Hauptbild
M.-L. Värelä, N.Brownlee. Die Walküre | Premiere am 25. Juni 2026. Foto: © Monika Rittershaus

M.-L. Värelä, N.Brownlee. Die Walküre | Premiere am 25. Juni 2026. Foto: © Monika Rittershaus

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Allzumenschelndes deckt Götteruntergang zu – Wagners „Walküre“ als „ächt baierischer“ Festspielauftakt in Münchens Staatsoper

Vorspann / Teaser

Nur München kann souverän selbstgefällig sagen: „1870“! Richard Wagner war da gar nicht glücklich, doch er hatte „seinem“ König zuvor das Werk geschenkt – also ordnete Ludwig II. die Uraufführung der „Walküre“ für den 26. Juni unter Hofkapellmeister Franz Wüllner an … Seither, zusammen mit den Uraufführungen von „Tristan“ und „Meistersingern“, betrachtet München sich als Bayreuth ebenbürtig. Jetzt also …

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Während Bayreuth am „Jubiläum 150 Jahre Ring“ arbeitet und zunächst das unsäglich verkorkste Vorab-Theater rückinszenieren muss, kann die Bayerische Staatsoper nach dem „Rheingold“ (vgl. nmz online vom 28.10.2024) ihren „Ring“-Aufbau bis 2027 fortsetzen.

Nach dem kurzen, das wenige Buh übertönenden Schlussjubel müsste das Publikum eigentlich den Königssaal stürmen: Dort muss gemäß dem detailfreudigen Nachbau auf der Bühne des 3. Aufzugs Brünnhilde auf einer weiß überzogenen Matratze in „wehrlosem Schlaf“ liegen, mit einem weißen Kirchenlichtlein als „Feuerzauber“ vor sich. Vorher waren im Video über der Bühne Walküren live durchs Siegestor, durch die Innenhöfe der Residenz und den Englischen Garten, dann am Isarufer geritten und sammelten „tote Helden“? ein – unter Oktoberfest-ähnlichem Jubel des Publikums. Insgesamt gab es viele Erklär-Filmchen: Wotan als Familienvater mit seinen Zwillingskindern Sieglinde und Siegmund, allerlei Kinder-Spiele samt einer hübschen Wälsungen-Mutti und Kinderbett-Gealber. Beide Kinder brennen sich am Kamin ein „Ewigkeitsmerkmal“ ans Schienbein. Wotan zeigt dem kleinen Siegmund eine Kiste mit dem Schwert Nothung. In bildgenauer Verdopplung der Siegmund-Erzählung ist das brennende Elternhaus gezeigt; doch dann zeigt die erwachsene Sieglinde an Hundings Haus einen neuen Außenanbau mit vielen Schwertern, und Siegmund stöbert ein bisschen herum, wählt statt eines leuchtenden Laser-Schwerts – Ah! „Star Wars“ liegt schon hinter uns allen! – doch ein nur stumpf metallenes Modell. Über zu viele andere Video-Bilder hinweg kommt aber die Schlussfilm-Novität: Göttin Fricka steht im Edel-Outfit mit Loge in existenzialistischem Schwarz im Wald und lässt ihn das Wotan-Wälsungen-Zuhause mit Benzin überschütten und anzünden – ein Feuerzauber-Nachklang der Ehe-Rachsucht-Art …

Mit all dem ist klar: Der bislang oft mit Zusatz-Erfindungen beeindruckende Regisseur Tobias Kratzer hat nach dem Kirchenraum im „Rheingold“ keine überzeugende, packende, in sich visionäre „Ring“-Welt erfunden. Statt hochintensiver Personenführung – die mehrmalige Gebetsandeutung bleibt „dünn“… und speziell im herausfordernd langen Wotan-Monolog des 2. Aufzugs fügt Kratzer in einer Action-Hinzuerfindung im projizierten Wald mitsamt einer Waldkapelle zwei Kirchenräuber ein – völlig sinnentleert – und Brünnhilde muss, damit sich was bewegen kann, die fallengelassene Beute wieder einsammeln … Oder: „Revier-Oberförster“ Hunding kommt in einem „Lada“-ähnlichen Landrover auf die Bühne gefahren, später fliehen Siegmund und Sieglinde darin, bis die Kühlung den Motor rauchen lässt … und beider Nothalt passiert neben den Metallresten des abgebrannten Wälsungen-Hauses, inklusive Bettgestell aus dem Kinder-Filmchen zuvor … Oder: Das Liebesglück der Wälsungen beobachten zwei hereinschwebende Raben – vergleiche Text „Götterdämmerung“! – Nur schaut dann Wotan zur Musik des zweiten Vorspiels nach, ob auch alles geklappt hat … zu viel dergleichen …

Dauer-Ausstatter Rainer Sellmaier hat Kratzer leider auch zwei Aufzüge lang für Hunding ein schickes Häuschen wie „ächt“ aus dem bayerischen Oberland bauen dürfen, mit bodentiefen Glasschiebetüren, Marien-Marterl im Vorgarten, Herrgottswinkel am Esstisch mitsamt „Rheingold“-Kleinalter, dazu aber doch Alarmanlage – und einer Holztreppe in ein Obergeschoß, das aber nur kniehoch ist – für den Zweimeter-Mann Hunding … Damit würden schon Studenten an der benachbarten Theaterakademie scheitern – jetzt amüsante Wohlfühl-Szenerie für München? Für dererlei unergiebig zahlreiche Zutaten kein Buh-Sturm … Und: Der Kontrast zu Wagners Text, dieser Wortwahl und dem Satzbau „jenseits allen Geredes“, mit Alliterationen, Assonanzen und Binnenreimen und der gewollt verfremdenden Wortwahl war in dererlei Banal-Szenerie unerfreulich und unergiebig größer als in vielen anderen „Walküre“-Aufführungen.

Natürlich kam staatsoperngerecht viel Trost aus der Klangwelt. GMD Vladimir Jurowski ließ sich, hochaufragend aus dem Graben, bei seinem differenzierten und vor allem dramatisch überzeugenden Dirigat zusehen. Doch mit dem – auch noch hochgefahrenen? – Staatsorchester geriet vieles auch zu „wagnerianisch fulminant“ – bis hin zur herrlich donnernden Pauke … Nur sollte in den Folgeaufführungen das viele Piano der Partitur auch fesseln, damit etwa das intime „Liebesblick“-Cello noch intensiver wirkt und der Kontrast etwa zu Sieglindes „hehrstem Wunder“-Ausbruch noch mehr überwältigt.

Vokal blieb kaum ein Wunsch offen. Auch wenn Nikolaus Brownlees Wotan im unvorteilhaftem Germanen-Kostüm samt geflügeltem Helm am Ende mit „Text-Verfremdungen“ kämpfte: Er und seine mit mühelosen Spitzentönen prunkende Brünnhilde von Miina-Liisa Värelä überzeugten, ebenso Irene Roberts strahlende Sieglinde, Joachim Bäckströms „einsamer Held“ Siegmund und die kalt-schön-tönende Fricka von Ekaterina Gubanova … über Ain Angers etwas zu wenig finsterem Hunding bis hin zum volltönenden Walküren-Oktett. Doch übertönen konnten sie alle die szenischen Mankos nicht … Was heißt „Mankos“: Während die Oper Frankfurt mit herausragenden Köpfen der Republik über die Demokratie nachdenken lässt, steht direkt vor den Treppen der Bayerischen Staatsoper ein schick aufgemotzter Verbrenner-Oldie des weltberühmten, ortsansässigen Auto-Sponsors der Oper, bemalt von einem international modischen Künstler – künstlerische Vision für 2026…! Oder den „Ring 2027“?

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!