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Le Miracle d'Héliane - Opéra national du Rhin © Klara Beck

Le Miracle d'Héliane - Opéra national du Rhin © Klara Beck

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An der Opéra national du Rhin in Strasbourg hat Jakob Peters-Messer seine Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds Oper „Das Wunder der Heliane“ neu einstudiert und damit überzeugt

Vorspann / Teaser

„Das Wunder der Heliane“ - das ist vor allem eines des Erich Wolfgang Korngold (1897-1957). Er hatte den Rassenwahn der Nazis in den USA nicht nur überlebt, sondern - quasi als Gegenleistung - Hollywood zu einem Hort der Filmmusik gemacht. Als das einstige Wunderkind 1920 mit seiner morbiden Brügge-Oper „Die tote Stadt“ die Bühne der Opernwelt betrat, stellte er sich gleich vorne an. Da, wo Richard Strauss sich eingerichtet hatte. Mit der „Heliane“ riskierte er 1927 so etwas wie eine Gegen-Salome. Und das in einem mit Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“, Othmar Schoecks „Penthesilea“, Franz Lehars „Zarewitsch" und Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" höchst produktiven Opern-Jahr! Rückblickend ist es kaum von Belang, wer da am engsten mit der Moderne verbunden war und wer vor allem den Nachhall der Spätromantik verlängerte. Die opulente Prachtentfaltung, die Korngold hier zelebriert, genügt sich im Kontext von allem, was es bis dahin gab, zu seiner Zeit war und sein würde selbst. Sie ist nicht zuletzt der entscheidende Antrieb für die zwar gemächliche, aber anhaltende Korngold-Renaissance der letzten Jahrzehnte, die eben nicht nur die „Tote Stadt“ zurück auf die Bühnen brachte, sondern auch „Das Wunder der Heliane“ - etwa in der Inszenierung von David Bösch an der Flämischen Oper in Gent 2017 oder von Christof Loy an der Deutschen Oper Berlin 2018.

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Wie bei Strauss geht es auch bei Korngold um eine psychologisch gründelnd aufgeladene, extreme Melange aus Liebe und Tod. Die Heldin ist nicht nur eine Königin, sondern auch eine gefühlvolle und empathische Frau, die obendrein mit ihrer Aura von purer Schönheit Kranke zu heilen vermag. Sie lebt in einem sprichwörtlichen Reich der Dunkelheit, in dem der König nie lacht und seine Untertanen demzufolge nichts zu lachen haben. Hier gewährt sie einem fremden, auf seine Hinrichtung wartenden jungen Mann, der der pure Gegenentwurf zu ihrem Mann ist, den Wunsch, sich ihm vor seiner Exekution nackt zu zeigen. Dass er mehr will, sie ihm das aber verweigert, spielt bei dem Eklat, den das natürlich zur Folge hat, als es rauskommt, samt Prozess und Todesurteil für Heliane keine Rolle. Der König lässt den Barbaren in sich von der Leine. Seine Wut ist vor allem deshalb so grenzenlos, weil er es selbst nicht geschafft hat, seine Frau für sich zu gewinnen und der Fremde sich weigert, ihm dabei zu helfen. Als das Hin- und Her um die „Schuld“ - alles mit großem Pathos und unter Beteiligung der leicht aufhetzbaren Volksmassen - eskaliert, schleudert Heliane den Richtern, dem Volk, vor allem aber ihrem Mann die klarsichtigsten Sätze des ganzen Dreiakters entgegen: „Frag diese alle, frag sie, ob einer je in diesem Kerker glücklich war - und Glück ist unser Recht!!“ Auch wenn das Libretto, das Hans Müller nach dem Mysterienspiel von Hans Kaltneker gebastelt hat, über weite Strecken ziemlich verstiegen und selbstbezogen daherkommt und eine sprachliche Aura des Geheimnisvollen kultiviert, so ist diese Sentenz ein Lichtstrahl, der weit über die Geschichte und die Entstehungszeit bis heute in jede unfreie Gesellschaft hinein leuchtet. Es ist ja bei vielen Opern so, dass sie mit ihrem moralischen Furor - gerade für die im Patriarchat unterdrückten Frauen - in den Gesellschaften, in denen sie einst entstanden, zwar wie eine Geschichtslektion wirken, aber in bestimmten Parallelgesellschaften oder gar Gottesstaaten ihre alte Sprengkraft wieder entfalten würden. Freilich nur, wenn man sie dort zuließe und sich mit ihnen auseinandersetzen würde.

Abgesehen davon bietet Korngold im Übermaß, was Oper seit jeher attraktiv für ihre Liebhaber machte: Entrückung durch eine suggestive Prachtentfaltung der Musik, die akkumulierten Reichtum weiterführt und nicht verwirft. Nicht zuletzt ermöglicht er Berührung durch den Trost einer Art von Happyend, auch wenn das oft nicht von dieser Welt ist. Bei Heliane ist es so, dass sie sogar nach dem Wunder der Wiederauferstehung des toten Fremden von ihrem Mann erstochen wird. Der Fremde aber nun seinerseits Heliane so weit wiedererweckt, dass er mit ihr gemeinsam einer anderen, besseren Welt entgegengehen kann. Dafür öffnet sich der Bühnenraum und gibt den Blick auf sozusagen himmlischen (Spiegel-)Glanz frei.

Für die Opéra national du Rhin in Strasbourg haben jetzt Jakob Peters-Messer (Regie), Guido Petzold (Bühne, Licht und Video) und Tanja Liebermann (Kostüme) ihre Inszenierung für die Nederlandse Reisopera aus dem Jahr 2023 unter der musikalischen Leitung von Robert Houssart und einer eigenen Besetzung neu einstudiert.

Schon der Raum, in dem sich alles abspielt, ist von faszinierender Eleganz. Eine schräg in die Bühne ragende Ecke mit einer Spiegeldecke, die unregelmäßig gewellt ist. Dunkel sind in diesem Reich der Dunkelheit vor allem die Kostüme des Königs und der Richter. Heliane hebt sich davon mit einem fließend goldenen Gewand ebenso ab wie der Fremde mit seiner hellen Kleidung. Das Volk kommt im Habitus eines sozialen Querschnitts von heute. Zunächst rebelliert es gegen das rabiate Vorgehen gegen die Königin, lässt sich dann aber von der mit dunklem Furor ihrem eigenen Stern des Bösen folgenden, einst vom König als Geliebte verstoßenen Beraterin aufhetzen.

Am Pult des Orchestre philharmonique de Strasbourg setzt Robert Houssart mehr auf den dramatischen Drive der Geschichte als auf die Suggestion des Klangrausches, liefert aber auch den, vor allem wenn der Chor zum Zuge kommt, ohne die Sänger damit zu überfordern.

Begünstigt durch den eleganten Rahmen und die Klarheit der Szene können die Protagonisten ihr vokales Potenzial ungehindert in den Dienst der Geschichte stellen. Der Bassbariton Josef Wagner ist ein markanter Herrscher mit vokaler Kraft. Ric Furman fasziniert in der Rolle des Fremden nicht nur die Königin mit seinem Tristan geschulten Tenor. Sopranistin Camille Schnoor ist eine in sich ruhend wirkende Heliane, die gleichwohl die Salome-Anklänge der Partie aufscheinen lässt. Mezzo-Sopranistin Kai Rüütel-Pajula gibt der Rolle der Botin (und frustrierten Ex-Geliebten des Königs auf dem Rachepfad) auch darstellerisches Profil im vokalen Ortrudformat. Auch die übrigen Rollen sind sorgfältig besetzt - Paul McNamara kann in der Rolle als würdevoller, blinder Richter übrigens als einziger die Erfahrung der ursprünglichen Inszenierung aus den Niederlanden einbringen.

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