Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn zwei Männer sich küssen? Oder wenn zwei Frauen sich lieben? Mehr noch: Weshalb soll es widerlich sein, wenn sich ein Mann rattenscharfe Frauenklamotten anzieht oder eine Frau in Männeroutfit herumläuft? Am helllichten Tag, auf offener Straße… Ist das pervers, krank oder sonst was? Wenn’s nach Dean geht: ja!
Dan Gillespie Sells’ „Alle reden nur noch von Jamie“ verzaubert an der Oper Dortmund. Foto: Björn Hickmann
Dan Gillespie Sells’ „Alle reden nur noch von Jamie“ verzaubert an der Oper Dortmund
Dean ist einer der Jungs aus der Abschlussklasse einer Highschool in Sheffield. Ein ziemlich ätzender Macho-Typ, wohl genauso alt wie Jamie, nämlich 16. Dean hat große Klappe, aber wenig Hirn. Damit steht er in dem Musical „Alle reden nur noch von Jamie“ als ziemlicher Unsymp da. Leider ist davon auszugehen, dass in der Realität, also im echten Leben, Leute wie Dean alles andere als Ausnahmeerscheinungen sind. Nur mit dem Unterschied, dass sie in der realen Gesellschaft nicht als Unsymp rüberkommen, sondern im Gegenteil oft beklatscht werden, wenn sie denen, die nicht der sogenannten „Normalität“ entsprechen, eins in die Fresse kloppen, egal ob sie schwul oder lesbisch sind oder einfach nur Drag sein wollen.
Aber in „Alle reden nur noch von Jamie“, diesem 2017 in Sheffield uraufgeführten Musical (unter dem englischen Originaltitel „Everybody’s Talking About Jamie“), geht es gar nicht in erster Linie um Gewalt gegen Schwule, Lesben, Nonbinäre oder was es sonst noch so alles gibt. Es geht um Jamie (die Musical-Handlung dreht sich um eine wahre Begebenheit), der sich schon als Achtjähriger einfach pudelwohl gefühlt hat, wenn er in Mamas glitzernden Kleidern steckte. Jetzt, kurz vor den letzten Abschlussprüfungen, nach seinem Berufswunsch gefragt, bekundet er folgerichtig, wenn auch zögerlich, er wolle Drag-Queen werden! Am Ende wird er es auch. Aber bis dahin ist Jamies Weg steinig.
Genau diesen Weg skizziert das Musical, zu der Dan Gillespie Sells die Musik komponiert und Tom MacRae das Buch und die Gesangstexte geschrieben hat. Im englischen Original wurde es zu einem großen Erfolg, die Junge Oper Dortmund hat jetzt die Ehre, die deutsche Erstaufführung in der deutschen Übersetzung von Werner Sobotka (Mitarbeit: Niklas Doddo) zu präsentieren. Gleich vorweg: Selten war der Jubel im großen Dortmunder Opernhaus für ein Musical so mächtig, die Beifallsausbrüche derart vulkanhaft wie dieses Mal. Völlig zu Recht! Auch wenn die drei Stunden sehr textlastig sind, gerät die Geschichte insgesamt doch immer sehr anrührend, ja bewegend.
Jamies Weg: Er hat Glück mit seiner Mutter, die ihn von Anfang an unterstützt, ihm sogar zum 16. Geburtstag ein Paar wundervolle High Heels schenkt. Das krasse Gegenteil ist Jamies Vater, der immer „einen Sohn“ haben wollte … und jetzt das: ein Kind im Fummel. Aber Jamie lässt sich nicht beirren und wird durch seine Mitschülerin und beste Freundin Pritti ermutigt, sich in „Victor’s Secret“ nach was Kleidsamen umzusehen. Auch Hugo, der Verkäufer, steht auf Jamies Seite. Kein Wunder, denn Hugo feierte einst selbst als Drag-Queen „Loco Chanel“ (!) Riesenerfolge. Seine Lebensgeschichte sorgt bei Jamie für wachsendes Selbstbewusstsein – und Hugo schafft es, für ihn einen ersten Auftritt in einem Nachtclub zu arrangieren. Ein voller Erfolg! Dennoch erlebt Jamie Phasen des Selbstzweifels, der Resignation und der Hoffnungslosigkeit. Der klassische Fall einer Coming-of-Age-Geschichte also, mit all den damit verbundenen inneren Konflikten.
In Dortmund macht Regisseur Alexander Becker daraus eine gigantisch gute Performance und zieht alle Register, die das Musicaltheater so hergibt: turbulente Choreografien, irre Lichteffekte, betörender Sound, cleveres Bühnenbild – und vor allem: ein in jedem Augenblick hoch motiviertes Ensemble junger Menschen, die auf der Bühne den Eindruck vermitteln, sie machten den Tag über nichts anderes als Theater zu spielen. Tun sie aber nicht! Aber alle sind vollkommen authentisch und identifizieren sich mit ihren Rollen, ob Sympathieträger:in oder Unsymp. Das macht den Abend so überzeugend, so ehrlich – und ja: so emotional berührend.
Einer ist am Premierenabend der absolute Mega-Star, dem das bis unters Dach vollbesetzte Dortmunder Haus zu Füßen liegt: Dominik Kulczyński in der Titelrolle! Unfassbar, dass er bis heute kaum nennenswerte Bühnenerfahrung hat. Erst vor einem Jahr wurde er (der ein sängerisches und schauspielerisches Naturtalent sein muss) von Alexander Becker gecastet und hat sich seitdem auf seine anspruchsvolle und kräftezehrende Rolle vorbereitet. Das ist nicht viel Zeit! Die aber hat er genutzt, sich mit Haut und Haar in Jamie quasi zu verwandeln. Was kann einem Regisseur Besseres passieren?
Viele andere Menschen auf den Bühnenbrettern treiben die Handlung voran – ebenso professionell und engagiert wie Dominik Kulczyński. Denn „Alle reden nur noch von Jamie“ ist der Erfolg eines Teams, bestehend aus den Dortmunder OpernYoungsters, Schüler:innen des Märkischen Gymnasiums Iserlohn, dem Quintett aus echten Drag-Queens namens „House of Blænk“ und der zehnköpfigen Band YoungSymphonics. Deren Botschaft ist klar: Leute, lebt mehr Toleranz und Vielfalt, seid oder werdet so frei, dass ihr sein könnt, was ihr wollt! Auch wenn die gesamtgesellschaftliche Entwicklung weltweit seit geraumer Zeit in die genau andere Richtung geht. Schade, schade, sehr schade nur, dass dieses so wichtige Stück nur noch dreimal in Dortmund gespielt wird.
- www.theaterdo.de
- Weitere Vorstellungen: 21., 22. Juni und 27. Juni (Zusatzvorstellung)
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