Wer fein abgestimmte Sound-Menüs aus der Sterne-Küche des internationalen Jazz goutieren wollte, war bei der vierten Ausgabe des Wochenend-Festivals „Sparks & Visions“ in Regensburg wieder einmal richtig.
Als würden Jamie Cullum, Anderson Paak und Frank Ocean zu einer Bühnenpersona verschmelzen: Reuben James bei Sparks & Visions 2026. Foto: Juan Martin Koch
Händel, Nico und ein Extremcharismatiker – das Regensburger „Sparks & Visions“-Festival im vierten Jahr
Im erneut wunderbar mit Mobiles bestückten und stimmungsvoll ausgeleuchteten Theater am Bismarckplatz gaben sich Spitzenkünstler und -ensembles die Klinke in die Hand – von Anastasia Wolkenstein klug zu zwei Dreierpacks und einer Doppelmatinee zusammengestellt.
Nach dem Duo Leïla Martial/Valentin Ceccaldi, dem Pianisten Nitai Hershkovits und dem Quintett des Saxophonisten Marius Neset am Freitag eröffnete Zsófia Boros den Samstag Abend. Ihr warmer, von innen her leuchtender Ton an der klassischen Gitarre erfüllte den Raum mit exquisiten Arpeggio-Studien, Flageolett-Impressionen und gelegentlichen Ausflügen in markantere Rasgueado-Gefilde. Zwei Jazzakkorde waren zwischenzeitlich auch zu hören, diesen Bereich überließ sie ansonsten aber Björn Meyer, mit dem sie sich dieses erste Set des Abends teilte. Meyer ist ein fabelhafter Virtuose am sechssaitigen E-Bass. Mit Hall- und Echoeeffekten, Schlägel- und Tapping-Bearbeitung entlockt er dem Instrument eine faszinierend vielgestaltige Klangvielfalt, verdichtet diese aber auch mal zu handfestem Groove. Dennoch wurde man den Eindruck nicht los, eher Intros zu Stücken (statt Stücken) zu lauschen Für sein „Trails Crossing“ tat er sich am Ende dann noch mit Zsófia Boros zusammen – zwölf Saiten mit Duo-Potenzial.
12 Saiten mit Duo-Potenzial: Björn Meyer und Zsófia Boros bei Sparks & Visions 2026. Foto: Juan Martin Koch
Das Jazz-Potenzial Johann Sebastian Bachs ist immer wieder (und nicht immer überzeugend) ausgeschöpft worden. Georg Friedrich Händel war in dieser Sphäre bisher nicht so präsent. Die Pianistin Makiko Hirabayashi nimmt sich dieser Herausforderung mit Geschmack und Raffinesse an und schafft es in den besten Momenten, die zeitlose Gültigkeit in den harmonischen, melodischen und satztechnischen Strukturen dieses unterschätzten Giganten freizulegen. Leider hielt sie sich bei ihrem Regensburger Auftritt im Kontext ihres Quartetts mit Fredrik Lundin (Tenor- und Mezzosopran-Saxophon!), Thommy Andersson (Bass) und Bjørn Heebøll (Drums) allzusehr zurück. Gerne hätte man mehr von ihrer intelligenten Impro-Arbeit im Händel’schen Bergwerk gehört.
Ertragreiche Impro-Arbeit im Händel-Bergwerk: Makiko Hirabayashi und Fredrik Lundin bei Sparks & Visions 2026. Foto: Juan Martin Koch
Anschließend ein radikaler Stil- und Stimmungswechsel: Reuben James, der mit Anfang 30 immer noch jungenhaft wirkende Sänger, Pianist, Songwriter und Extremcharismatiker, brachte das ehrwürdige Haus binnen kürzester Zeit auf den Siedepunkt. Sein Mix aus Soul, R’n’B, Reggae, HipHop und Jazz fegte wie eine Urgewalt über das entzückte Publikum hinweg. Dabei überzeugte James als Pianist zwischen Debussy und bluesig-wuchtigen Blockchord-Kaskaden, als Vokalist zwischen Balladen-Balsam, Rap und Talkbox-Verfremdungen und nicht zuletzt als begnadeter Entertainer. Dass er mit Tom Ford an der Gitarre, Roman Klobe am Bass und Drummer Silvan Strauss eine vor Energie und Spielwitz strotzende Band an seiner Seite hatte, schadete dabei auch nicht. Als würden Jamie Cullum, Anderson Paak und Frank Ocean zu einer Bühnenpersona verschmelzen – so fühlte sich dieser irrwitzig unterhaltsame Auftritt an.
Verglichen damit klang das Festival am Sonntag Mittag eher gediegen aus: Zunächst mit Daniel Erdmanns Formation Velvet Revolution, die sich zusammen mit der wunderbar nuancierten Sängerin Jelena Kuljič Songs des berühmten „Velvet Underground & Nico“-Albums zu eigen machte. Was in der Besetzung Daniel Erdmann (Sax), Fabiana Striffler (Violine) und Jim Hart (Vibraphon) mit „All Tomorrow’s Parties“, „I’ll Be Your Mirror“ oder „Sunday Morning“ auch sehr gut gelang. Dagegen tendierten die Nummern auf Basis der hintersinnigen Texte Kuljičs eher zum Ausbuchstabieren.
Jelena Kuljič (voc) und Velvet Revolution bei Sparks & Visions 2026: Fabiana Striffler (Violine), Daniel Erdmann (Sax) und Jim Hart (Vibraphon). Foto: Juan Martin Koch
Zum Abschluss dann ein transatlantischer Coup: Anastasia Wolkenstein war es gelungen, die Harfenistin Brandee Younger mit ihrem Trio vor ihrem ausverkauften Elbphilharmonie-Auftritt nach Regensburg zu lotsen. Gerne ließ man sich von deren aparten Arpeggio-Girlanden betören, substanzreich grundiert von Bassist Rashaan Carter und Schlagzeuger Allan Mednard. So richtig aufregend wurde das allerdings nur dort, wo Youngers Spiel sich im Akkordischen und Kontrapunktischen konkretisierte. Aber kein Zweifel – in Sachen Harfen-Jazz kommt keiner an Brandee Younger vorbei. Und auf Wolkensteins Funken sprühendes Jazz-Menü 2027 sind wir jetzt schon gespannt.
Apart jazzige Arpeggio-Girlanden; Brandee Younger bei Sparks & Visions 2026. Foto: Juan Martin Koch
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