Seit der Wiener Uraufführung 1790 gilt dieses letzte gemeinsame Meisterwerk von Mozart und Lorenzo Da Ponte als Paradebeispiel für musikalisch-psychologische Sezierkunst. In Magdeburg erweist sich der verpixelte Abend nun als ein zwar ambitionierter, im Kern aber matter Versuch, der das genuine Potenzial der Partitur bei weitem nicht ausschöpft. Martina Gredlers virtuelles Dating-Labor und Sebastiano Rollis Mozart-Bild bleiben etwas hinter den Herausforderungen von „Così fan tutt*e“ zurück.
Theater Magdeburg: Così fan tutte – András Adamik, Marko Pantelić, Weronika Rabek. Foto: © Nilz Böhme
„Così fan tutt*e“ mit Cyberspace: Verpixelte Mozart-Premiere in Magdeburg
Verpixelt sind in dieser Inszenierung tatsächlich alle: Die Herren agieren als Softwareentwickler, die Frauen vor allem als Userinnen. Am Ende können sich alle darauf herausreden, dass die Verpixelung der maliziösen Wette über die Verführbarkeit der Geliebten innerhalb von 24 Stunden Absicht war. Das gilt für die sich im Game verlierenden Opernfiguren ebenso wie für das Produktionsteam. Letzteres wollte die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf das menschliche Paarungsverhalten nicht aus den Phänomenen der Gegenwart, sondern aus der Internet-Steinzeit vor fast vierzig Jahren untersuchen.
Die Regisseurin Martina Gredler packte am Schauspiel Nürnberg mit der Überschreibung von Schnitzlers „Professor Bernhardi“ zu „Die Ärztin“ und in Klagenfurt mit Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“ bereits heiße Eisen an. Bei ihrer Moralarbeit über die Sandkastenjahre des Internets und über Mozarts als Anwenderinnen und Anwender auffrisierte Figuren reüssierte sie diesmal jedoch nur bedingt. Hier entwickelte der im Original die Wette anregende Don Alfonso ein Game, das ihm am Ende selbst sauer aufstößt. Ferrando und Guglielmo werfen sich nicht mehr in die Verkleidung attraktiver Albaner, um die Verführung ihrer Liebsten über Kreuz herauszufordern. Stattdessen steigern sie sich ebenso in den Verlauf vom harmlosen Start bis zum triumphalen Level 6, mit dem sie Fiordiligi und Dorabella einnebeln. Das Infame dabei: Wie bei Mozart wissen die Männer mehr als die Frauen. Diese vergnügen sich bei einem TV-Liebesfilm mit Pommes und Popcorn, bis Don Alfonso sie mit seinem roten Joystick auf andere Gedanken bringt und mit Avataren ins Spiel lockt.
So kommt, was kommen muss – aber anders als gewünscht. In der physischen Welt sorgt das Game natürlich auch für Schmetterlinge im Bauch. Noch mehr reizt es jedoch zu Aggressionen und die Erkenntnis: Mit dem Feuer spielende Cyberflirts sind nicht der Weisheit letzter Schluss für die komplizierte Bedürfnisstruktur des Menschen.
Ob Gredler mit ihren Vorurteilen über die geschlechtlichen Rollenmuster auf dem richtigen Weg ist, bleibt eine andere Frage. Die etwas verwegenere Dorabella in Himbeerfarben und die etwas sentimentalere Fiordiligi in Limoncello-Gelb haben das Barbie-Image derart verinnerlicht, als hätte es um 1990 weder eine Alice Schwarzer noch eine Esther Vilar gegeben – geschweige denn den damals äußerst aktiven Cyberfeminismus. Die Jungs sind zwar auf den ersten Blick Softies aus dem Zeitgeist-Bilderbuch, ballen später aber oft die Fäuste und greifen sich besitzanzeigend in die Gemächte. Nur Don Alfonso tut das nicht. Er ist der Chef und behält als Einziger den wirtschaftlichen Überblick, während er seine Mitarbeiter als Versuchskaninchen instrumentalisiert. David Howes gestaltet den Drahtzieher äußerst verbindlich und eloquent – also fast schon zu nett. Sein Pendant und Fast-Zwilling ist hier Despina. Sheva Tehoval dreht mit festem wie quirligem Sopran derart auf, dass man bei ihren Auftritten glatt vergisst, dass es sich hier um die unerotischste „Così fan tutte“-Inszenierung seit langem handelt. Da agierte Christof Loy bei den Salzburger Festspielen mit erotischer Distinktion weitaus sinnlicher.
Dabei waren die Menschenboxen von Anneliese Neudecker zu Beginn wunderbar realistisch und die Cyberdekoration echt witzig. Es bleibt jedoch beim theatralisch nicht wirklich genutzten Reiz. Dafür baut sich eine gelinde – und vielleicht als Wirkungszielmarke sogar beabsichtigte – Traurigkeit über die sensitive Leere dieser „Così“ auf. Ein Verlust wird aber nur dann verständlich, wenn das Verlorene vorher sichtbar war. Hier offenbart das Liebesquartett dagegen einen bitteren Mangel an Erotik und emotionaler Wärme, die sich auch durch die allzu einschichtige musikalische Realisierung nicht vermittelt.
Alle Instrumentalsoli hätten weitaus schwingender, gestischer und empathischer kommen müssen. Sebastiano Rollis Flächensound, der sich über die ziemlich vollständigen drei Mozart-Stunden streckte, hatte Konsequenzen für die Solisten. Vieles war zu laut und deshalb zu vordergründig. Einige Gesangstöne wirkten forciert und vieles schien von der orchestralen Flachatmung infiziert. Der von Martin Wagner einstudierte Chor wirkte diesmal weder überzeugend kantig noch richtig rund. Daniela Mühlbauers unkonturiertes Arrangement der schwarz gekleideten Chorsänger blieb eine etwas unfertige Gesamtform.
András Adamik offenbart das richtige Timbre für einen Mozart- und Belcanto-Tenor, war aber als Ferrando unnötigerweise zu laut – bis auf seine eleganten Höhen, mit denen er die als Retro-Hippie angelegte Figur verschönerte. Marko Pantelić hätte aus dem kraftmeierischen Nerd Guglielmo und seinem weichen Material ein interessanteres Profil entwickeln können. Das Wasserstoff-Superblond ihrer Perücken torpedierte zudem weitgehend die feinen Unterschiede der im Game noch zärtlicheren Schwestern. Weronika Rabek ist eine fast sopranhafte Dorabella. Leider implodiert die musikalische Dimension nicht parallel zu den steigenden Spiellevels. Anna Malesza-Kutny wurde es verwehrt, wie Fiordiligi in anderen Inszenierungen mit ihrem E-Dur-Rondo zur Hauptfigur zu werden.
Oft springen „Così“-Aufführungen mit dem Erwachen der Liebhaber aus ihrer vermeintlichen Selbstvergiftung und bei der Neugruppierung der Paare auf musikalische „Next Levels“. Hier passierte das bedauerlicherweise nicht. Es gab schon Aufführungen mit weitaus mehr Aufmerksamkeit und Glückshormonen für so manches Arienwunder und Ensemble-Diadem. Vor allem aber macht die aktuelle Produktion in Magdeburg Angst vor der erotischen KI-Zukunft – auch deshalb, weil es außer in den Aggressionsattacken zwischen Ferrando und Guglielmo kaum zu direkten, größeren Gefühlen kommt. Alles bleibt slim, smart und trotzdem uncool.
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