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Flexibel dank Open-Score-Prinzip: das Berliner KNM campus ensemble in verschiedenen Besetzungsstärken. Fotos: Joschua Lenton

Flexibel dank Open-Score-Prinzip: das Berliner KNM campus ensemble in verschiedenen Besetzungsstärken. Fotos: Joschua Lenton

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Offenheit, Entschlossenheit und Frische

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„Neue Musik für Alle“: Rebecca Lenton im Gespräch über das KNM campus ensemble Berlin
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Das KNM campus ensemble ist nach eigenen Angaben das einzige generationenübergreifende Amateur­ensemble für Neue Musik in Deutschland. Gegründet wurde es vor 15 Jahren von Rebecca Lenton, die als professionelle Flötistin im Bereich der Neuen Musik unter anderem im Ensemble KNM Berlin aktiv ist. Juan Martin Koch hat die Musikerin zu ihrer Arbeit als Ensembleleiterin befragt.

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neue musikzeitung: Welche Überlegungen haben Sie zur Gründung des KNM campus ensembles geführt?

Rebecca Lenton: Neue Musik hat ein Imageproblem. Sie gilt vielen als zu schwierig in der Ausführung und als zu unzugänglich für ein breiteres Publikum. Dabei bestehen deutliche Parallelen zu anderen Kunstformen: Den meisten fällt es vermutlich leichter, sich auf zeitgenössische bildende Kunst einzulassen als auf zeitgenössische Musik – obwohl sie deren Klangsprache aus Film oder Jazz längst kennen. Vielleicht liegt das Problem weniger in der Musik selbst als in der Erwartung, sie verstehen zu müssen, um sie genießen zu können. Verstehen wir eine Symphonie von Beet­hoven, Mahler oder Schostakowitsch tatsächlich – oder folgt unser Zugang nicht vielmehr einem Gefühl von Vertrautheit? Doch dieses Bild beginnt sich zu wandeln: Zunehmend öffnen sich Formen und Formate der Neuen Musik hin zu partizipativeren und zugänglicheren Ansätzen. Diese betrachten aber meist nur das Publikum oder – im Rahmen der kulturellen Vermittlung – Kinder und Jugendliche als Ausführende. Dies geschieht dann oft nur einmalig im Rahmen von Konzerten oder Festivals.

Experiment mit Langzeitwirkung

Hier kommt das KNM campus ensemble ins Spiel. Es wurde im Anschluss an ein Projekt der professionellen Gruppe Ensemble KNM Berlin im Jahr 2011 gegründet, bei dem diese ein groß angelegtes Werk von Salvatore Sciarrino aufführte. Das Stück erforderte 100 Flötisten und 100 Saxophonisten, also brachten wir so viele Amateurmusiker:innen aus der Stadt zusammen, wie wir konnten und schulten sie in den neuen Techniken, die das Stück erforderte. Nach dem erfolgreichen Konzert wollten viele diese Musik weiterspielen…

nmz: Bei zeitgenössischer Musik mit Laien stellt sich aber doch wahrscheinlich die Frage nach den technischen Anforderungen, da ja wahrscheinlich unterschiedliche Spielniveaus vorliegen. Wie lösen Sie das?

Lenton: Als Soloflötistin des Ensemble KNM Berlin verfügte ich über eine umfangreiche Sammlung von Partituren, doch die meisten davon lagen weit über dem Spielniveau, das Amateure bewältigen könnten. Wir begannen vorsichtig mit Musik von Nic Collins und James Tenney. Im Laufe der Jahre haben wir das Repertoire erweitert, indem wir mit zahlreichen Komponist:innen zusammengearbeitet haben – sowohl Profis als auch Studierenden und Amateurmusiker:innen. Textbasierte, grafische und notierte Partituren gehören ebenso zum Ensemblealltag wie eigene Ensemble-Kompositionen, die die Gestaltungsfähigkeiten der Mitglieder fördern und fordern. Renommierte Komponist:innen haben für uns geschrieben, unter anderem Stefan Streich, Ying Wang, James Saunders oder Petros Ovsepyan. Außerdem wurden zwei Kompositionswettbewerbe realisiert, um das Schreiben für Amateurensembles zu fördern.

nmz: Was macht die Arbeit mit Amateuren aus?

Lenton: Es wurde schnell klar, dass sich ihre Qualitäten deutlich von denen professioneller Musiker:innen unterschieden. Ihre Erwartungen an technische Perfektion waren andere – ebenso wie die des Publikums. Was sie stattdessen boten, war eine frische, aufgeschlossene Herangehensweise, die oft erstaunliche Ergebnisse hervorbrachte und -bringt. Direkte Beteiligung steigert sowohl die Freude als auch das Verständnis, insbesondere wenn die Musik neu ist. Die Amateurmusiker:innen bringen zudem ihr professionelles Wissen und Können aus anderen Bereichen mit. Vielleicht fällt es leichter „über den Tellerrand hinauszuschauen“, wenn man beruflich gar nicht erst in diesem Tellerrand gefangen ist.

Austausch und Erfahrungen

nmz: Gibt es auch einen Austausch mit anderen vergleichbaren Gruppen?

Lenton: Ja, denn bald wurde mir klar, dass wir mit unserem Ansatz nicht allein waren: In Großbritannien hatte die Organisation Contemporary Music for All (CoMA) ein ähnliches Modell etabliert. 1993 gründete Chris Shurety die erste CoMA-Sommerakademie, aus der ein internationales Netzwerk von Ensembles hervorging. Derzeit existieren 14 feste CoMA-Ensembles; gemeinsam mit uns als Partnergruppe sind es 15. Als Leiter von CoMA gab Chris Shurety zahlreiche Werke im Open-Score-Format in Auftrag – eine Praxis, die sich besonders für Amateurensembles mit häufig wechselnder Besetzung und Instrumentierung eignet. Ich hatte das Glück, ihn 2015 kennenzulernen. Dieses erste Treffen führte zu drei Aufführungen in London sowie zu fünf KNM campus days in Berlin, von denen vier im Rahmen des Festivals „Klangwerkstatt Berlin – Festival für Neue Musik“ stattfanden. Für die Projekte reisten CoMA-Ensembles aus Großbritannien sowie aus Maastricht, Eindhoven und Amsterdam an, um gemeinsam als CoMA Allcomers Orchestra aufzutreten. Innerhalb Berlins kooperieren wir mit dem Tutti Quanti Orchester der Musikschule Fanny Hensel. Diese Austauschprojekte waren entscheidend, um sowohl die künstlerische Dynamik als auch die Motivation langfristig aufrechtzuerhalten – nicht zuletzt durch die persönlichen Beziehungen und Freundschaften, die daraus entstanden sind.

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Flexibel dank Open-Score-Prinzip: das Berliner KNM campus ensemble in verschiedenen Besetzungsstärken. Foto: Mathilde Tijen Hansen

Flexibel dank Open-Score-Prinzip: das Berliner KNM campus ensemble in verschiedenen Besetzungsstärken. Foto: Mathilde Tijen Hansen

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nmz: Was nehmen Sie persönlich aus dieser Arbeit mit?

Lenton: Meine Erfahrungen mit den campus-Mitgliedern und später den CoMA-Musiker:innen waren äußerst bereichernd. Ich habe eine Offenheit und Entschlossenheit erlebt, die wirklich inspirierend ist – Eigenschaften, die man in professionellen Musikkreisen nicht immer findet. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich anfängliche Skepsis gegenüber einem neuen Stück so oft in Begeisterung verwandelt, sobald die Musiker:innen erkennen, dass es tatsächlich spielbar ist, oder wie die Gruppe zusammenwächst, wenn sie eigene Kompositionen schafft. Wenn alle ihre Fähigkeiten bündeln, wird alles möglich. In dieser Hinsicht kann der Prozess für uns alle, mich eingeschlossen, eine Lernerfahrung sein.

Rahmenbedingungen und aktuelle Projekte

nmz: Kann jeder beim KNM campus ensemble mitmachen oder gibt es bestimmte Voraussetzungen?

Lenton: Da wir eine Mischung aus notierter Musik und grafischen oder textbasierten Partituren aufführen, müssen die Spieler:innen mindestens über ein mittleres Spielniveau ihres Instruments und ausreichende Kenntnisse im Notenlesen verfügen. Was die Besetzung angeht, so ist fast alles möglich, da wir nach dem Open-Score-Prinzip spielen. Wir bieten Neulingen eine Probezeit von einigen Wochen an, bevor sie sich für eine Mitgliedschaft entscheiden.

nmz: Wie sind Sie organisiert und wie finanzieren Sie das Ganze?

Lenton: Von Anfang an haben wir ein Modell verfolgt, das es dem Ensemble ermöglicht, unabhängig und ohne externe Finanzierung zu arbeiten. Die Mitglieder zahlen einen monatlichen Beitrag – ähnlich wie in einem Sportverein – und erhalten dafür wöchentliche Proben und einige Konzerte pro Jahr. Für größere Projekte wie die Campus Days beantragen wir zusätzliche Fördermittel und konnten Unterstützung von der Aventis Foundation, der Klangwerkstatt Berlin, der Ernst von Siemens Musikstiftung und dem Amateurmusikfonds des Landesmusikrates erhalten, um nur einige zu nennen. Ich fungiere als künstlerische Leiterin der Gruppe und treffe die meisten Entscheidungen zur Programmgestaltung, außerdem leite ich die Proben und Konzerte. Die Mitglieder haben 2018 einen Verein gegründet – „Neue Musik für Alle“ –, der bei der Finanzierung und Organisation größerer Projekte hilft. Alle Mitglieder tragen auf ihre Weise bei, jeder in seinem Fachgebiet, sei es beim Korrekturlesen von Texten, beim Verfassen von Förderanträgen, bei der Organisation des Caterings oder bei einer Vielzahl anderer Aufgaben.

nmz: Sie sprachen von internationalen Kontakten, wie steht es um das Netzwerk in Deutschland?

Lenton: Es gibt bundesweit weitere Projekte und Workshops dieser Art, aber nach meiner Kenntnis sind wir nach wie vor das einzige Amateurensemble, das sich wöchentlich trifft und mehrere Konzerte im Jahr gibt. Es wäre jedoch wunderbar, wenn dieses Netzwerk auch hier in Deutschland wachsen würde. Es eröffnet neue Wege für musikalische Ideen und kollektive Kreativität. Der Neue Musik für Alle e.V. ist mit dem KNM campus ensemble Mitglied im Landesmusik­rat Berlin. Gerade im Jahr der Amateurmusik 2026 sollte insbesondere das Genre der Neuen Musik im Amateursektor nochmals besondere Beachtung erfahren.

nmz: Was steht in nächster Zeit an? 

Lenton: Dank einer Förderung aus dem Amateurmusikfonds des Bundesmusikverbands Chor & Orchester (BMCO) können wir im Oktober ein außergewöhnliches partizipatives Konzert realisieren: Zusammen mit Profimusiker:innen des KNM Berlin werden wir die „Swell Pieces“ von James Tenney aufführen. Das Publikum wird eingeladen, mit uns zu interagieren und Teil des Geschehens zu werden. Gleichzeitig werden eine bildende Künstlerin und zwei Tänzerinnen die Aufführung umrahmen und ihre eigenen Interpretationen beitragen. Die Aufführung findet am 10. Oktober in der Baptisten-Kirche in Berlin-Wedding statt.

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