik verhandelten, im Mittelpunkt der gemeinsamen Aktivitäten. Über dieses im Gespräch praktizierte Denken in Echtzeit geben Georg Biegholdt und Jürgen Oberschmidt, die beiden Präsidenten des BMU, gegenüber nmz-Chefredakteur Andreas Kolb Auskunft. Gewählt sei auch hier die Form eines Gesprächs, weil es die verhandelten Inhalte nicht nur ausdrückt, sondern wie auf der Buchmesse selbst neu entstehen lässt.
Musik hat auf der Leipziger Buchmesse ihren festen Platz. Foto: Leipziger Buchmesse/Tom Schulze
Neues entsteht aus der Begegnung heraus
neue musikzeitung: Wenn heute alle von Demokratiebildung sprechen, lohnt der Blick auf die musikalische Bildung: Fördert sie das aufeinander Hören, das Aushandeln von Stimmen – oder bleibt sie bei wohlklingender Harmonie stehen, die echte Teilhabe eher übertönt als ermöglicht?
Jürgen Oberschmidt: Das Musizieren an sich, das gemeinsame Singen und Klingen hat noch nichts mit Demokratiebildung zu tun. Auch böse Menschen haben ihre Lieder, ich denke hier an einen Aufsatz des oft als „Sänger der musikalischen Machtergreifung“ bezeichneten Kulturfunktionärs Joseph Müller-Blattau mit dem Titel: „Lehre vom Führen und Folgen in Chor und Orchester“. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen galt es auch auf der Buchmesse, sich diesen Fragen zu stellen. Die Initiative kulturelle Integration hat erstmals den bundesweiten Aktionstag „Zusammenhalt in Vielfalt“ am UNESCO-Welttag der kulturellen Vielfalt am 21. Mai 2026 ausgerufen: „Musik ist ein wunderbarer Kitt, ein Zaubermittel, das wir benutzen können, um Leute zusammenzubringen.“ So äußerte sich Sebastian Krumbiegel, Botschafter der Kulturrats-Initiative.
Georg Biegholdt: Wenn von Dirigent und Orchester die Rede ist, dann ist von einem Aushandeln wohl weniger die Rede. Aber im Musikunterricht sollte das eine Rolle spielen und dann kann man wohl von Demokratiebildung sprechen. Die Frage ist, wie Musiklehrerinnen und Musiklehrer ihren Unterricht auffassen: Geht es um Vermittlung oder geht es um Bildung? Vermittlung ist wenig demokratisch – da bestimmt jemand, was zu vermitteln ist, und der Adressat muss das über sich ergehen lassen. Bei Bildung hingegen steht der sich Bildende im Mittelpunkt und die Lehrperson sieht sich vor die Aufgabe gestellt, dessen Bildungsinteresse zu befördern und zu befriedigen.
nmz: Das klingt nach einem Ideal. Kann der Musikunterricht das einlösen?
Biegholdt: Im Musikunterricht müssen wir daran arbeiten, dass die unterschiedlichen Stimmen der verschiedenen musikalischen Praxen auch gehört werden. Was sich in den 15 Thesen „Zusammenhalt in Vielfalt“ manifestiert, musss auch für einen Musikunterricht in Vielfalt gelten, der sich an den Lebensrealitäten orientiert: Ob nun Kinder und Jugendliche mit klassischer europäischer Musik, mit Pop, Hip-Hop, traditioneller Musik aus anderen Ländern aufgewachsen sind, Musik ist immer ein wichtiger Teil ihrer Identität. Vielfalt bedeutet auch hier nicht Trennung, sondern gegenseitige Bereicherung. Musik zeigt wie kein anderes Fach, dass kulturelle Einflüsse sich ständig vermischen. Neues entsteht in der Musik immer nur aus Begegnung heraus, aus Respekt, Offenheit und Neugier gegenüber dem, was ich bisher noch nicht kenne.
Vor 321 Jahren verließ Johann Sebastian Bach seine gewohnte Umgebung, ging zu Fuß nach Lübeck, um die Musik Buxtehudes kennenzulernen. Vielfalt erweitert den Horizont und existiert auch innerhalb eines gemeinsamen kulturellen Rahmens.
nmz: Die Beziehung Bachs zu seiner Wirkungsstätte und Reibungsfläche Leipzig ist ja auch immer von produktiven Spannungen geprägt worden. Was können wir hier für unsere bildungs- und kulturpolitischen Debatten ableiten?
Oberschmidt: Gerade die Lateinschulen des 18. Jahrhunderts, etwa die Thomasschule zu Leipzig, verdeutlichen, wie musikalische Ausbildung schon damals Gemeinschaft stiftete und von unterschiedlichen Einflüssen lebte. Ein großer Teil der sogenannten „Thomasschüler“ stammte nicht aus wohlhabenden Familien, sondern aus eher einfachen oder sogar armen Verhältnissen. Viele von ihnen waren auf ein Stipendium angewiesen oder lebten als sogenannte „Alumnen“ in der Schule. Musik ermöglicht gemeinsame Bildungserfahrungen, sie stiftet einen Raum, in dem unterschiedliche soziale und kulturelle Hintergründe zusammenkommen und gemeinsam etwas schaffen. Das galt auch schon vor 300 Jahren. Michael Maul, Leiter des Bach-Archivs und Intendant des Bach-Fests Leipzig, wies auf die Bedeutung der fundierten Musikausbildung in den Lateinschulen hin: Sie ermöglichte talentierten Jungen aus einfachen Verhältnissen Zugang zu hochwertiger musikalischer Bildung. Dadurch erweiterte sie den Kreis derjenigen, die am Musikleben teilnehmen konnten, und trug zu dessen Dynamik bei. Schütz, Bach, Händel, Telemann – diese Komponisten zeigen, dass die Lateinschulen nicht nur Einzelfiguren hervorgebracht haben, sondern ein dichtes Netzwerk musikalischer Exzellenz bildeten. In der damaligen Bildungswelt war die Musikausbildung kein „Add-on“, sondern struktureller Bestandteil von Bildung und Gesellschaft.
Biegholdt: Bei Bach sehen wir auch, wie sehr musikalische Bildung von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängt und wie wichtig künstlerische Autonomie ist. Auch heute wollen Lehrkräfte im schulischen Betrieb mehr als nur funktionieren. Sie möchten unseren Kindern und Jugendlichen Räume öffnen, in denen Eigenständigkeit, Urteilskraft und Widerspruch entstehen können. Darum haben wir gemeinsam mit dem Helbling Verlag den Wettbewerb „Musik macht gute Schule“ ausgerufen. Die Besonderheiten dieses Wettbewerbs, der die aktive Gestaltung des Lernprozesses durch Schüler:innen einfordert, haben wir mit der Helbling-Geschäftsführerin Bettina Höfels und der Helbling-Musikredakteurin Katharina Meyer ausführlich auf der Messe diskutiert. Ich finde es bemerkenswert, dass ein Verlag, der ja eigentlich von für die Bildung vorgefertigten Produkten lebt, sich auf ein solches Experiment eingelassen hat.
Oberschmidt: Die Intention des Wettbewerbs zeigt auch, dass Bach sicher nicht Anfang und Ende aller Musik ist, wie Max Reger dies vor genau 120 Jahren zu wissen glaubte. Und doch bleibt Bach, dessen Geburtstag wir auf der Buchmesse feiern durften, ein wichtiger Knoten im Netz musikalischer Bildung: Bereits Bach musste darunter leiden, wie die Musik aus dem Kernbereich der Bildung herausgelöst wurde. Damals wurde zwar noch keine PISA-Studie beschworen, Bildungsreformen gestalteten sich damals unter dem neuen Licht der Aufklärung. Bildung wurde schon damals zunehmend rationalisiert, systematisiert und stärker an „Nützlichkeit“ und wissenschaftlicher Orientierung ausgerichtet. Musik – besonders in ihrer kirchlichen Funktion – verlor dabei schrittweise ihren zentralen Platz im schulischen Alltag. Statt täglicher musikalischer Praxis rückten Mathematik, Naturwissenschaften und moderne Sprachen stärker in den Vordergrund.
Jürgen Oberschmidt (BMU), Olaf Zimmermann (Initiative kulturelle Integration), Sebastian Krumbiegel (Botschafter der Initiative) und Barbara Haack (Politik & Kultur) beim Gespräch im Musik-Café. Foto: Andreas Kolb
nmz: All das sind Fragen, mit denen wir uns auch heute zu beschäftigen haben. Traditionell wurde und wird vom Rat der Stadt Leipzig Musik gerne als kulturelles Aushängeschild beschworen, aber im Alltag nicht entsprechend ausgestattet. Sinkt das Niveau, wird Musik dann für verzichtbar erklärt.
Biegholdt: Wenn Musik kein Beiwerk, sondern Teil eines gelebten Bildungsalltags ist, kann sie auch heute noch ihr eigentliches Potenzial entfalten. Wir haben auf der Buchmesse mit dem aktuellen Preisträger des BMU-Wettbewerbs „Schulorchester stärken“, den wir gemeinsam in Kooperation mit der Deutschen Orchesterstiftung durchführen, gesprochen, der uns bestätigte: Das entscheidende Kriterium dieses Wettbewerbs ist nicht der glänzende Auftritt, sondern wie die Schulorchesterarbeit in ein Schulkonzept eingebunden wird, wie sie also in dem Erfahrungsraum verankert ist, indem sie entsteht.
Oberschmidt: Wenn Musikunterricht heute unter Druck gerät, ist das daher nicht nur eine aktuelle bildungspolitische Frage, sondern Teil eines langen historischen Prozesses – der Verschiebung von ganzheitlicher kultureller Bildung hin zu stärker funktionaler, spezialisierter Wissensvermittlung. Wir leiden heute unter einer Trennung von Bildung und kultureller Praxis. Spezialisierung und Exzellenz tritt oft an die Stelle einer Zugänglichkeit für alle.
Aus einer alltagsintegrierten Praxis wurde ein kulturelles Konsumgut. Musik wurde in einem Bereich zwischen Fachunterricht, Freizeit und Profession verschoben, sie ist heute überall verfügbar, aber ihre aktive Produktion gehört nicht mehr zum selbstverständlichen Teil der allgemeinen Bildung.
nmz: Ist das nicht auch ein Grund für den Nachwuchsmangel, den wir ja in allen musikpädagogischen Berufen zu beklagen haben?
Biegholdt: Auf dem Weg in die moderne Bildungslandschaft hat sich die Musik zwar professionalisiert und differenziert, aber zugleich wurde die breite Basis musikalischer Sozialisation geschwächt. Der heutige Nachwuchsmangel in allen musikpädagogischen Berufsfeldern ist daher weniger ein Zufall als das Ergebnis eines langen historischen Prozesses, in dem Musik schrittweise aus der allgemeinen Bildungsstruktur herausgelöst wurde. Als BMU beschäftigen wir uns mit diesen Fragen bereits seit langem – sie gehören praktisch zu unserer Verbands-DNA. Wirklich neu ist aber der große Zuspruch, den wir von allen Kulturinstitutionen erfahren: Der Konsens ist groß, die Beteiligung vielfältig – das durften wir auch während der Buchmesse erfahren.
Und doch bleibt Musik im schulischen Kern verletzlich. Kulturinstitutionen stabilisieren, Musikschulen ergänzen und erweitern, aber sie können die strukturellen Defizite im regulären Betrieb nicht annähernd ausgleichen. All unsere Aktivitäten wirken dann häufig wie ein hoch entwickeltes Unterstützungssystem für Dinge, die früher im System selbst verankert waren und nun massiv unter Druck stehen.
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