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Brad Mehldau beim Moers Festival. Fotos: Stefan Pieper
Brad Mehldau beim Moers Festival. Fotos: Stefan Pieper
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Hier spielt die Zukunft mit ihrer Vergangenheit

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50 Jahre Moers Festival zeigt zum Jubiläum Präsenz
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Es grenzte an ein Pfingstwunder. Kurz vor Beginn wurde bekannt, dass das Moers Festival wider aller Erwarten sogar mit Publikum stattfinden konnte. Zu jeweils vier Open-Air-Konzerten mit Jazz und improvisierter Musik waren auf dem Rodelberg 500 Zuschauerinnen und Zuschauer zugelassen. Unvorstellbar.

Zum 50. Jubiläum kam in Moers wichtige Festival-DNA zusammen: Musikerinnen und Musiker, die es über die Jahre entscheidend mitgeprägt hatten. Schlagzeuger Han Bennink verblüffte trotz seiner 79 Jahre durch sein ausgefuchstes wie kreatives Spiel und Virtuosität vor allem gemeinsam mit Picatrix, aber auch mit der äthiopischen Gruppe Fendika. Oder Joe McPhee, der gemeinsam mit dem Trio Decoy auftrat. In freiem Fluss blitzten zahlreiche Verweise auf Jazztraditionen (Coltra­ne) auf, die sogleich wieder verfremdet wurden. Die Kontrabassistin Joëlle Léandre und der Schlagzeuger Gerald Cleaver, zwei Giganten der Szene, zeigten facettenreichen Free-Jazz. Léandres Kontrabass flüsterte, schnaubte, hauchte und brüllte. Stets zusammen mit Cleavers differenziertem Spiel.

Auch ganz große Namen kamen angereist: Das Solo-Recital von Brad Mehldau begann mit Radiohead-Improvisationen etwas lauwarm, steigerte sich aber ab der Hälfte. Pat Thomas vereinte im Trio [ISM] westafrikanische Polyrhythmik, Cluster-Strukturen und Neue-Musik-Einflüsse mit traditionellem Jazz. Das Solokonzert mit John Scofield war ausverkauft. Der Jazz-Gitarrist zeigte, dass er sich trotz festem Platz im Jazz-Olymp seine spielerische Neugierde bewahrt hat. Er benutzte eine rückwärtsspielende Loop-Station und sang zu „There will never be another you“. Und dann erklang „Danny Boy“: so zart, so unmittelbar, so magisch, wie es wirklich nur Wenige können.

Ein Schwerpunkt des Moers Festivals lag, wie jedes Jahr, auf der Improvisation. In mehreren Sessions spielen dabei Musiker zum ersten Mal zusammen. Eine musikalische Begegnung, zu der es außerhalb von Moers nicht kommen würde. Dieses Jahr harmonisierten besonders Marie Nachury, Hubert Zemler, Matt Mottel (diesjähriger Improviser in Residence) und Ava Mendoza sowie Nora Mulder, Kevin Shea (ebenfalls Moers-Improviser 2021), Joe McPhee, Mary Oliver und Majra Burchards.

Ein Höhepunkt war auch „Femenine“ des queeren, afroamerikanischen Komponisten Julius Eastman, ge­spielt von „ensemble 0“ und „AUM grand ensemble“. Das einstündige Werk erinnerte an Steve Reich oder Philipp Glass, klang aber mutiger. Inmitten von fließender Minimal Music waren Dur-Akkorde wie Fremdkörper platziert. Die Musik wirkte wie ein Organismus. Klangflächen bauten sich auf und ab, dehnten sich aus und zogen sich wieder zusammen.

Ebenso verblüffte die Leistung des „Orchestra of New Musical Creations and Experimentations“ aus Paris. Neben einer Improvisation zeigten sie auch das legendäre „Occam Ocean“ der Elektronik-Pionierin Éliane Radigue, die für dieses Stück mit jedem Orchestermitglied einzeln gearbeitet hat. „Occam Ocean“ ist das meistaufgeführte Werk des ONCEIM und es klang so, als würde jeder einzelne von ihnen es verkörpern. Mikrotonale Flächen drifteten durch einen zeitlosen Raum, der auch endlos erschien. Dieses gleitende Schweben wirkte so kompakt und zusammen wie nur irgend möglich, ohne dabei zu erdrücken.

Nachdem der geplante Äthiopien-Schwerpunkt nicht realisiert werden konnte, schafften es immerhin die britisch-ugandische Gruppe „Nihiloxika“ nach Moers und verwandelte den Rodelberg mit gewaltiger Rhythmuspower und Drum & Bass in einen Technoclub. Ebenso begeisterte mit Polyrhythmik und westafrikanischer Klangsprache „C‘est le Temps – C‘est le Tango“ aus Kinshasa.

Das Moers Festival blieb zu seinem 50. Jubiläum also sich selbst treu: Eine Mischung aus verschiedenen Musikstilen, eine Kombination aus dem Eigenen und dem Fremden. Eine Möglichkeit für Musiker, zu Kuratierenden zu werden. Und in diesem Jahr durchaus mit einer politischen Ansage: Das Festivalmotto „Der Kampf um die Zukunft“ machte deutlich, dass die nächsten 50 Jahre nicht selbstverständlich sind.

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