Noten im Garten vergraben - Polnischer Geiger entdeckt Violinkonzert


30.03.21 -
Berlin/Warschau - Als der polnische Komponist Ludomir Rózycki (1883-1953) während des Warschauer Aufstands im Sommer 1944 aus der Stadt flüchtete, musste er Dutzende seiner Partituren zurücklassen. Rózycki, einem der bekanntesten Komponisten Polens, drohte die Verhaftung durch die deutschen Besatzer.
30.03.2021 - Von dpa, KIZ

Die Manuskripte wurden kurz danach bei einem Feuer zerstört, doch die ersten knapp hundert Takte seines Violinkonzerts blieben erhalten. Der Komponist hatte die Noten in einem Koffer aufbewahrt, 1955 entdeckten sie Bauarbeiter vergraben im Garten.

Der Geiger Janusz Wawrowski hat jetzt nach jahrelanger Arbeit das im spätromantischen Stil komponierte Werk zusammen mit Pyotr Tschaikowskys Violinkonzert mit seiner Stradivarius-Geige und dem London Philharmonic Orchestra auf CD aufgenommen. Er sei vor einigen Jahren auf die Fragmente gestoßen, berichtet Wawrowski. Das Werk habe ihn sofort angesprochen. Mit Hilfe von Experten und einer Archivsuche gelang es dem Violinisten, den handgeschriebenen Klavierauszug des Konzerts aufzutreiben, vor allem aber die ersten 87 Takte der von Rózycki orchestrierten Fassung.

Rózycki hatte sein Handwerk unter anderem beim Komponisten Engelbert Humperdinck in Berlin gelernt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs unterrichtete und komponierte in Katowice (Kattowitz). Bis zu seinem Tod 1953 ging er davon aus, dass das Violinkonzert verloren war.

Vor dem Hintergrund des Aufstands der Warschauer gegen die deutschen Besatzer hat das Konzert für Geiger Wawrowski neben seiner musikalischen Qualität vor allem einen großen symbolischen Wert. «Ich glaube, der Komponist versuchte, diese positive Energie heraufzubeschwören, als er das Werk 1944 verfasste - in dieser so düsteren Zeit, als die Geschosse der Nazi-Artillerie auf die Stadt herabregneten.»

Ludomir Rózycki, Konzert für Violine und Orchester Op. 70
Pyotr Ilyich Tschaikowsky, Konzert für Violine und Orchester Op. 35
Janusz Wawrowski (Violine)
London Philharmonic Orchestra, Grzegorz Nowak (Leitung)
Warner Classics

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