Hauptbild
Besichtigung ab 9 Uhr. Stephansdom (Wien). Foto: mku

Besichtigung ab 9 Uhr. Stephansdom (Wien). Foto: mku

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Reihe 9 (#84) – con sordino

Vorspann / Teaser

Kürzlich war ich beim Reifenwechsel. Dass man die alten Schlappen auch noch für eine wunderbare Klanginstallation nutzen könnte, war mir und der Werkstatt meines Vertrauens allerdings unbekannt. Aber ich bin auch kein Schlagwerker wie Peter Conradin Zumthor, der diesen Herbst für Wien Modern das Geläut – genauer: die Klöppel – des Stephansdoms in schwarzes Reifengummi verpackt hatte und zu abendlicher Stunde seltsam schön „con sordino“ erklingen ließ.

Autor
Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Wir leben in unseren Breitengraden in einer zunehmend säkularen Welt. Längst ist Weihnachten im Zeichen des Konsums depraviert, doch in diesem Jahr fallen vielerorts wohl selbst die Geschenke aus. Und denkt man munter weiter, steht nach der Krippe alsbald die Kirche selbst zur Disposition. So etwa im saarländischen Neunkirchen, wo sich die katholische Gemeinde schon im Jahre 2015 von drei ihrer vier Kirchen trennte – oder wie es richtig heißt: diese profanisierte und die Gebäude veräußerte. Interessant wird es aber, wenn der neue Eigentümer nicht nur seine vier Wände, sondern auch das Geläute nutzen möchte. Streit mit der Nachbarschaft steht dann ins Haus! Denn während das liturgische Läuten unter das Verwaltungsrecht fällt (und durch die Amtskirche verfassungsrechtliche Privilegien genießt), geht es beim weltlichen Läuten, dem „Profangeläut“, mit Zivilklagen schneller zur Sache. Dafür nämlich gelten die für das althergebrachte Kirchengeläut modifizierten Richtwerte der ansonsten strengen TA Lärm (der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm) nicht.

Bild
«Ich glaube an Pink» (Audrey Hepburn). Foto: mku

«Ich glaube an Pink» (Audrey Hepburn). Foto: mku

Text

Peter Conradin Zumthor jedenfalls kam auf die Idee der gedämpften Glocken nach eigener Auskunft in einem Café in Chur, während es vom Martinsturm herunter bimmelte. „Keinen Schlag, nur Ausklang“ will er mit den sordiniert präparierten Klöppeln erzeugen.

Bereits 2020 setzte Zumthor dies in Luzern um, nun folgten in Österreich das Stift Klosterneuburg und der illuminierte Stephansdom. Obgleich mir die sicherlich in vergleichbarer Form auch in Österreich und der Schweiz existierenden TAs nicht geläufig sind, so wäre schon einmal zu überlegen, ob die „Aufführung“ des Werkes zu später Stunde nicht unter den strengen weltlichen Lärmschutz fällt. Jedenfalls lag in Wien keine liturgische Ordnung, sondern eine regelrechte Klang-Partitur vor, die deutliche Spuren des kompositorischen Prozesses aufwies.

Bild
«serielles» Läuten. Die Partitur in der Hand des Komponisten. Foto: mku

«Serielles» Läuten. Die Partitur in der Hand des Komponisten. Foto: mku

Text

Das tatsächlich wie aus einer fernen Erinnerung anmutende „Ausklingen“ des Geläutes könnte freilich in die Zukunft weisen – gleich, ob man es nun als religiöse Klangmeditation oder nurmehr akustisches Happening wahrnimmt. Ob die am 22. November 2023 zeitgleich erfolgte städtische Leerung der Wiener Mistkübel vor den Weihnachtsbuden in den Bereich der bewussten Sabotage oder des unfreiwilligen Kontrapunkts gehören, muss glücklicherweise offen bleiben.

Embed
Text
  • Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!