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Theater Magdeburg: Pierrot lunaire. Undine Dreißig. © Nilz Böhme

Theater Magdeburg: Pierrot lunaire. Undine Dreißig. © Nilz Böhme

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Abschied mit Schönberg: Undine Dreißig verlässt nach 37 Spielzeiten das Theater Magdeburg

Vorspann / Teaser
Die Mezzosopranistin Undine Dreißig wirkte am Theater Magdeburg seit 37 Jahren, also vom Mauerfall 1989 bis jetzt. Jetzt feiert sie in der Kammer 2 des Schauspielhauses ihren Abschied mit Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“. Davor sang sie mit Begeisterung des Publikums fast alles aus dem bekannten und vieles aus dem unbekannten Repertoire – von Amneris in „Aida“ bis zur Dame in „Die Zauberflöte“. An einer Wagner-Hochburg wie Hannover oder Nürnberg hätte man Dreißig mit hoher Wahrscheinlichkeit den Weg ins hochdramatische Fach zu Kundry und Brünnhilde geebnet. Sie blieb auch im klassischen Charaktermezzo-Fach zwischen Knusperhexe und Klytämnestra glücklich und bewahrte ihre Neugier auf Herausforderungen. 

 

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Undine Dreißig hatte sich zum Abschied ausdrücklich etwas ganz Besonderes gewünscht. Mit Christian Poewe, der in Magdeburg vor fast 20 Jahren als Schauspieler in die Musiktheater-Regie wechselte, erarbeitete sie nach langsamen Herantastungen an szenische Liederabende Arnold Schönbergs hybrides Skandal-Melodram „Pierrot lunaire“. Ein vieldeutig schillerndes Rätselstück aus dem Jahr 1912 zwischen Identifikation und poetischen Auflösungen des Außen- und Innenblicks. „Ich fordere nicht Gedanken-, sondern Tonfreiheit“, artikulierte die Uraufführungsinterpretin Albertine Zehme, welche Schönberg mit der Vertonung aus dem Gedichtzyklus von Albert Giraud in der Übersetzung von Otto Erich Hartleben beauftragt hatte. Schönberg vertonte für sie 21 der 50 Gedichte aus Girauds „Pierrot lunaire“ als Melodram, Sprechgesang, Deklamation. Weitere sechs sprach Undine Dreißig in Aufnahmen zwischen den Gesängen.

Natürlich kehrt Dreißig auch die Sängerin heraus, schmettert im Rahmen des künstlerischen Taktgefühls einige nach wie vor perfekte Spitzentöne, nimmt sich aber auch zurück und samtet, haucht, flüstert im Pianissimo derart stark und bewusst, dass man Girauds im Kristallglas verschlossenen Mondstrahl für bare Künstlerinnenmünze nimmt. Eine wunderbare One-Woman-Show ist das in der intimen Kammer 2 des Schauspielhauses, bei der das Instrumentalensemble mit Atsuko Koga (Flöte), Götz Baerthold (Klarinette), Barbara Hentschel (Violine), Georgiy Lomakov (Cello), Karine Gilanyan (Klavier) und dem musikalischen Jovan Mitic-Varutti hinter einem schwarzem Vorhang sitzt. Die Musiker:innen werden den Blicken aus dem Publikum nur freigegeben, wenn die Diva zum Countdown des digitalen Zählwerks für die Schönberg-Lieder an einer Kordel zieht. Diese reißt zum letzten Lied „O alter Duft“ und fällt zu Boden. 

Das Wesentliche an der Ausstattung von Janik Müller ist der taubenblaue Teppichboden. Dreißig spielt auf diesem in einem Künstlerinnenporträt zwischen Vorbereitung, Auftritt und Abgang sich selbst. Schönbergs Opus passt dazu, weil die Stimmungen und Atmosphären meist wichtiger sind als das subjektive Seelenleben Pierrots und die kaum existente Handlung. Insofern ist diese Aufführung viel eher ein lustvolles Ausstellen als eine Überschreibung oder gar ein Verzicht auf die Stückidee.

Dazu zeigt sich Dreißig als Künstlerin auf dem Weg in die Garderobe. So beginnt sie eine subtil ausgetrickste Show für Backstage-Fetischist:innen und Voyeure. Einerseits spielt die Sängerin virtuos sich selbst und andererseits mit den Erwartungen des Publikums. Es kommen auch Stellen, in denen Dreißig mit Bewegungen an Höhepunktsmomente ihres Opern- und Bühnenlebens anknüpft und sich an diese ohne Trauer erinnert. Das gestaltet sie mit Ekstase, Brennen und natürlich mit dem Überwältigungspotenzial ihrer Sparte, des Musiktheaters. Zu Beginn lächelt sie über die Grußkarten am Schminkspiegel. Wenn sie mit dem letzten Lied zum Hinterausgang will, ist in der Tasche gerade ausreichend Platz für die wichtigsten Utensilien: Blumenstrauß, Schminkzeug, der Lieblingsschampus (heute wäre das ein fast frivoles und wie an allen anderen Arbeitsplätzen verbotenes Animationsmittel) als kleiner Kick zur Bestleistung.

Im Grunde resümiert Dreißig alle Künste der feinsten allmählichen Übergänge, die sie sich in den letzten Jahrzehnten souverän aneignete. Das Beste zum Schluss: Dieser „Pierrot lunaire“ taugt bestens als Jugend- und Kulturvermittlungsprojekt. Es geht auch um den Bau der unsichtbaren Wand zwischen Bühne und Auditorium sowie um die Entstehung von Theatermagie und deren Mittel. Der Applaus war groß, lang und herzlich.
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