„Greift nur hinein ins volle Menschenleben“ ruft Goethes Theaterdirektor als zeitlose Aufforderung an alles Theater – das tut das Staatstheater Nürnberg demnächst mit der Uraufführung der Mafia-Oper „Cosa Nostra“ und später widmet sich die Oper Frankfurt mit der Uraufführung „Battaglia“ den Frauenopfern der sizilianischen N’Dhrangheta. Münchens Staatsoper widmet sich nicht etwa Lady Di und Queen Elisabeth II., sondern dem 16. Jahrhundert mit Elisabeth I. und Mary Stuart.
Of One Blood | Premiere am 10. Mai 2026. © Monika Rittershaus
Aufführung rettet Werk – Uraufführung „Of one Blood“ an der Bayerischen Staatsoper
Wenn die beiden Rivalinnen über zahlreiche Filme, Dokus, Dramen, Romane hinaus – speziell dann nach Rossini und Donizetti erneut singen, dann sollte die dritte Fassung des Librettos von Heather Betts und der Musik von Brett Dean der vieluntersuchten und dargestellten Problematik „Durch Blut verbunden, durch Macht getrennt“ doch Eigenes abgewinnen und uns Musiktheaterfreunden offerieren, ja: begeistern und faszinieren.
Uraufführungseindruck der Musik: enormer Aufwand mit großem Orchester, vielen elektronischen Zuspielungen von Sound-Designern, Hauptchor im unterirdischen Proberaum, sichtbarer und unsichtbarer Bühnen-Chor und Chor-Zuspielungen, mit herein- und herausgetragenem Cembalo sowie Musik-Zitaten von William Byrd und der Tudor-Zeit. Wirkung des 1. Akts: Dominanz von klanglicher und vokaler Aggression und Hysterie in oft lautem „Sound“; kein beeindruckend komponierter Unterschied zwischen den Frauen, keine eingängige Klang-Divergenz zwischen beiden. Im 2. Akt dann etwas mehr Differenzierung, dennoch wirkt die zeitgenössisch tonale wie atonale Komposition ohne sofort hörbaren Bezug zur dramatischen Handlung. Star-Cembalist Mahan Esfahani wird viel zu wenig hörbar und der Aufwand mit ihm verpufft musikdramatisch völlig. GMD Vladimir Jurowski leitet souverän; mit hilfreich deutlicher Zeichengebung führt er durch die diffizilen Gesangspartien und hält wie selbstverständlich die Vielfalt der Mittel zusammen. Musikdramatische Faszination stellt sich in den über zwei Stunden Musik nur momentweise ein. Es bleibt ein „Mordsaufwand für wenig Opernblut“.
Die Besetzung: Ohne Einschränkung vom stilisiert „höfisch“ umrankenden Opernballett über die präzise singenden und kommentierend agierenden „Female Consorts“ um Mary Stuart, wie die „typisch männlichen“ Höflinge um Elisabeth sowie den kurz herausragenden Lord Darnley von Liam Bonthrone als Adelswiderling und den vergebens ausgleichenden Mary-Ratgeber Rizzio von Andrew Hamilton – alle staatsopern-gemäß. Da es eine kompositorisch-musikdramatisch gezielte Entscheidung war, die Kontrahentinnen Elisabeth und Mary beide im Sopranfach anzusiedeln – eventuell noch in der Hoffnung, dass das Engagement von deutlich divergierenden Stimmfarben möglich ist: Wo unterhalb von Staatsopernbudgets? – dies glückte schon in der reichen Bayerischen Staatsoper nur bedingt. Johanni van Oostrums Elisabeth klang zwar etwas runder und fülliger, fast „fraulicher“, wozu der jugendlich-dramatische, helle Sopran von Vera-Lotte Boecker etwas kontrastierte, doch blieb beider Vokal-Drama hinter den Möglichkeiten von Sopran-contra-Mezzo-Alt zurück. Dennoch wurden beide „First Ladies“ zurecht bejubelt, denn sowohl darstellerisch wie figurativ wie gesanglich gelangen zwei Frauenporträts beeindruckend. Die Übertitel waren mehr als erfreulich, denn Komponist Brett Dean hat nicht an Textverständlichkeit gedacht.
Of One Blood | Premiere am 10. Mai 2026. © Monika Rittershaus
Rettung des Abends durch die Inszenierung: Regisseur Claus Guth hat sich von Bühnenbildner Etienne Pluss einen Karl-Ernst-Herrmann-Raum (vgl. Peter Steins Schaubühne und die Brüsseler Oper unter Gérard Mortier) bauen lassen: ein weißes Science-Museum mit Automatik-Türen, Hubpodien, Digital-Meldern für Licht und Atmo. In strengen Abläufen lässt Regisseur Guth die gesamte, zeitlich ferne Handlung in einem utopischen Endzeit-Museum vorführen – ein ganzes Team an High-Tech-Digital-Fachwissenschaftlern fährt von Links und Rechts zunächst die königlichen Sarkophage aus Westminster Abbey herein, prüft den Zustand der Leichname, entnimmt eine Knochenprobe und Mary kleines katholisches Halskreuz. Unsichtbar im Seiten-Off werden wohl beide Särge geöffnet, zwei historisch-stilistisch wohl präzise divergierende, hölzerne Thron-Stühle distanziert in der jeweiligen Raumhälfte aufgestellt – und beide Königinnen werden hereingeführt und treten fast bis ans Ende in dieser Raum-Distanz unter einem Spannbogen-Gewölbe-Teil aus Westminster auf: Mary samt Entourage oft mit Schottenmuster-Kostümen, Elisabeth samt Höflingen im strengen Tudor-Look (Ursula Kudma).
In beiden Akten fesselt Claus Guths bis in Details ausgearbeitete Personenregie: zu den Kratz-Geräuschen der historischen Schreibfedern in der Partitur lässt er weiße für freundliche, schwarze für politische bis tödliche Schriftstücke reichen; deutlich wird mehr hoheitlich steife Selbstinszenierung bei Elisabeth, mehr emotionaler Wirbel um Mary mit dem adeligen Widerling Danley, dazu ihre aufbegehrende Herrschaftsgier, die dann langsam in Verzweiflung umschlägt und in ihrem Sich-zu-Füßen-Werfen an Elisabeths Thron gipfelt - dies zu wenig als irrealer Wunschtraum komponiert und inszeniert, da sich beide Rivalinnen real nie begegnet sind … an Schillers Szenenkraft darf da nicht gedacht werden … Das aus vielen Briefzitaten und historischen Quellen erstellte Libretto blendet die große Politik zwischen England-Schottland-Frankreich-Spanien aus, erwähnt Katholizismus-contra-Anglikanismus und stellt den menschlichen Konflikt zweier Macht-Egos vor – was Claus Guth enthüllt. Über diese Abgründe tröstet sich Elisabeth mit ihrem „Anteil an ewiger Freude“, Mary mit ihrem finalen „In meinem Ende liegt mein Anfang“ – dieser Uraufführungsanfang mit den wieder hereingeschobenen Sarkophagen wurde in München fast einhellig bejubelt … ob sich das Werk ohne die glänzende Inszenierung neben der Fülle an exzellenten Deutungen des Stoffes behaupten kann, muss die Theaterzukunft erweisen.
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