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Rebel Rebel, Regie: Ivo Van Hove. Ari Notartomaso, Daniel Donskoy, Diego Rodriguez © Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2026

Rebel Rebel, Regie: Ivo Van Hove. Ari Notartomaso, Daniel Donskoy, Diego Rodriguez © Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2026

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Auf ein Letztes – Festspielschmuckstück und Kinderzimmerästhetik bei der Ruhrtriennale 2026

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Das letzte Ruhrtriennale-Jahr unter Ivo van Hove startet in der Jahrhunderthalle Bochum mit zwei sehr unterschiedlichen Formaten mit Musik „Rebel Rebel“ ist eine Hommage an David Bowie; und Joyce DiDonato erkundet auf ihre Weise die Lyrik von Emily Dickinson.

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Die Ruhrtriennale ist ein Festival des 21. Jahrhunderts. Mit den Kathedralen der Industrie bedient es sich der ererbten und zu neuem Leben erweckten Bauten des 19. Jahrhunderts. Darin huldigt es vor allem den Künsten des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Seit Gerard Mortier 2002 seine wohl imponierendste Hinterlassenschaft etablierte und zum Laufen brachte, haben sich sieben Nachfolger an der Balance von Kontinuität und Wandel oder besser an der Kontinuität des Wandels und der Erneuerung versucht. Von Jürgen Flimm, über Willy Decker, Heiner Goebbels, Johan Simons, Stephanie Carp und Barbara Frey bis zum Belgier Ivo van Hove haben unterschiedliche Persönlichkeiten dem Programm ihren Stempel aufgedrückt. Im Jahr des Silberjubiläums 2027 ist mit Lydia Steier wieder einmal eine ausgewiesene Opernregisseurin dazu berufen, einen Dreijahresspielplan zusammenzustellen, der das Publikum aus der Region und darüber hinaus anzieht. Vielleicht reicht es ja dann auch wieder für etwas mehr Lametta rund um die Eröffnung am Hauptspielort, der Jahrhunderthalle in Bochum. Die hat sich als künstlerische Zentrale für die Festspielwochen und als flexible Spielstätte etabliert und bewährt. Vielleicht nimmt auch die NRW-Landesregierung die Tradition wieder auf, ihren Chef zum Eröffnungsevent zu schicken. Nicht, dass in diesem Jahr wirklich eine Politikerrede gefehlt hätte – offiziell zur Schau gestellte Beachtung fällt aber vor allem dann auf und ins Gewicht, wenn sie fehlt. In den drei Ivo van Hove-Jahren stand das Musiktheater oder gar die Oper nicht im Zentrum des Planungsehrgeizes. Er suchte als Intendant und als Regisseur bewusst die Grenzüberschreitungen zwischen den Künsten als Strategie der Öffnung. Allein seine drei Auftaktspektakel in der Jahrhunderthalle stehen dafür.

Dabei war das erste noch am überzeugendsten. Unter dem Titel „I want absolute Beauty“ schickte er Starschauspielerin Sandra Hüller ins musikschauspielernde Rennen auf der Basis von PJ-Harvey-Songs. Der Versuch, diese um einen Star gebaute Show als Frank-Sinatra-Adaption „I did it my Way“ mit Lars Eidinger zu wiederholen, war nicht so erfolgreich, vor allem, weil Eidinger viel, nur nicht überzeugend, singen kann. Für seine letzte Show outete sich van Hove als David-Bowie-Fan. Das Plakat zu „Rebel Rebel“ zeigt Bowie und Van Hove im Großformat freundlich lächelnd, Hand in Hand nebeneinander. Bowie-Fans wissen, dass der Titel des Abends der eines seiner Hits ist. 2016 hatte Van Hove in New York, kurz vor Bowies Tod, dessen Musical „Lazarus“ inszeniert. Das verbindet.

Für den Abend, bei dem das Album „Diamond Dogs“ von 1974 den Kern bildet und die apokalyptische Stimmung vorgibt, hat sich van Hove durch alle Songs gewühlt und dann 27 ausgesucht und einer musicalversierten Crew überlassen, die sich mit vollem Körpereinsatz und bei den drei fabelhaften Protagonisten auch mit überzeugendem Stimmeinsatz darüber hermachen. Obwohl am Anfang eine Art dystopische Ausgangssituation behauptet wird und Jan Versweyveld die Bühne mit einem halben Dutzend ramponierter Container auf urbane Apokalypse getrimmt hat, wird es dennoch kein Musical.

Die Geschichte bleibt letztlich Behauptung und illustriert die Stimmung der Bowie-Songs im besten Fall, findet aber nicht zu sich selbst oder einem roten Faden irgendwohin. Keine West-Side nirgends. Und eine East-Side auch nicht. Dafür ist Liebe verboten. Und Gewalt die gängige Währung. Es gibt auch einen Käfigkampf, allerdings reicht dessen assoziative Reichweite nicht mal bis zu der absurden Veranstaltung vor dem Weißen Haus zu Trumps Achtzigstem. Auch wenn zu „Hallo Spaceboy“ Müll auf die Bühne geworfen wird, denkt man eher an Kinderzimmer als an die Umwelt. Optisch bleiben vor allem die von Sidi Labri Cherkaoui treffsicher choreografierten Gewaltausbrüche, die dann plötzlich folgenden utopischen Gruppenbildungen und eine ziemlich dünne Menage a Trois verkehrt. Hier: Boy (fabelhaft als Tänzer und mit phänomenaler Stimme Diego Rodriguez) und Girl (auf Augen- und Kehlkopfhöhe: Ari Notartomaso) und Daniel Donskoy (der Schauspieler, der seine Musicalausbildung offenbar auch während seiner Schauspielerkarriere – siehe Sankt Maik – immer gut gepflegt hat), der hier als der Gang-Leader den Fiesling raushängen lassen muss. Mit ein paar schwachen Momenten, in denen er Angst und Einsamkeit zugibt und sich nicht nur dem Girl sondern auch dem Boy annähert. Aber für eine tragfähige Geschichte ist das Personaltableau zu schmal. Gleichwohl wird perfekt gesungen und die Band unter dem Keyboarder Henry Hey sorgt für den rechten Bowie-Kraftstrom.

Ein stringente Handlung hatte die zweite Premiere in der Jahrhunderthalle aus der Rubrik Musiktheater auch nicht. Aber sie lieferte mit der Deutschen Erstaufführung von „Emily – No Prisoners Be“ mit Mezzostar Joyce DiDonato ein Festspielschmuckstück vom Feinsten.

Im Mittelpunkt: mit Joyce DiDonato ein echter Weltstar, der unter anderem damit glänzt, Barock zu rocken, und dennoch in keine Schublade zu passen. Der Gegenstand von „Emily – No Prisoner Be“ sind Gedichte von Emily Dickinson (1830-1886), einer faszinierenden – hierzulande wenig bekannten, und in ihrer Heimat zu Lebzeiten verkannten – Lyrikerin. Das Besondere ist die Dimensionserweiterung dieser Lyrik durch die von Kevin Putz maßgeschneiderte Musik für das Streichertrio Time for Three. Das Resultat ist eine bewegende Erkundung einer bislang kaum bekannten Welt der Worte, Klänge, Bilder, Denkanstöße, die es schafft, an Hörgewohntem anzudocken und ohne jede Furcht von Grenzüberschreitungen Originelles zu bieten.

Mit 24 Gedichten hat der Zyklus zwar „Winterreise“-Format, aber auf die Idee, das ganze als Liederabend zu bezeichnen, käme man nicht. DiDonato & Co. machen daraus im Bühnen- & Produktionsdesign von Ryan J. O’Gara eine Art Mini-Oper oder so etwas ähnliches, jedenfalls Durchinszeniertes. Als Rahmen braucht es dafür nicht mehr als Schreibtisch, Stuhl, einen wehenden Vorhang, wie Kerzen stilisierte Leuchtsäulen und ein ausgeklügeltes Lichtdesign.

 Dickinson war ihrer Lyrik quasi mit der Nachwelt im Bunde. In den deutschen Übertiteln taucht einmal der Satz auf: „Ich wohne in der Möglichkeit.“ Als Mensch blieb sie daheim, bei sich, allein – als Lyrikerin durchstreifte sie eine ganze Welt der Natur, der Seelen und der Gefühle mit allen Stimmungsaufs und -abs, die dabei möglich sind. Das gospelartig vertonte „No Prisoner be – / Where Liberty – / Himself – abide with Thee“ („Keiner sei in Haft – / Wo sich Freiheit – / Dir zum Hausgenossen macht –“) kommt einem Motto des Abends recht nahe. In einer emotionalen Zugabe bringt DiDonato den Saal mit ihrem Charme dazu, das „No Prisoner Be“ als kollektives Fazit mitzusingen.

 Die Musik von Pulitzer-Preisträger Kevin Puts (*1972) lässt sich imponierend passgenau auf den Rhythmus der Gedanken und Bilder ein, wechselt dramatisch in den Stimmungen und erlaubt der Sängerin mit dem ganzen Potenzial, ihre Stimme zu faszinieren, Leidenschaften lodern, Sehsucht glimmen zu lassen. An ihrem Schreibtisch und auf dem Stuhl, barfuß im weißen Kleid, das ans 19. Jahrhundert erinnert, zieht sie alle Register einer charismatischen, singenden Darstellerin. Nähert sich Emily an – so wie ihrem Publikum. Und Nicolas Kendall (Violine, Viola), Charles Yang (Violine) und Ranaan Meyer (Kontrabass), die alle drei auch Gesang beisteuern, folgen ihr dabei so sensibel wie temperamentvoll elektrisierend.

„Emily – No Prisoner Be“ ist ein neues und doch vertrautes, eigenständiges, lyrisches, musikalisch dramatisches Schmuckstück. Es macht Lust auf mehr. Vom Griff zu den  (auch in Deutsch vorliegenden) Gedichten von Dickinson bis zu der Hoffnung, auch anderen Poeten auf diese Weise Musik und Leben einzuhauchen.

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