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Biermann - Drachentöter__P 06.03.2026 | Ulrike Knobloch, Gunnar Blume. Foto: © Christina Iberl
Biermann - Drachentöter__P 06.03.2026 | Ulrike Knobloch, Gunnar Blume. Foto: © Christina Iberl
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Balladen und Politik: Wolf Biermann wird in Meiningen Publikum seiner selbst

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Nichts zu verbergen hat der am 15. November 2026 seinen 90. Geburtstag feiernde Wolf Biermann. Dessen blaue Augen blitzen noch immer mit hintergründigem Fragen in die Gruppen wie gestern im Staatstheater Meiningen. Deutlichkeit ist Biermanns Lebensprinzip. Der Liedermacher und Lyriker praktiziert, wovor die meisten heute kuschen oder kuscheln. Sein Sprachgebrauch machte ihn zum Idol und zum Buhmann in Ost und West, später zur Eminenz, aber keiner grauen. Am einzigen Thüringer Staatstheater widmete man ihm und seinem Jahrhundert die Uraufführung des Deutschlandabends „Biermann – Drachentöter“ von Martin Heckmanns.

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Wer macht sich schon Gedanken darüber, welche epochalen Persönlichkeiten zur Ehre eines Schauspiel- oder Musical-Biographicals kommen – und wer nicht? Da wäre zum Beispiel Gisela May. Bis 1989 war die Vorzeige-Schauspielerin und Diseuse der DDR präsent. Und Jahrzehnte danach blockfrei. Unermüdlich tingelte sie mit Brecht-Programmen über die großen und kleinen Unterhaltungspaläste – mit hoher Qualität bis ins hohe Alter. Piekfein, knochentrocken und damit als Madonna eines dialektischen Materialismus, der zugleich gesinnungstreu und artifiziell war. Aber May hatte in der Nachwendezeit einiges zu verbergen, vor allem die Mitwirkung in Referenzeinspielungen des von ihr als minderes und ihrem Ruf abträgliches Genre betrachteten DDR-Musicals. Da flötete sie „Ein Glas Tee bei Bibi“, „Nach der Premiere beginnt die Misere“ und anderes. 

Wolf Biermann dagegen sang und redete sich dagegen in Ost und West auf Messers Schneide um Kopf und Kragen. Die Idee zum systemübergreifenden Meininger Drachenstich hatte Schauspieldirektor Frank Behnke. Er ließ sich von Martin Heckmanns („Mein Vater und sein Schatten“) ein riesiges, bei Suhrkamp erschienenes „postdramatisches Stück“ zusammenstellen - ein Portfolio über Biermann und seine Zeiten. Die ersten Jahre in Hamburg nach der Geburt mit dem Privileg „in eine kommunistisch-jüdische Familie“, der traumatisierende Tod des Vaters 1943 im Konzentrationslager, die freiwillige Übersiedlung von der BRD in die DDR 1953 – also im Jahr des Volksaufstands der DDR gegen das SED-Regime. Dann die Zeit am Berliner Ensemble kurz nach dem Tod des Vorbilds Bertolt Brecht, die Entdeckung und die zunehmenden Strapazen nach dem „Kahlschlag-Plenum“ im Dezember 1965 mit der strikten Knebelung künstlerischer Eigenmeinungen gegen den Parteikurs. Schließlich „Ausbürgerung“ in die BRD 1976. Das Deutsche Historische Museum widmete Biermann 2024 die Ausstellung „Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland“. „Biermann – Drachentöter“ ist also gesamtdeutsches Panorama mit vielen Ost-Prominenten im Personenverzeichnis von Jurek Becker bis Margot Honecker. 

„Keine Einmischung!“ (kurzgefasst) hatte der Impulsgeber Biermann sich vorgenommen, dafür trotzdem vorsorglich die „Furzkatze ChatGPT“ über die Hochburg und Geburtsstätte des Bühnenrealismus und Regietheaters befragt. Antwort: „Das ist selten bei einem Stück über eine lebende Figur – zumal über jemanden, der selbst Dichter, Sänger und Dramaturg seines eigenen Lebens ist - ‚ein blutjunger Greis Biermann‘. Die Legende ist höchst präsent – auf CD, Retro-Vinyl und in einer neuen musikalischen Aneignung unter der musikalischen Leitung von Lukas Umlauft. Biermann selbst erlebt auf der Bühne seine Reinkarnation als eher prononcierter denn lautstarker Gitarrenbarde. Hier bildet sich das Ensemble aus insgesamt sieben Wolf Biermanns mit Schnauzer und der im Straßenleben von Ost wie West betont unauffälligen Kleidung. In der DDR waren am anderen Ende der Fahnenstange die typischen Anoraks für Stasi-Spitzel (Kostüme: Cornelia Kraske). 

Biermanns Sprache ist glasklar und deutlich vor allem darin, dass Schimpf- und Fäkalworte ganz natürlich in eine lapidare Poesie eingebunden sind. Sie singen im Ensemble alle mit ihren eigenen Stimmen, ohne das Original zu imitieren. Der Sound dazu: Blech-Design leicht abgemildert, durchsetzt mit einer Nuance von Aufforderung zum Chillen, aber tendenziell eindringlich und unbequem. Ein Arrangement, das in seiner klaren Akzentuierung die Wohlfühlzone meidet, obgleich das Gruppenfeeling „Wir alle sind Biermann“ zur choreographischen Uniformität verführen könnte. Nur eine Figur gerät neben den grotesken, teils mit Gesichtslarven ausgestatteten DDR-Funktionsorganen zum tieftraurigen Konterpart: der von der Stasi im Westen beobachtete und 1999 in Alter von nur 49 Jahren an Krebs verstorbene DDR-Oppositionelle Jürgen Fuchs. Dessen Monolog wird zur kantig verstörenden Wortoper mit affektiver Hingabe wie mimischer Klugheit gesetzt von Gunnar Blume. Der Drachenland-Einheitsraum: Der holzvertäfelte DDR-Plenarsaal mit Hammersichel-Kranz darüber (Bühne: Ralph Zeger). In diesem Raum wird die Band verschwindend klein, füllt diesen muskalisch aber desto intensiver aus. Das Ensemble spricht, musiziert, singt drei Stunden lang. 

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Biermann - Drachentöter__P 06.03.2026 | Ensemble. Foto: © Christina Iberl
Biermann - Drachentöter__P 06.03.2026 | Ensemble. Foto: © Christina Iberl
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Bekanntermaßen durften Biermanns Lieder zur Benno Bessons epochaler Inszenierung von Jewgeni Schwarz’ „Der Drache“ am Deutschen Theater in Ostberlin nicht erscheinen und kamen erst 1971 als „Der DRA-DRA. Die große Drachentöterschau“ an den Münchner Kammerspielen heraus. Der Drache und Biermann als Drachentöter-Clown mit Passform-Gitarre und dem ihn riesenhaft überragenden Schwert findet sich auf einen „dilettierenden“ Selbstporträt. Den DDR-Potentaten musste ein Poet, der „Arbeitsmoral“ mit „Suff im Lokal“ reimt, unbequem daherkommen.

Apropos multiples, aber nicht schizophrenes Selbstporträt: Ulrike Knobloch, Gunnar Blume, Louise Debatin, Michael Jeske und Paul Maximilian Schulze machen ihre Sprünge von historischen Figuren zum Biermann-Outfit und zurück fulminant. Behnke und Heckmanns konzentrieren sich vor allem auf die Ost-Perspektive, selbst wenn die West-Schelte auf den Kapitalismus-Kritiker Biermann deutlichst zur Sprache kommt. Es geht vor allem um die Biermann-Stringenz, mit der dieser kräftig austeilt, sich damit mit Mut angreifbar macht, seine Fehlbarkeit signalisiert und dabei immer streitbar für die Demokratie eintritt, Aber auch für deren Erschütterungen, sofern diese das heute gefährdete Staats- und Freiheitsmodell nicht gefährden. Diese dringt noch immer aus den Liedern, von denen die Playlist im Programmheft bis zum finalen „Wann ist denn endlich Frieden“ zwanzig auflistet. Die Dramaturgin Deborah Ziegler vergleicht Biermann mit dem Asterix-Barden Troubadix. Systemisch ist das vollkommen korrekt, aber ästhetisch fusioniert sie da Gegensätze. Denn Troubadix wird gefesselt und geknebelt, weil er wegen vokaler Penetranz und L’art pour l’art unverstanden bleibt. Bei dem ganz anders aufgestellten Biermann aber ist nur zu klar und deutlich, was letzterem mit zunehmenden Alter einen noch mehr wachsenden wie respektvollen Freundeskreis schafft. Das soll so bleiben.

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