Mehr als «Zuckerpuppe» und «Krimi-Mimi» - Bill Ramsey liebte den Jazz


07.07.21 -
Hamburg - Selbst im hohen Alter stand Bill Ramsey noch auf der Bühne. Dass seine Kräfte beim Gehen ein bisschen schwächer geworden waren - egal. Gemeinsam mit Ehefrau Petra überlegte er dann eben einfach bloß, mit welchem Gehstock er das Konzert bestreiten sollte. Das Anstrengende an Tourneen seien nur die Vorbereitungen und die Reisen. «Aber auf der Bühne, da werde ich nicht so schnell müde», sagte der Musiker, dessen Lieder einst oft in den Bestenlisten des Schlagers landeten - dabei galt seine große Liebe immer dem Jazz. Jetzt ist der Musiker im Alter von 90 Jahren in Hamburg gestorben.
07.07.2021 - Von Dorit Koch, dpa, KIZ

Sein «Wumba-Tumba Schokoladeneisverkäufer», die «Zuckerpuppe» (aus der Bauchtanztruppe), «Pigalle (Die große Mausefalle)», «Souvenirs» oder «Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett» waren Ohrwürmer. Der US-Amerikaner hatte den Nerv der Deutschen getroffen, als er sich für das Komische entschied. Denn einst stand er vor der Frage, die der Produzent seiner ersten Platte ihm 1958 stellte: «Willst du was Lustiges machen oder Rock'n'Roll?» Damals trat der junge Mann aus den Staaten bereits als Jazzsänger in Frankfurter Army-Clubs auf.

Bereut hat er die komödiantischen Lieder nie, wie er selbst immer wieder sagte, «ganz im Gegenteil». Auch wenn er einige Jahre später weg vom «Schlagerclown» wollte. «Ich wollte mein Image erweitern. Dass mir das damals zum Teil so ausgelegt wurde, als würde ich mich für diese Lieder schämen, hat mich wirklich geärgert.» Zumal es den Jazz schon lange vor dem Schlager in seinem Leben gab, wie er nicht müde wurde immer wieder aufs Neue zu betonen.

Richtig empören konnte er sich, wenn ihm unterstellt wurde, er kultiviere seinen Staatenakzent: «Es ärgert mich maßlos, wenn die Leute das sagen. Ich würde gern perfekt Deutsch sprechen, aber ich kann es einfach nicht», sagte der Musiker, der seit Mitte der 1980er Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft hatte, mal dem «Stern».

Seine große Liebe und Leidenschaft war der Jazz. Bereits als Schüler hatte sich der im US-Staat Ohio geborene Ramsey sein Taschengeld als Jazzsänger verdient, auch als Soziologie- und Wirtschaftsstudent an der Yale-Universität in New Haven blieb er dem Genre treu. 1951 kam er zur US Air Force und im Sommer darauf als GI nach Deutschland - seine allerersten deutschen Freunde traf er im Frankfurter «Jazzkeller».

In Frankfurt lernte Ramsey, der nach der Army-Zeit zunächst sein US-Studium fortsetzte, aber wieder nach Deutschland zurückkehrte, Kollegen wie Paul Kuhn und James Last kennen. Und eben seinen Freund und Produzenten Heinz Gietz, der ihn zu Mimi und Mausefalle brachte. «Das waren dufte Titel, die vielen Menschen Freude gemacht haben», sagte Ramsey, der auch an seinem 85. Geburtstag im St.-Pauli-Theater in seiner Wahl-Heimat Hamburg ein Konzert gab.

Seine Fans feierten ihn an jenem Abend wie eh und je, als er zu singen begann - mit jener unverkennbaren, bluesigen Stimme, die im Laufe der Jahrzehnte kaum an Soul und Energie eingebüßt hatte. Genussvoll schloss er die Augen, wippte mit seinem Knie im Takt, fühlte den Groove und beschwor den Geist der Musik aus verrauchten Jazzkellern in New Orleans oder Chicago herauf.

Seine Hits und sein komödiantisches Talent hatten dem Sänger, der sich später selbst den Titel «Schlagerveteran» gab, vor allem in den 1960er Jahren zahlreiche Filmauftritte eingebracht - von Schlagerfilmen bis hin zum Karl-May-Abenteuer «Old Shatterhand». Rund 30 Filme und noch mehr Alben, dazu zahlreiche TV-Sendungen - Ramsey war der geborene Entertainer und fleißig. Als Moderator präsentierte er selbst im fortgeschrittenen Alter für den Hessischen Rundfunk seine «Swingtime» (hr2). Erst Anfang März 2019, kurz vor seinem 88. Geburtstag, zog er nach mehr als drei Jahrzehnten einen Schlussstrich.

Auf Konzertreisen war er immer wieder, seine Managerin war praktischerweise seine vierte Ehefrau Petra. Auch ein «Archäologie-Freak», wie er sich selbst nannte, war Ramsey. Er begeisterte sich für Kunstgeschichte - durchaus Alternativen zur Musikerkarriere wären das für ihn gewesen, erzählte er. Da waren seine Haare schon lange weiß, die Stimme aber kraftvoll geblieben. Der Jazz gehörte noch immer an jedem Tag zu seinem Leben - so wie es schon war, bevor das «Lustige» kam.

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