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Theo Geißler. Foto: Charlotte Oswald
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Theos Kurz-Schluss: Wie ich einmal dank Neustrukturierung des Jahres den Weihnachtsstress abbaute

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Nachdem die Jahreszeitenzählung und Festtagsanerkennung aus sozialer und damit kommerzieller Sicht etwas undurchschaubar geworden ist, lohnt vielleicht der Versuch einer dem natürlichen Klimawandel nur bedingt unterworfenen Neuordnung: Beginnen wir mit der Wandlung des eigentlich besinnlichen, protestantisch keusch definierten Buß- und Bettages über den Schmus- und Betttag hin zum mittlerweile ganzjährig geltenden Halloween.

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    Bekanntlich machten sich ursprünglich der Mythologie nach am seinerzeit noch Samhain genannten Wochenende die Toten auf die Suche nach den Lebenden, die im nächsten Jahr sterben sollten. Zur Abwehr der bösen Geister verkleideten sich die Menschen mit furchterregenden Kostümen und spukten selbst bei Nacht durch die Straßen. Recht bald erkannten die amerikanische Mafia, Disney, die Republikaner und Warner Brothers das pädagogische und wirtschaftliche Potenzial dieser Neo-Ideologie. Der Hallenser Einwanderer und stille Partner Henry Fords namens JähJähJäh Nüllemaur bewarb diesen Raunacht-ähnlichen Ritus als erwerbsstreben-ertüchtigendes pädagogisches Grundkonzept zunächst unter dem Namen „Halloren“. Im Rahmen der 19. amerikanischen Sprachverpfuschung 1936 wurde daraus Halloween. Dank Transportmedien wie Batman-Comics, dann Hollywood-Schnulzen gefolgt von den olympischen Spielen in Berlin, Leni Riefenstahl, Edgar Wallace, neuitalienisch-chinesisch finanzierten Blockbustern („Titanic“, „Im Westen nichts Neues“) und preiswerten TV-Sitcoms, fantasieaufgeladen durch Computerspiele sowie KI, festigte sich dieser Bettel- und Horror-Trainingstrend zunächst unter Kindern und Jugendlichen, mittlerweile in der europäischen Gesamtbevölkerung als ganzjährig akzeptierte Kommunikationsform und anerkannter Ausbildungsberuf, der das muffige, langweilige Bankenwesen weitgehend verdrängte. Nach oder neben Karneval eben die fünfte Ganzjahreszeit. Dank üppigen glyphosatgewürzten Kürbisanbaus und dank Halloween florierenden weltweiten Exportes ungeachtet aller Boykotte konnte sich jetzt auch Nordkorea eine kleine, gut bewaffnete Raumstation leisten.

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      Da wollten sich die europäischen Christen und sonstigen Kulturschaffenden mit ihrer Kreativität nicht lumpen lassen. Zum einen erfanden modebewusste und farbtraditionalistisch gefestigte Katholiken den „Schwarzen Freitag“ – auf der barmherzigen Basis der Sankt Martin’schen Mantelteilung. Den Restehandel antreiben, die Resterampe von Rückständen leeren: 50 Prozent beim „Black Friday“ – auf alles, was einst nach Neujahr für 20 Prozent vom Ladenpreis bei leicht entflammbaren thailändischen Stoffabfall-Neuverklebern zu holen war. Oder – schon mit Blick auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft ökologisch noch nachhaltiger – von fünf- bis neunjährigen Kindern für einen Quecksilbermilchriegel-Lohn an seltenen Metallen für E-Autobatterien aus afrikanischer oder chinesischer Erde gekratzt werden konnte: Ja. Das Christfest. Eine Art sechste Jahreszeit für Groß- und Einzelhandel. Der abgasfreie E-Zweit-SUV für allfällige Lebensabschnittspartnerinnen und -partner der nach Infrapest-Dimops-Umfrage von X- und Y-Menschen am zweitmeisten genannte Weihnachtswunsch knapp hinter „konsequentem Gendern“. Im Rahmen der auf allen Fernsehsendern und den Social-Media-Plattformen X, TikTok sowie DreamPorn übertragenen zweistündigen Ansprache zur Primetime des Heiligabends sorgte Kölns Bischof Rainer Maria Woelki nicht nur für den Ausgleich aller katholischer Finanzdefizite. Er stopfte auch das 60-Milliarden-Etat-Loch der sogenannten Ampelregierung unter der Bedingung, dass er demnächst als Bundeskardinal automatisch auch noch zum Bundespräsidenten ernannt würde. Dank in zeitgenössischem Look produzierten Werbeeinblendungen (Woelki wechselte je nach Kunden hinter einem Weihrauchvorhang 20 bekannten Geschlechtern angemessene Talare, Bikinis, Boxershorts, Burkas, Gamsbarthüte oder Lederhosen jeden Stils) kamen fast 200 Milliarden Euro für Spots unterschiedlichster Kunden zusammen. Woelki segnete beispielsweise Rauhaardackel (rasserein und geimpft), Mercedes-i-Klasse, Friedrich Merz, Heckler&Koch-Produkte, Rheintöchter, Rheinmetall, in Vertretung aller Luftfahrzeuge die „Hindenburg“, Cher, den Braunkohletagebau allgemein, Ferrari, den Hamburger Hafen (versehentlich?) und McDonald’s-Hamburger. Die verdoppelte Kirchensteuer wird künftig als Gaspreisbremse eingesetzt. Zurück zu meiner eigentlich sehr persönlichen und bewährten Form unserer mit Abstand meistgelesenen und kulturpolitisch wirksamsten Stoffsammlung: Leiden wir nicht alle unter dem von Rainer Maria Woelki bedauerlicherweise nicht aufgelösten Bann des Weihnachtsgeschenk-kaufen-Müssens? Haben wir weiterhin die Ablassbriefe für die Sünden unseres unvollkommenen Konsumverhaltens zu finanzieren? Unter steter Qual des Zeitdruckes und der Wahl? Brauchen wir einen neuen Luther, einen neuen Marx? Kein Allerletztes ohne Rat und Trost. Laden Sie sich gegen geringes Geld die Profi-Version von ChatGPT runter. Stellen Sie der KI einfache Fragen, z. B.: Was soll ich meinem Enkel zu Weihnachten schenken? („Nachhilfestunden in Deutsch, Latein, Altgriechisch, Mathematik, Musik, Verfassungstreue“) – Was meiner geliebten Frau? („Zwei Sabbatjahre in einer für sie herrlichen, für dich unerreichbaren Küstenzone“) – Was meinem Mitherausgeber? (Eine Augenbinde und eine Kobrazucht ohne Käfig) Na! – Und was unserem Bundeskanzler? (Ein Jahr Nordpol-Camping in einem Räucheriglu gemeinsam mit seiner Kulturstaatsministerin). Tja. Ist doch praktisch, so ‘ne KI.

      Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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