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Wolfgang Rihms „Tutuguri“ in München. Foto: © Astrid Ackermann/BRmusicaviva

Wolfgang Rihms „Tutuguri“ in München. Foto: © Astrid Ackermann/BRmusicaviva

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Dekonstruierte Archaik bei der Münchner musica viva: Wolfgang Rihms „Tutuguri“ mit Lucerne Festival Academy

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Das 10. Stifterkonzert „räsonanz“ der Ernst von Siemens Musikstiftung führte die Münchner musica viva des Bayerischen Rundfunks mit der Lucerne Festival Academy im gut gefüllten Gasteig HP8 zusammen. Unter der Leitung von Jörg Widmann gelangte am 6. September Wolfgang Rihms monumentales Totaltheater und Konzertstück „Tutuguri“ nach Antonin Artaud zur Aufführung. Das Konzert mit dem Lucerne Festival Contemporary Orchestra erklang auch beim Musikfest Berlin und in Luzern. Die 1982 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführte, komplexe Partitur für großes Orchester, Schlagzeuger, Chor vom Tonband und Sprecher erwies sich in der Isarphilharmonie als ein überwältigender Triumph von Neuer Musik und ambitioniertem Großeinsatz.

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Durch die Positionierung im saisonalen Niemandsland zwischen Sommerloch und Saisonstart wird die Bedeutung dieses Konzerts noch größer: Wenn die Ernst von Siemens Musikstiftung einlädt, füllt sich die Isarphilharmonie im Gasteig HP8 verlässlich mit einem Favoritenpublikum und Hunger auf intellektuelle Herausforderungen. Zum zehnten Mal bereits verschränkte man das Stifterkonzert „räsonanz“ mit der musica viva: Die 2004 von Pierre Boulez gegründete Lucerne Festival Academy gastierte nach Stationen beim Musikfest Berlin und am Heimatort Luzern und widmete sich einem Spitzenwerk des späten 20. Jahrhunderts.
 
Die Stiftung nannte Wolfgang Rihms „Tutuguri“ zweistündige, sich im zweiten Teil zum Schlagzeug-Sextett verknappende Partitur einen Kulminationspunkt der abendländischen Orchester-Evolution. Eine Traditionslinie ziehe sich von Richard Wagners wissendem Zeitebenen-Orchester zu mythologischen Konzepten und Igor Strawinskys Pariser Skandal mit „Le sacre du printemps“ vor 113 Jahren. Die Einordnung macht Rihms Vertonung der Texte von Antonin Artaud zu einem neuen Gipfelpunkt. Der folgenreiche Theatervisionär Antonin Artaud setzte Phantasien von Kreuzen, einem auf ein Pferd gebundenen Mann und Silben-Fragmenten aus einer mexikanischen Ritualsprache. Über poetisch-düsteren Symbolsplittern entsteht eine Klimax des verabsolutierten Rhythmus.
 
In München, Berlin und Luzern erklang der Text in einer Neuübersetzung durch den beteiligten Sprecher Michael Engelhardt, die von Dirigent Jörg Widmann, Dramaturg Mark Sattler und Lichtgestalter Markus Güdel für eine eigene Aufführungsversion genutzt wurde. Diese dezente Szenographie half, die Sperrigkeit der Partitur strukturell greifbar zu machen. Aber sie verstärkte auch dessen rationale statt der affektiven Inhaltlichkeit. Wo die ursprüngliche Fassung noch stark Artauds eigenen, manisch peitschenden Duktus und Exaltation lebte, wählte Michael Engelhardt einen eher rationalen und damit offenbar zeitgemäßeren Zugriff. An die Stelle des sich steigernden Deliriums treten inhaltliche Kohärenz und Pointierung. Diese bewusste Ent-Rätselung lässt sich als intellektuelles Korrektiv verstehen, welches orchestrale Überwältigung abbremst.
 
Der Saal erwies sich einmal mehr als akustisches Chamäleon mit klarer Trennung der Frequenzen. Das präzise artikulierte Stimmengewusel des SWR Vokalensembles, zugespielt unter der plastischen Klangregie von Maxime Le Saux, erhielt derart authentische Räumlichkeit, dass sich mancher Zuhörer irritiert nach den vermeintlich im Saal postierten Singenden umblickte. Die Balance zwischen analogen Orchesterfarben und elektronischer Konserve blieb absolut homogen. Zu Beginn setzte die Piano-Kakofonie der Holzbläser hochsensible Akzente. Dass ein Teil des Publikums die gewaltige Orchesterklimax vor der Pause bereits für das Finale des Konzerts hielt, zeugt von der enormen Verdichtung dieses ersten Abschnitts.
 
Hier erwies sich Jörg Widmann als strukturierender Sachwalter der Partitur. Mit tänzerischer Gestik nahm er die rhythmischen Impulse und gab diese Befeuerung an das Lucerne Festival Contemporary Orchestra zurück. Widmann mied das rein Monumentale. Er balancierte das Geflecht aus orchestralen Eruptionen und Tonbandzuspielungen aus. Nach der Pause stand das Schlagwerk-Instrumentarium im Halbkreis auf dem ansonsten leeren Podium. Glenn Choe, Bárbara Ribeiro, Christoph Sietzen, Miguel Llorente Gil, Michele Di Modugno und Efe Sağıroğlular boten ein virtuoses Zusammenspiel. Dieses entfaltete sich optimal, da die Isarphilharmonie selbst leiseste Nuancen der Marimbas und Pauken trennscharf transportiert.
 
Hier allerdings offenbarte sich auch die ästhetische Crux des Werks: Während sich die Klangmassen architektonisch perfekt im Saal brachen, blieb der postulierte rituell-mythische Überbau merkwürdig kraftlos. Die behauptete Nähe zu Artauds existentiellem Grauen löste sich in der Isarphilharmonie nicht ganz ein. Statt ritueller Katharsis erlebte man eine akademisch hochgradig reflektierte, mithin domestizierte Aneignung des vermeintlich Primitiven. Der rituelle Anspruch erstarrte im rein Kulinarischen, der Exotismus blieb bloße Behauptung. Engelhardts kühler Sprechgestus und die akustische Nüchternheit des Saales verstärkten diesen Eindruck. Dennoch kam es zu einem topprofessionellen, brillanten Großereignis.

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