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Theo Geißler. Foto: Charlotte Oswald

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Theos Kurz-Schluss – Wie ich einmal darüber nachdachte, ob die bayerische „Nationalhymne“ noch zeitgemäß ist

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Oberbayern vor zirka siebzig Jahren: Saftige Wiesenflächen wechselten sich ab mit üppigen Wäldern. Saubere Bäche, Flüsse und Seen boten Lebens- und Entfaltungsraum für allerhand Flora, Fauna und sogar den Homo sapiens. Riesige Spielflächen für Kinder, herrliche Aussichtsplätze an ungeteerten Wanderwegen. Ein paarmal im Jahr zogen Trachtengruppen fröhlich musizierend durch Städte, Dörfer und Auen. Üppig geschmückte Dirndl, Leder-Wämse und -Hosen, Gamsbarthüte, alles aus heimischer Handwerks-Produktion, zierten die meist wohlgenährten Traditionspflege-Beflissenen allerlei Alters und Geschlechts. Im Frühjahr wuchs kostenlose Blumenvielfalt an den Ackerrändern. Das Freibad im Sommer trug seinen Namen im doppelten Sinn zurecht. Die selbstgebastelten Drachen stiegen im Herbstwind gefühlte hundert Kilometer hoch, nur selten gefährdet durch Stromleitungen. Und im Winter boten Schneepisten, Rodelbahnen, Eisflächen den Kaltluft- und Bewegungsgierigen jede Menge Möglichkeiten zum Austoben. Christlich sozial halt, oder? Naja: von der Erinnerung vielleicht ein bisschen schöngefärbt. 

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Ungefärbt und Faktencheck-Proof: Das bedeutete andererseits die Existenz von jeder Menge potenziellem Bauland. Gespeist aus den prallen Gewinnsäckeln der oft aus west- oder norddeutschen Landen um landschaftlicher Schönheit willen eindringenden Manager, Handelsprofiteure, Anwälte, Bundesligaprofis, Börsenspekulanten und sonstigen vermeintlichen Glückspilzen befreiten sich zahlreiche bäuerliche Ländereibesitzer von der Last der Krume und gerieten zu sogenannten Millionärs-Bauern. Asphalt ist schwarz, Beton eher grau, und der Jägerzaun oder die Thujen-Hecke um immer enger hochgezogene Eigenheime, Reihenhäuser, eher langweilig. 

Ob Grundstück, ob Eigenheim, ob Miet-Wohnung: Preise explodierten nicht nur in Städten und Speckgürteln. Die unter dem Semi-Monarchen Franz Josef Strauß noch grassierende Begeisterung für den christlich-sozialen Way of Life schrumpfte. An die Stelle wohlnährenden Touristen-Melkens trat zunehmend der Zwang kapitalgenerierender eingeborener Arbeitsleistung zwecks Erhalts wenigstens der virtuellen sozial-bavaresken Lüfterl-Malerei. Der schöne Blick auf die schrumpfende Natur geriet immer mehr zum Reichen-Privileg. Christlich-sozial halt, oder? Und es wurde höchste Zeit für einen gesellschaftlichen Gesinnungswandel.

Ein weiterer schlauer Ministerpräsident namens Edmund Stoiber wagte sich an den Brückenbau zwischen Tradition und Fortschritt: Transrapid vom Hauptbahnhof zum Flughafen, Laptop und Lederhose sollten sinnbildlich verschmelzen. Und er zerschellte. Der Transrapid verkehrt erfolgreich in China, Japan und so weiter. In China werden nebenbei geschlechtsneutral sehr kostengünstig auch Dirndl und Lederhosen samt (unmerklich synthetischem) Gamsbarthut massenproduziert. Auf den allerersten Blick bleibt so die modische Tradition des Oktoberfestes in München stabil. Allerdings wollte die Vermählung von Laptop und Lederhose auch nicht so recht gelingen. Lag womöglich daran, dass Laptops doch zu steif sind zum Verstauen hinter der brettlharten Vorder-Hosenklappe beziehungsweise im Dirndl-Ausschnitt. Wie dem auch sei: Was die digitale Teilhabe am deutschen oder gar europäischen Entwicklungsfortschritt betrifft, hinken die Bayern trotz reichlich zugereister Blutauffrischung hinterher. Dringlichst wartet man also auf die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz, um eigene Defizite kompensieren zu können. Christlich-sozial halt, oder?

Wie gut, dass auf den etwas verstaubten Stoiber mit Markus Söder ein hochmodischer, ausgeprägt selbstbildbewusster, frischlingshafter Landesfürst folgte. Seine innovative, unbändige Potenz bewies er in der Vielzahl und Vielfalt seiner öffentlichkeitswirksamen Präsentationen. Eine bereits im Vorfeld der letzten Bundestagswahl ausgeheckte unglaublich kühne Zukunftsvision hat Söder sicherlich im klugen Vorgriff auf die nächste Bundestagswahl bewusst ein wenig versteckt gehalten: Arbeitstitel: „Bavaria One“. Es handelt sich, wie ein Recherchekollektiv aus „Politik und Kultur“ sowie „Prawda“ herausfand, um ein bayerisches Raumfahrtprogramm mit höchst denkwürdigem Aufmerksamkeitswert. Dazu der Landesvater: „Elon Musk hat es vorgemacht und einen kompletten Tesla ins All geschossen – Donald Trump zog mit seiner Space Force, einer Kampftruppe für den Weltraum, nach. Was bleibt einem bayerischen Ministerpräsidenten da noch als Beweis für die große Fürsorge um das eigene Volk? Der eigene Weltraum-Bahnhof.“ Unglaublich christlich-sozial, oder?

Das Team „Jupiter Söder“ ließ im Umkreis des oberpfälzischen Groschlattengrün neben einer bereits vorhandenen MotoRacingSchool (sie brieft bereits Pilotinnen und Piloten) eine zwei Quadratkilometer große Betonbasis gießen, auf der die schon vorbereitete Startrampe für den Raumscooter „Markus S.“ demnächst hochgezogen wird. Die noch fehlenden neun Milliarden Euro will der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Alexander Dobrindt, durch kostenpflichtige Abschiebung, Söldnerverkauf oder zur Not auch Ersatzteillieferungen (Nieren, Leber, Lungen, Herz) aus der Flüchtlingssubstanz beschaffen. Gewissermaßen sieben Fliegen mit einem Schlag. Der Scooter, ein superstarker Feststoff- und Ionen-Raketen-Nurflügler nach einem geheimen deutschen Patent aus dem Jahr 1944, entdeckt in der Herrengarderobe von Karinhall, soll zunächst angeblich auf deren eigenen Wunsch Bundeskanzler Friedrich Merz (Pilotenschein) und seinen Generalsekretär Carsten Linnemann mit Entourage zur Rückseite des Mondes (und natürlich wieder zurück) befördern, nachdem die beiden humane Camp-Plätze für ausgewiesene Geflüchtete festgelegt haben. Während ihrer Abwesenheit führt Markus Söder die entsprechenden Dienstgeschäfte. Als bayerisch-deutsche Mondhymne wurde die Ode „Major Tom – Völlig losgelöst“ von Franz Schubert, interpretiert vom Duo Anna Netrebko – Udo Lindenberg festgelegt.

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur