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Radamisto in Halle. Foto: © Thomas Ziegler

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Der Barockstar bei sich daheim: Mit seinen Festspielen war Halle wieder das Zentrum der Händel-Welt

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Die Träger des alljährlichen Händelpreises der Stadt Halle bilden mittlerweile einen illustren Klub aus berühmten, vor allem Barockmusik singenden Künstlern, stilbildenden Dirigenten oder Orchestern, auch akribischen Wissenschaftlern, die sich alle auf ihre Weise um die Musik von Georg Friedrich Händel verdient gemacht haben.

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Auch die renommierte Musikwissenschaftlerin und Händelspezialistin Silke Leopold gehört seit 2019 in diesen Kreis. In einer fundierten Laudatio erläuterte sie dem aufmerksam lauschenden Publikum, dass der aktuelle Preisträger René Jakobs (*1946) zugleich mehreren dieser Gruppen angehört. Und, dass das Besondere an ihm das Dirigieren aus dem Geiste des Gesangs ist. Seine Karriere begann als Countertenor. Bei seinem Engagement für historisch informierte Musizierweise hat er immer wieder auch wissenschaftlichen Ehrgeiz an den Tag gelegt. Warum er als Dirigent so geschätzt ist, bewies er beim Galakonzert in der Händel-Halle am Pult des Kammerorchesters Basel in gelassen inspirierender Heiterkeit nach der Agrippina-Ouvertüre mit der Serenata „Aci, Gelatea et Polifemo“. Mit Kateryna Kasper als Hirte Aci, der charismatischen Sophie Harmsen als Nymphe Galatea und Christian Senn als Bösewicht vom Dienst Polifemo. Dass dieses pausenlose Galakonzert nach dem letzten Beifall für Jakobs tatsächlich zu Ende war und dem gut gestimmten Publikum nichts übrig blieb, als die Händel-Halle, ohne (spendiert oder selbstbezahlt) auf den Preisträger anzustoßen, zu verlassen, ist so ein kleiner Makel, bei dem einem in den Sinn kommt: Von Bad Lauchstädt lernen heißt Rundum-Service lernen. Wobei das Weinfest auf dem Markt am Eröffnungswochenende schon mal ein gut angenommener Versuch war, in die ganze Stadt hinein Festspielatmosphäre zu verbreiten …

Aber es geht vor allem um die Kunst. Und da boten die Festspiele vieles, was sich sehen und hören lassen konnte!

Neben der „Agrippina“ vom Vorjahr und dem aktuellen „Rinaldo“ punktete Halle wieder mit seinem Standortvorteil, immer zwei Händelopern gleichzeitig im Repertoire zu haben. Aktuell kommt man auf stolze zehn Festspielopern, wenn man die konzertanten Aufführungen und die von einer eingeschworenen Fangemeinde heftig begehrten Marionetten-Versionen im Goethe-Theater Bad Lauchstädt mitrechnet. In guter Tradition bringen Wolfgang Katschner und seine lautten compagney Berlin die historische Aura dieses Ortes zum Klingen. Wunderbar in den Raum passend und als opulentes Marionettentheater zusammen mit der Mailänder Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli. Damit bieten die Festspiele eine Art von Historizität, in die kein moderner Inszenierungsehrgeiz hineinfunkt. In diesem Jahr mit ihren Versionen von „Rinaldo“, „Giustino“ und „Ariodante“. Bei Katschner, den Solisten und den Mailänder Gästen wird das Goethe-Theater zu einem Ort der Wiederbegegnung mit der den anreisenden Fans vertrauten Musik. Wenn nicht das Sommerwetter für Hitze im Saal sorgt, ist es hier allemal die Begeisterung des Publikums!

Bei der konzertanten „Radamisto“-Aufführung in der Händel-Halle erwies sich Florian Amort als Festspielintendant mit Nerven, Vernetzung und Gespür. Für den kurzfristig in der Titelpartie ausgefallenen Counter zauberte er mit Yongbeom Kwon, Jaro Kirchgessner und Tobias Hechler gleich drei Nachwuchstalente aus dem Hut, die sich die Rolle einfach teilten. Auf die Idee muss man erst mal kommen und es dann auch noch hinkriegen!

Beim konzertanten „Ariodante“ in der akustisch problematischen Ulrichskirche waren gleich zwei Händelpreisträger am Werk. Andrea Marcon am Pult des La-Certa-Barockorchesters Basel. In der Titelpartie des vom Finsterling Polinesso (glänzend: Counterstar Christophe Dumaux) irregeführten Helden warf sich Magdalena Kožená mit spürbarer Lust am (Aus-)Gestalten in diese Rolle. Nicht nur beim Arien-Hit „Dopo notte“, sondern schon davor, beim nicht minder populären „Scherza infida“ im zweiten Akt. Für die hatte Marcon sogar eine bislang unbekannte Variante ausgegraben.

Dieses Arienschmuckstück mit Suchtpotenzial hatte natürlich auch Valer Sabados in seinem Solo-Programm mit dem Concerto Köln, das um die Rivalität der Kastratenstars der Händelzeit (Farinelli vs. Carestini) gebaut war. Wer nicht schon längst ein Fan dieses sympathischen Weltklasse-Counters mit der engelsklar leuchtenden Stimme war, dürfte nach dieser vokalen Sternstunde ins Lager seiner Anhänger wechseln können.

Neben drei großen Oratorien und einem vielfältigen Konzertprogramm hatte Florian Amort seinem Programm auch eine Dosis Weiterbildung bzw. Neuentdeckung verordnet. Mit „Talestri, regina delle Amazzoni“ gab es die bislang unbekannte Oper von Maria Antonia Walpurgis (1724–1780). Dieser bemerkenswerten Fürstin verdankt Bad Lauchstädt nicht nur seinen Kursaal, sondern die Operngeschichte auch eine höchst vorzeigbare weibliche Ausnahme von der männlichen Dominanz bei den Librettisten und Komponisten des 18. Jahrhunderts. Attilio Cremonesi, das Händelfestspielorchester und ein Protagonisten-Ensemble, zu dem mit Federico Fiori und Ray Chenez ein Sopranist und ein Counter gehörten, sorgten dafür, diesem Werk angemessen die Ehre zu geben. Der zweite Seitenblick ins 18. Jahrhundert führte direkt in Händels Umgebung. Mit Johann Friedrich Lampe hatte einer seiner Orchestermusiker mit „The Dragon of Wantley“ einen damals populären, den Opernbetrieb quasi von innen heraus auf die Schippe nehmenden Parodie-Versuch unternommen. Was Michael Form, das Orquesta Humboldt und die vier Protagonisten in der Leopoldina boten, wäre bestimmt eine dankbare Vorlage für eine vielleicht nach Bad Lauchstädt passende szenische Umsetzung. …

Dass die Festspiele schließlich mit dem Wetter beim Bridges-Konzert in der Galgenbergschlucht am Samstag Glück hatten, war, alles in allem, mehr als verdient!

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