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„gamut inc“ in Essen beim Festival „Blaus Rauschen“. Foto: © Etta Gerdes

„gamut inc“ in Essen beim Festival „Blaus Rauschen“. Foto: © Etta Gerdes

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In der Differenz liegt die Kraft – Das Festival „Blaues Rauschen“ in acht Ruhrgebietsstädten

Vorspann / Teaser

Das Festival Blaues Rauschen schafft es seit vielen Jahren, ein höchst anspruchsvolles und innovatives Programm zusammenzustellen und damit das halbe Ruhrgebiet zu bespielen. Das Festival lebt auch (finanziell) davon, dass es durch mehrere Städte und Orte im Ruhrgebiet wandert: Das Festival fand in acht Städten an elf Orten statt und löste damit ein, was Politiker seit Jahrzehnten nicht schaffen: Die Metropolregion Ruhr als Ganzes mit ihren verschiedenen Facetten darzustellen. Das Konzept ging auf: Die Besucherzahlen erreichten ein Rekordhoch, gleichzeitig wird das Publikum immer jünger.

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Die Veranstalter Karl-Heinz Blomann und Eckart Waage gehen dabei keine Kompromisse ein: „Wie verändert sich künstlerische Praxis unter digitalen Bedingungen? Und wie lassen sich lokale Kontexte mit internationalen Perspektiven verbinden?“, fragten sie in der Ankündigung zur diesjährigen Ausgabe. Die Antwort gaben 22 Konzerte und zwei Klanginstallationen zwischen elektronischer Avantgarde und frei improvisierter Musik, zwischen hörbarer Stille und durchdringenden Beats. 

Schon am ersten Abend in der Essener „Szene 10“ hieß es: vom Allgemeinen zum Besonderen, in der Differenz liegt die Kraft, auch wenn der Background sich gleicht: Sounds und Spiele, unerhörte Geräusche – mal visuell verstärkt oder aber physisch sich ins Zwerchfell bohrend – die mehr als doppelbödig daherkommen. Die Musikerin Basak Günak kreierte in ihrem Stück „Rewilding“ sphärische Klangflächen, die immer wieder von schrillen Geräuschen begleitet und unterbrochen wurden: krachend und kratzend stehen sie im Dialog mit dem Schattenspiel im Hintergrund. Back to Nature stand auch über dem Auftritt von Nadia Struiwigh. Sequenzer vibrierten, das Delay erzeugte harmonische Ostinati, die übereinander gelegt und geschichtet wurden. Aus dem Off erklangen nach vorne treibende Beats, die den Raum durchdringen. 

Die Konzerte, in der Regel drei pro Abend, lebten auch davon, dass sie die Halbstundenmarke selten überschritten. Künstler und Publikum blieben entsprechend fokussiert. Selten erlebt man eine derart konzentrierte Zuhörerschaft und Aufführungen, die kaum von Neben(ge)räuschen gestört wurden. Und so ging es an den folgenden Tagen künstlerisch divers weiter: Das Duo Dana Schechter und Monocube lud zu einem energetischen audiovisuellen Trip mit modularen Synthesizern, Bass und Steel-Gitarre ein, während das Trio INNODE sich eher der Ambient-Musik hingab: Mit Schlagzeug und Drumcomputern erzeugten sie eine warme, musikalische Textur, die mit dem Titel „Grain“ perfekt umschrieben ist. 

Zum „offenen“ Anspruch des Festivals gehört es, dass Dinge scheitern. Dass zeigte auch der Abend im alten Wartesaal des Bahnhofs Herne. Das sakral anmutende Gewölbe mit seinen hohen Decken versteckt sich in einem unscheinbar wirkenden und funktionalen Bau. Eigentlich ist der Raum der ideale Ort für musikalische Experimente digitaler Art, doch die Acts konnten dem allenfalls ansatzweise gerecht werden. Beim Auftritt des Duos Robin Moedder und Thomas Machoczek standen unter dem Titel „Amplitude H₂O“ die Themen Wasserknappheit und Wasser als Bedrohung durch Unwetter im Zentrum der multimedialen Performance. Die Symbiose geht nicht immer auf. Bilder und Sounds laufen mitunter nebeneinander her. Wenn man die Augen schließt, bekommt man schnell eine Ahnung von dem, was die beiden Künstler bewirken wollen. Die Geräusche, die sich zum Teil zu einem bedrohlichen (Klang-)Gewitter zusammenbrauen, wirken besonders dann eindrücklich, wenn man sich auf die Musik und den Surround-Sound konzentriert.

Die Künstlerin Farzané zeigte im Anschluss eine „Live Human-Computer Improvisation“. Das Konzert verband Creative Coding, Field Recordings, Live-Elektronik sowie akustische Musik, blieb aber insgesamt sehr fragmentarisch. Schließlich wurde man Zeuge davon, was passieren kann, wenn die KI ein Eigenleben entwickelt und die Künstlerin darauf nicht immer die richtigen Antworten findet. Eine verpasste Chance.

Danach präsentierte Molly Joyce ihre siebenteilige Suite „State Change“. In den Songtexten verarbeitet sie ihre eigene Krankenakte. Nach einem Autounfall musste sich Molly Joyce sieben Operationen unterziehen. Die im Halbsopran vorgetragenen Textpassagen klangen verstörend: „No function / No flexor / No extensor“ oder „In the wound / Paint and glass / Flesh and bone“. Vocoder sowie weitere elektronische Effekte wurden dezent aber wirkungsvoll eingesetzt. Die Suite schloss mit einer Adaption des Doors-Songs „The End“. Hier kam ein KAiKU Music Glove zum Einsatz – ein berührungsempfindliches Instrument, das an der linken Hand getragen wird, um MIDI-Noten und Samples auszulösen. Trotz einiger Längen war es ein sehr ein persönlicher und versöhnlicher Abschluss eines Abends, der ansonsten hinter den Erwartungen zurückblieb.

Am darauffolgenden Sonntag waren im Bochumer Musikforum Ruhr alle Augen und Ohren auf die Orgel gerichtet - ein Musikinstrument, das vor allem in der klassischen und kirchlichen Musik zu Hause ist. Insofern war der kleine Saal der zum Konzertraum umgebauten Marienkirche das perfekte Ambiente. Den Anfang machte das Duo gamut inc (Marion Wörle und Maciej Śledziecki) mit „Black Square“. Sie spielten zwei computergesteuerte, winddynamische Orgeln, die 2025 von Tony Decap entwickelt wurden. Die durch ein SmartValve-Luftventil gesteuerten 64 Pfeifen erzeugten berauschende Stereo-Klangfelder, Vierteltonschichtungen und mikrotonale Verschiebungen. Der Luftdruck beeinflusste dabei den Klang, die Stimmung und die Lautstärke der Performnce. Musikalisch erinnert der faszinierende Auftritt an die Minimal Music von Terry Riley mit wiederkehrenden Patterns, die sich im Laufe des Konzerts sowohl was Modi und Tempi angeht, permanent verschieben. Ein gelungener Auftakt.

Höhepunkt war jedoch das Konzert des Organisten Navid Navabs. Für das Projekt „Organism: In Turbulence“ hat Navab eine jahrhundertealte Orgel des Montrealer Instrumentenbauers Casavant vor der Zerstörung bewahrt und in ein experimentelles Klangsystem verwandelt. Navab war bei seinem Auftritt ständig in Bewegung, schob sein Mischpult wild über die Bühne, haute in die imaginären Tasten, blies in die Orgelpfeifen und freute sich sichtbar über die Loops, Drones, Polyrhythmen, spacigen Soundscapes und pulsierenden Patterns, die sich mitunter frei auflösten und die Grundfeste der Kirche erschütterten. So entstand ein atmosphärisch überaus dichter und gleichzeitig differenzierter Vortrag, der noch lange nachhallte. Stehende Ovationen.

Sun Ra meets Cecil Taylor meets Braxton meets Stockhausen und viele mehr

Das Festival schloss am 12. Juni mit einem Abend im Dortmunder Jazzclub Domicil. Höhepunkt war hier der Auftritt des Duos Georg Graewe und Thomas Lehn. Der gebürtige Bochumer Graewe gehört zu den gefragtesten Pianisten in der improvisierten Musik, Lehn seinerseits ist einer der virtuosesten Improvisatoren auf dem analogen Synthesizer und Minimoog. Die elegant fließenden, immer wiederkehrenden Kaskaden Graewes boten eine wunderbare Grundlage: Sie haben etwas angenehm Vertrautes, selbst dann wenn sie von den Geräuschen Lehns mal schräg kratzend, dann wieder melodisch durchkreuzt und verstärkt werden. Lehn hatte das Kommando und konnte die Musik über die Key Notes steuern, mal als Echo, dann wieder als eigenständiges Produkt. Dennoch gab es viele freie Momente in denen sich beide Musiker dialogisch improvisierend perfekt ergänzten. Das Zusammenspiel zwischen Piano und analogen Synthesizern war zu jeder Zeit fesselnd und herausfordernd für die Musiker und das Publikum – auch weil man die Musiker bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Während Thomas Lehn stets hektisch, aber überaus zielsicher nach neuen musikalischen und technischen Verbindungen suchte, genoss Graewe, die Augen geschlossen, das Ereignis: Sun Ra meets Cecil Taylor meets Braxton meets Stockhausen und viele mehr. 

Beendet wurde das Festival von Robert Lippok. In seinem Projekt „Material“ spielt der Berliner Musiker mit zeitlichen, räumlichen und klanglichen Verschiebungen. Becken und Verstärker erzeugen Feedbacks und rhythmische Fetzen, dazu erklingen Drones und Loops von Band und Rechner: „Musique Concrète“ und Joseph Beuys lassen grüßen. Zum Ende seines Auftritts schlich er mit einem Ast und einer Glocke in der Hand durch die Gänge des Clubs; er wischte mit den Blättern über den Boden und wirbelte die Glocke durch die Luft. Schwingungen erfüllten den Raum, ehe sie mit einem lebendigen Rauschen entschwanden. Das Todesrasseln schien besiegt. 

Ein perfektes Ende, das auch sinnbildlich für das Festival stehen kann: Das Blaue Rauschen hallt nach, hoffentlich noch viele Jahre.