Die Wahrscheinlichkeit, dass die Komische Oper mit der Neuinszenierung von Dimitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ einen Erfolg würde landen können, war, recht besehen, relativ hoch. Die gegenwärtige Weltlage, eines der herausragenden Werke des 20. Jahrhunderts, quasi ein „Wozzeck“ des Ostens, dazu ein Regisseur, vom ehemaligen Stammhaus wie dessen Stammpublikum geliebt und diese Liebe stets erwidernd: Da konnte wenig schiefgehen, zumal, wenn der Regisseur Barrie Kosky selbst von den Musen geliebt wird, weil, für nichts bekommt man von ihnen nichts, er seinerseits die Künste liebt. Was seine Arbeiten nämlich, seien sie wie sie seien, stets eindrucksvoll und überzeugend macht, sind die tiefe Zuneigung zu sowie der Respekt vor Musik und Theater, mit denen er ans dann doch ziemlich eigenwillige Werk geht. So auch diesmal, und wenn man von dem einen einsamen Buh-Rufer absieht, der den Saal türschlagend verließ, noch bevor der befreiende Beifall einsetzte, war der Erfolg ein durchschlagender. Auch künstlerisch. Und das bei einem Stück, in dem man in der Liebe zwar kommt, aber nicht wirklich weit. Ins Straflager dann aber schon.
Im Straflager: Chor, Katerina (Ambur Braid) Foto: Monika Rittershaus
Das Leben, ein Lager –‑ Schostakowitschs „Lady Macbeth“ an der Komischen Oper
Katerina Ismailova, diese übergroße Hauptfigur unter den vielen benutzten, verlassenen, verachteten Nebenfiguren der russischen Opernliteratur, etwa der Lyubasha („Zarenbraut“) oder Marfa („Chowanschtschina“), bis auf dass sie deren animalische, körperliche Aspekte durchaus zu schätzen weiß, wieso auch nicht?, weiß von den wirklich weiten Dimensionen der Liebe nichts. Woher denn auch. Nicht nur, dass sie nicht lesen kann, auch hat sie Respekt, Zuneigung und dergleichen niemals erfahren; wie auch übrigens kein Mensch in ihrer Welt, in der dieser wenig zählt, und als Frau noch viel weniger. Sie spürt aber, dass ihr irgendetwas fehlt in dieser umfassenden Gewalt und Ausbeutung, und sie wird es auch nicht finden.
Neben allen dramatischen Spitzen, die sie trefflich setzt, zeichnet Ambur Braid als Katerina mit ihrem dunkel timbrierten Sopran vor allem diese existentielle Wunde erschütternd nach als unstillbaren Abgrund ihres Selbst. Diesen zu füllen, ja selbst ihn zu erkennen, dazu werden weder ihr Mann Sinowi Borissowitsch in der gelungenen Charakterstudie das Vatersöhnschens von Elmar Gilbertsson in der Lage sein, noch ihr Geliebter Sergej mit seiner feschen Rücksichtslosigkeit, wie sie einnehmend-abstoßend Sean Panikkar gestaltet. Das ist von Anfang an klar. Klar auch, dass ihre Morde am Ehemann und allem voran am versoffenen Tyrannen von Schwiegervater (schmierig und furchterregend groß: Dimitry Ulyanov) Akte einer verzweifelten Notwehr sind. Was sie aber auch nicht retten wird.
Dazu müsste ein Strahl von Hoffnung in dieses universelle Gulag dringen können, in den allumfassenden Beton der pauperistischen Bühne (Rufus Didwiszus). Aber im Neonlicht kein Schimmer davon, dafür aber reichlich abgetötete Empfindungen. Nur Gewalt und Ausbeutung, grenzenlose Verfügung über geschundene Seelen und Körper in einer Menschenhaltung, die wir mühelos weiterspinnen können: Auffanglager, Durchgangslager, Abschiebelager, Arbeitslager, Straflager, Amazon-Lager…
Auf dem Bettlager: Sergej (Sean Panikkar) und Katerina (Ambur Braid) Foto: Monika Rittershaus
Und natürlich bietet auch das Bettlager als Ort gewalttätiger Machtausübung keinerlei Zuflucht, so einsam und allein es in der Lagerhalle steht. Bei all den Machenschaften bleibt Kosky das in Schostakowitschs Musik gleichfalls ausgekostete Groteske jedoch nicht schuldig, so beim Tänzchen des Gogol zitierenden geilen Popen mit Katerina, oder ihrem ersten Akt mit Sergej, welcher unter dem Bett stattfindet, das sich vorn dann hebt und senkt, als würde das Krokodil aus dem Kasperletheater sein Maul auf-und-zu-reißen. Dass trotz der markerschütternden Geschichte da im Publikum gelacht wird zeigt, wie Theater auch dann noch spielerisch punkten kann.
Ihren niederträchtigen G-Punkt erreicht die Aufführung jedoch am Ende der 6. Szene im irren Tanz des Schäbigen, eines erbärmlichen Jago und gemeinen Gollum der Handlung, einem Reigen von Gewalt, Gier, Geilheit und Gekrieche – mit stets heruntergelassener Hose: physisch enorm anstrengend und musiktheatralisch überwältigend von Caspar Krieger. Eben noch auf der Suche nach noch mehr Vodka, entdeckt er die Leiche des Sinowi und rennt neid- wie rachegetrieben zur Polizei, um Katerina zu verraten. Nur um zurückzukehren und zum peitschenden Zwischenspiel zur 7. Szene im Exzess mit allem zu kopulieren, was ihm geblieben ist: den Leinensäcken und der Leiche. Ein Bild von Entmenschung mit einer Wucht, wie sie wohl nur Kosky entwickeln kann.
Am G-Punkt: der Schäbige (Caspar Krieger) Foto: Monika Rittershaus
Ab da dominieren dann virtuos durchchoreographierte Chortableaux als Rituale kollektiver Entmenschlichung, denn nach den Einzelnen geht es nun den Massen an den Kragen: mit vorgeschalteter bitterböser Gewaltgroteske des Polizistenchors à la Keystone Cops (die Schostakowitsch mochte, und Kosky ganz bestimmt). Die auf dieses Scherzo folgende Hochzeitsfeier von Sergej und Katerina mit ihrem penetranten Slawa-Gejohle präsentiert Braut und Bräutigam bloß noch als Puppen ihrer selbst, die, sofern sie sich im Ducken-Treten nicht anpassen, im Schieben und Schlagen der Gefangenen auch noch zerbrochen werden. Wie Kosky hier das chorische Breitwandformat stets aus Einzelgesten zusammenfügt, damit es in der Masse umso kraftvoller wirkt, das ist schon phänomenal. Wie auch musikalisch der Chor der Komischen Oper, mit Ambur Braid das Zentrum des Abends. Als Einzelschicksale hervorstechen: Stephen Bronk als Alter Gefangener, Dimitry Ivaschenko als Pope sowie im ersten Akt Mirka Wagner als Aksinya. Die Kostüme übrigens, denen man, bis auf die schmucken Polizeiuniformen, den Geruch von Schweiß, Exkrementen, Alkohol, Zigaretten und billiger Knoblauchwurst schier ansehen konnte, stammten von Victoria Behr.
Von Haus, Publikum und hörbar auch vom Orchester gemocht wird James Gaffigan, dessen Vertrag dem entsprechend bis 2030 jüngst verlängert wurde. Völlig zu Recht, wie auch die Aufführung zeigt. Bis zur Besessenheit aufgekratzt folgen ihm die Musiker der Komischen Oper und geben alles, ohne auch bei den höchsten Phonstärken je vom rechten Weg abzukommen. Ein abwechslungsreiches Dirigat zwischen feiner Gerte und grobem Knüppel.
Schließlich verlässt man das Schillertheater mit dem Gefühl, der gegenwärtigen russischen Gesellschaft geht es nicht anders als gesehen, ganz so wie früher immer schon. Und man erschrickt vor dem Gedanken, welcher Gesellschaft es als nächster so gehen könnte. Dass es so bald nicht sein wird, so lange man sich glücklich und frei schätzen darf, solches Musiktheater erleben zu können, beruhigt zumindest ein wenig. Nicht aber restlos.
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