Was Oper alles kann, das zeigt, selbstredend neben vielen anderen Häusern auch anderswo, die Berliner Komische Oper jeweils zu Saisonbeginn im geräumigen Hangar 4 des ehemaligen Tempelhofer Flughafens: mit schöner Regelmäßigkeit und großer stilistischer Vielfalt ein breiteres Publikum gleichermaßen wie die öden Weiten der Hauptstadt bespielend. Nun folgte auf Henzes „Floß der Medusa“, Händels „Messias“, Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“ in den vergangenen Spielzeiten Shakespeares ebenso gemarterter wie verrückter König Lear in der fulminanten, 1978 uraufgeführten Opernfassung von Aribert Reimann – welcher vor neunzig Jahren in Berlin geboren wurde und vor zweien daselbst verstarb.
Die gehobene Gesellschaft, keine Partystimmung Foto: Monika Rittershaus
Bigger than live – Die Komische Oper mit Reimanns „Lear“ im Tempelhofer Hangar
Mithin ein genius loci, dem nur gemäß ist, dass die jetzige Lear-Inszenierung von Barrie Kosky, nach Harry Kupfer 1983 und Hans Neuenfels 2009, bereits die dritte des Hauses an der Behrenstraße ist, welches sein umbaubedingtes Exil im Schillertheater und eben am Platz der Luftbrücke produktiv verbringt. Das kann Oper, selbstredend wie an vielen anderen umbaubedingt geschlossenen Häusern, auch. Als Genre da draußen überleben, bis es dereinst, womöglich geläutert und geschärft, in die erneuerten und ertüchtigten Stammhäuser zurückkehren kann.
Der Narr, selbdritt (Dagmar Manzel) Foto: Monika Rittershaus
Dem Theatermenschen Dario Fo sagt man nach, es reichte ihm als Bühne ein Taschentuch, ein kleines weißes Stoffviereck, welches er vor sich ausbreiten konnte, um darauf die kleinsten und die größten Geschichten zu spielen. Dem Theatermenschen Barrie Kosky stand jedoch im Tempelhofer Hangar ein weißes Viereck von 400 Quadratmetern zur Verfügung sowie, bis auf die allerdings gewaltigen quantitativen Unterschiede und Massen, die gleichen Mittel wie Fo: Laute, Klänge, Sprache, Motorik. Kosky indes und seiner Bühnenbildnerin Rebecca Ringst ist dieser Blow-Up ins Großformat überzeugend gelungen. Aus Gesten wurden Gänge, aus Emotionen Bewegungen im Raum, und so hatten alle Protagonisten, neben ihren anspruchsvoll anstrengenden Partien, auch reichlich Strecken zu bewältigen. Kurz aber ist der Weg der gehobenen Abendgesellschaft ins Tarnzeug und die Abgerissenheit des Kriegs der Allernächsten gegeneinander (Kostüme: Klaus Bruns).
Das weiße Geviert, eingekeilt zwischen den gegenüberliegenden Publikumsblöcken einerseits sowie Orchester und Perkussionswand andererseits, ist mit sparsamsten Mitteln, Licht, Schatten, Stühlen, einem fahrbaren Podest und Nebel, sowohl Schlosssaal als auch Zimmer, Hütte, Straße, Heide. Darauf, unter Aussparung der Mütter und ausweglos, Väter wie Lear und Gloster, sowie des einen Töchter und des anderen Söhne beziehungsweise das alles, was sie einander geben oder entziehen, das Reich, das Erbe, die Liebe, und wie sie das alles verrückt macht und vernichtet. Von den Hauptfiguren überleben gerade mal der verstoßene Sohn Edgar und der treue Kent – und der Narr.
Und wie diese Unerbittlichkeit über die Figuren herrscht, so herrscht das Ensemble über das Geviert mit aufopferungsvollem Spiel über die weiten Strecken, mit streckenweise berauschtem wie berauschenden Gesang über die weite Skala des Reimannschen Ausdrucksspektrums. Scott Hendricks als auf seinem Weg vom Sugardaddy zum Wrack irregewordener König, der imposant in der zentralen Sturmszene auf der Heide seinen Wahn und das Wüten der Natur eins werden lässt; mit erstaunlichem Ambitus von Kopf- bis Brustregister Aryeh Nussbaum Cohen als Glosters verstoßener Sohn Edgar, der darob zum Irren Tom ward; wie Furien Rosie Aldridge und Nicole Chevalier, Lears realpolitische Töchter Goneril und Regan, lyrisch verinnerlicht Penny Sofroniadou als die idealistische Cordelia. Brenton Ryan (Edmund), Günter Papendell (Gloster), Ivan Turšić (Kent), die Haus-Elfe Dagmar Manzel (Narr) und alle anderen trugen mit Verve dazu bei, dass aus Reimanns Oper so ein shakespearehaftes Welt(untergangs)theater wurde. Gleichermaßen Chor und Orchester der Komischen Oper sowie Nicholas Carter, der, mit dem Co-Dirigenten, alle Fäden zuverlässig zusammenführte. Großer Jubel.
Die Heide im Sturm, Lear im Wahn (Scott Hendricks) Foto: Monika Rittershaus
Aber dennoch: Reimanns Musiktheater ist nicht von der Art Nonos oder Stockhausens etwa, arbeitet nicht mit der Verschiebung und Verschleifung von Schallquellen und Klangebenen, vielmehr mit dem, im besten Sinne: konventionellen Opernidiom. Sein „Lear“ ist der „Tosca“ näher. Was aber bei dieser Inszenierung möglicherweise zu einer Art melancholischem Unwohlsein führt, das ist gerade das Sounddesign. Keine Frage, unter den akustischen Bedingungen des Tempelhofer Hangars sind Mikrophonierung und Verstärkung unabdingbar und, nach anfänglichem Balanceproblem, sehr gekonnt und stückdienlich gelöst (Holger Schwark). Ungelöst (oder unerlöst?) bleibt aber dabei die gleichzeitige Koexistenz von realem analogen Klang und dem elektronisch verstärkten Bild, oder der ubiquitären Präsenz der Gesangsstimmen und einer, bei diesen räumlichen Gegebenheiten natürlichen Ferne eines Orchesters von der Seite. Die einen prägen sich in den Kopf ein, das andere peilt man mit den Ohren an. Verschiedene Klangqualitäten sprechen die Sinne aber verschieden an, weil deren Klänge schlicht von anderer Art sind. Dabei sind sie ursprünglich eines Wesens, auch wenn dieses selbst sehr heterogen ist: exaltierte Gesangslinien, großes Orchester, gewaltiger Perkussionsapparat, von der zartesten Vokalise bis zum härtesten Gedonner der Bronzeplatten. Reimanns „Lear“ ist eine, wenn auch exorbitante, so dennoch konventionelle Oper, ist lebensgroß, nicht über-lebensgroß. Das Unwohlsein an derart dystopischer Klangsinnlichkeit, die Melancholie rührt also womöglich daher, dass es noch lange dauern wird, bis man sie an einem Ort vereinigt wiederfinden wird: dem einen musikteatralischen Klangkörper des realen Hauses an der Behrenstraße, zu dem alle Teile analog gehören.
- „Lear“, Komische Oper Berlin im Tempelhofer Hangar 4: 18., 20., 22., 24., 26., 29. September, 01., 03. Oktober 2026
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