Hits von Rameau, Johann Sebastian Bach und Händel erklangen auf Premium-Level. Foto: Alciro Theodoro da Silva
„Auch ich in Arkadien!“ – Liebe und Krieg zu Händels „Deidamia“ in Göttingen
Selten sieht man Dichtung und Wahrheit unserer in Sachen Mythologie geschrumpften Bildung so messerscharf und zugleich so delikat wie am 2. Festspieltag in der Premiere von Georg Friedrich Händels letzter Oper. Die Uraufführung von „Deidamia“ war 1741 im wirtschaftlich klamm werdenden London, wo Händel auch deshalb von der Oper zum Oratorium switchte. Der Stoff wurde im Libretto von Paolo Antonio Rolli fast eine Offenbachiade – und mehr, denn die Gender-Burleske manövriert im Deutschen Theater Göttingen Richtung Antikriegsstück: Achill soll vor dem ihm prophezeiten Tod und Heldentum im Trojanischen Krieg geschützt werden, er steckt deshalb in Frauenkleidern am Königshof der Insel Skyros. Doch Odysseus ködert das vermeintliche Mädchen „Pirra“ und bietet ihm Kriegswaffen als Geschenk. Pirra-Achille reagiert auf diese noch schärfer als auf seine Geliebte Deidamia, die nun auf Wonnestunden mit dem travestierten Recken verzichten muss und deshalb in eine schwere Krise gerät. Die Gender-Komödie wird zur phallokratischen Tragödie.
Liebe und Krieg, Einst und Jetzt, Freude und Leid – das alles verhandeln die unter der Regie und dem Dirigat von Festspielchef George Petrou agierenden Solisten. Starqualität haben auch die acht brillanten Individuen aus dem Kammerchor der Universität Göttingen, zu der seit Oskar Hagens Händel-Renaissance vor 100 Jahren eine unverzichtbare Personalachse besteht. Gesungen wird durch die Bank souverän, emotional und virtuos. Petrous Alleinstellungsmerkmal ist die höchst agile Kunst der weichen Synapsen zwischen zart und hart, Innigkeit und Aggression. Desto opulenter brechen die Nummern mit Pauken und Trompeten heraus. Vor allem ergibt sich, was nach Alte-Musik-Expertise eigentlich nicht sein dürfte und für die Händel-Epoche trotzdem historisch wahrhaftig ist: ein delikater, echter Mischklang aus fein artikulierenden Instrumenten und mit milder Hochspannung eingesetzten Gesangsstimmen.
Mild fließen in dieser leider nur selten gespielten Händel-Oper auch die Zeiten. Wenn er Achill zur Teilnahme am Krieg triezt, visioniert Ulisse sich und den ganzen Cast in einem Abenteuer-Filmepos. Petrou zeigt in Göttingen mit Achilles Leichnam auch die Vernichtungen durch den Krieg. Giorgina Germanou setzt in ihrer Ausstattung für die Koproduktion mit dem Wexford Festival so manches Klischee um. Die beobachtenden Jungen hängen in der Taverne ab, haben Fun und erfreuen sich eines lässig-lyrischen Lifestyles, den sie auch bei den alten Griech:innen vermuten. Pauschalurlaub-Hochgefühl und altgriechische Lebensart geschehen synchron. Weil es sich um nur zu ernste Projektionen handelt, sind Frisuren, Kleidung, Accessoires und die goldenen Kriegsartikel der antiken Figuren besonders verführerisch.
Musik und Szene haben einen gewichtigen Unterschied: Bei Petrou und dem Ensemble trägt der schöne Schein bis zum Schluss und zu den Applaushymnen des seligen Publikums. Aber Germanous Dekoration, Ernst Schießls Licht und das sensible Spiel des Ensembles werfen pessimistische Schatten: Sirtaki-Klischees vom Griechen um die Ecke, Abenteuerpathos und die ernüchternde Erkenntnis, dass Genderutopien nicht vor Militarismus schützen.
Dieses Utopia für junge Liebende beginnt frivol und sogar ein bisschen bizarr. Deidamia und Pirra/Achille haben die kleinlichen Fragen nach queer oder heteronormativ längst abgehakt. Allenfalls routinierte Recken fallen noch in ein weniger empörtes als joviales Erstaunen darüber, dass das Geschlecht unter den Röcken ein anderes ist als es scheint. Insofern ist Deidamias große Klage am Ende viel mehr als postamouröser Katzenjammer, wächst zum Requiem auf eine panerotische Utopie und schreit gegen den Rückfall in militanten Geschlechterkonservatismus heraus. Nicht erst hier schießt Sophie Junker zum packenden Mittelpunkt dieser Premiere auf. In allen Situationen gibt diese mitreißende Sängerin eine brennende, schöne und dabei bewusste Leistung. Junker feuert Koloraturraketen ab, deren Kondensstreifen noch am Folgetag sichtbar sind. Und sie ist eine Melancholikerin, die in jeder Sekunde von Lust und Liebesglück das drohende Ende mitdenkt. Auf die nächsten Spieljahre darf man sich also freuen.
Dieses Lob setzt die anderen nicht herab. Bruno de Sás Achille und Nicolò Balduccis Ulisse agieren wie Paradigmen des Counterstimmen-Images heute: De Sá mimt ein sympathisches Luder und karikiert das eine Renaissance erlebende Männerbild, indem er wie ein quietschendes Kleinkind nach den tödlichen Waffen grapscht. Balducci gibt die antike Variante des sich dem systemischen Wandel anschmiegenden und durch Attraktivität blendenden Opportunisten. Sarah Gilford steigert die Luxusqualität als Deidamias zu kurz kommende Freundin Nerea. Ungewöhnlich für eine Händel-Oper sind zwei tiefe Männerstimmen bei nur sechs Solopartien. Rory Musgrave (Fenice) wäre ein feiner Kumpel für lange Retsina-Abende. Petros Magoulas hat neben seinen Soli eine beeindruckende Unterwasser-Szene mit kleinen und großen KI-Fischen. Intelligente Oper kann so schön sein!
Im Festkonzert am Festspieltag 1 war die Besetzung groß, weil viele Ehemalige der Einladung mitspielten. Leitungskader der Händel Festspiele von früher saßen im Auditorium der Stadthalle. Hits von Rameau, Johann Sebastian Bach und Händel erklangen auf Premium-Level. Vor dem interaktiven Teil übertönten die erfreuten Gespräche im Foyer die Danksagungen. Dieses Festival zeigt, dass emotionale Beteiligung ein Erfolg jahrelanger Kultur- und Kommunikationskontinuität ist. Ein solcher Diamant im Stadtgefüge erfordert sorgfältige, auch finanzielle Pflege!
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