Psychiatrie-Sujets und existenzielle Aussetzer boomen derzeit im deutschen Musiktheater. Das Theater Regensburg und das Theater Vorpommern bringen in Kürze Paul Moravecs Oper „The Shining“ nach Stephen King heraus. In Regensburg läuft überdies „Lucidity“ und auch an den Landesbühnen Sachsen geht es in „The Lion’s Face“ um Demenz. Jetzt besann sich die Musical-Sparte des Theaters für Niedersachsen auf Peter Lunds und Wolfgang Böhmers 2013 an der Neuköllner Oper herausgekommenes Musical „Stimmen im Kopf“. Dieses zeigt den ganz normalen Alltagswahnsinn in der nur bei akuten Vorfällen geschlossenen Psychiatrie-Abteilung eines Berliner Klinikums. Das Publikum war emotional voll dabei.
theater für niedersachsen: „Stimmen im Kopf“, im Bild: Guido Kleineidam (Dr. Stefan Thomsen), Ömer Örgey (Lars Röder), Silke Dubilier (Dr. Cordula Stroessner), Daniel Wernecke (Daniel), Lorin Goltermann (Philipp Bröking), Annemarie Purkert (Nadine Gerling), Jack Lukas (Jamie Grotherjahn), Jonas Heinle (Hannes Kröger), Marion Wulf (Eva Neuwirth), Natalie Patricia Friedrich (Cora Majowski (Herbert)). Foto: Tim Müller
Achtsam und sorgfältig: Das Psychiatrie-Musical „Stimmen im Kopf“ in Hildesheim
Neben der wild bewegten Musical-Auswahl durch Themen des 20. Jahrhunderts mit „Das kunstseidene Mädchen“, einem Hildegard-Knef-Tribut, „Farm der Tiere“ und „Titanic“ setzt die Leitung des Theaters für Niedersachsen mit „Stimmen im Kopf“ einen weiteren gewichtigen Akzent. Das Stück reiht in etwas über zwei Stunden weitaus mehr Stoff als drei Staffeln einer Soap: Aus den Perspektiven des Klinikteams, der Betroffenen und deren Angehörigen werden Therapieerfolge erkämpft, gefeiert und verworfen. Peter Lund schaute sich vor 15 Jahren an realen Aktionsplätzen seines Sujets genau um, auch die Regisseurin Annika Dickel recherchierte intensiv.
Die Bühne atmet vor den schwarzen Aushängen mit der Ausstattung von Moni Gora Authentizität. Man spürt das Warten, die Spannung, die Konflikte, den Druck und latente Dauerexplosivität. Da wachsen die Produktion und das Ensemble über das Werkkonstrukt hinaus. Der als Autor und Theatermann bestens erfahrene Peter Lund und sein musikalischer Langzeit-Kompagnon Wolfgang Böhmer haben nur ein minimales Handicap. Dieses besteht in ihrer souveränen Kompetenzsicherheit: Das Szenarium und die Musik von „Stimmen im Kopf“ gerieten zu rund und gekonnt dafür, wie sich die Figuren im Klinik- und Therapiealltag bewegen, entäußern und manchmal ausreißen wollen. Zwischen Fluchtplan, Gerichtsbetrug und Korruption bleibt kein denkbarer Handlungssplitter ungenutzt – zum Beispiel das die Therapiedynamik retardierende Dauer-Techtelmechtel des tablettensüchtigen Arztes und einer ambitionierten Krankenschwester. Lebensfallen und Brüche reihen sich mitunter zu gut geölt, die Dialoge offenbaren kaum Kanten und Brüche.
Dem steuern Dickels Inszenierung und die sensibel durchleuchteten Bühnenaktionen erfolgreich entgegen. Auch in Goras Klinikeinrichtung spürt man, dass sich kleine Desaster zigfach häufen und trotzdem alles reibungslos nach Organigramm und Kurveneintragungen funktionieren soll. Die Digitalisierung der Berliner Psychiatrie ist auf der Hildesheimer Bühne noch nicht sonderlich weit fortgeschritten. Böhmers Songs dagegen ziehen und zischen mit der – inklusive Leader Andreas Unsicker – fünfköpfigen Band bestens ab.
In den Dialogen entfernen sich die Darsteller sensibel von allen Genre-Schablonen, weichen den mitunter klischeehaft wirkenden Zuschreibungen beherzt aus. Annemarie Purkert ist Nadine, die Patientin mit den „Stimmen im Kopf“, welche im Hoodie und violetten Socken weniger gegen ihre bipolare Psychose als gegen den zu jedem Rechtsdeal einsatzbereiten Verlobten Lars (Ömer Örgey) rebelliert. Die aus ihrem Kopf auf sie einredende Stimme hat hier auch einen Körper und demzufolge in Daniel Wernecke einen kantig authentischen Darsteller.
theater für niedersachsen: „Stimmen im Kopf“, im Bild: Guido Kleineidam (Dr. Stefan Thomsen), Lorin Goltermann (Philipp Bröking), Jack Lukas (Jamie Grotherjahn), Annemarie Purkert (Nadine Gerling), Jonas Heinle (Hannes Kröger), Marion Wulf (Eva Neuwirth). Foto: Tim Müller
Silke Dubilier leistet den Darstellerinnen-Spagat zwischen besorgter, das Abenteuer mit dem Facharzt auskostende Mutter und dezent sadistischer Ärztin. Natalie Patricia Friedrich gibt die diagnostisch spannendste Figur Cora (Herbert) mit aus Worten, Augen und gelegentlichen Fußtritten hervorbrechendem Dauerstrom. Jonas Heinle geht in der Figur des katholischen FSJ-lers mit empathischer Setzung auf. Lorin Goltermann als Phillipp und Jack Lukas (Jamie) entwickeln aus ihren zu verkopften bzw. zu emotionalen Figuren feine Charaktere. Am ehesten im aus Funk und Fernsehen genährten Erwartungsrahmen sind Guido Kleinadam (Dr. Stefan Thomsen) und Marion Wulf als in ihrer Entwicklung zur Fachpflegerin durch eine Abmahnung gehandicapte Krankenschwester Eva Neuwirth. Beider mit Klinikkram, Karriereambition und Kleinkrieg angereicherte Dispute überzetern am Medikamentenschrank die Streitböen der Patienten-Gruppentreffen.
Einen Haken hat das Psychiatrie-Sujet: Lachen wäre möglich, traut man sich aber nicht aus Empathie mit dem Ambiente und den mit Realitätsanspruch gesetzten Figuren. Die zwischen plakativer Gestik und schwebenden Momenten wechselnde Choreographie der Regisseurin Annika Dickel zeigt Aufbegehren, Wille zur Selbstbestimmung und Resignation. Am Ende bleiben Anerkennung für eine starke Ensembleleistung und minimales Misstrauen zur Stückform zwischen Engagement und bewährten Mitteln.
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