Es ist fünfzehn Jahre her, dass der deutsche Regisseur Benedict von Peter von Giuseppe Verdis großer Oper „La Traviata“, die 1853 zusammen mit „Rigoletto“ und „Il Trovatore“ seinen Weltruhm begründete, in Hannover, Bremen und Luzern eine Inszenierung vorlegte, die ich bis heute als sensationell bezeichnen würde. Die Edelkurtisane Violetta Valéry bezeichnet ihre Liebe zu dem schick-bürgerlichen Alfredo als den „Puls des Universums“. Aber seltsame Brüchigkeiten im Text lassen fragen: „Ist das auch so?“
Paula Meyer (Annina), Victoria Kunze (Violetta Valéry), Weilian Wang (Alfredo Germont), Chor, Extrachor. Foto: Heiko Sandelmann
Der Puls des Universums? – Verdis „La Traviata“ überzeugt in Bremerhaven vor allem musikalisch
Zum Beispiel erzählt schon die Ouvertüre von einer masslosen Einsamkeit – als quasi psychoanalytischem Raum –, Alfredo und Violetta haben kein Liebesduett, Violetta geht unerwartet schnell auf die bedrohlichen Forderungen von Alfredos Vater Giorgio ein, sie habe für die Ehre seiner Familie Alfredo zu verlassen, sie antwortet den mephistophelischen Einflüsterungen von Giorgio, die Liebe habe im Alltag sowieso keinen Bestand, überraschend schnell: „Das ist wahr“. Die Reuetränen und Entschuldigungen von Vater und Sohn zu ihrem Tod haben keinerlei Glaubwürdigkeit und so weiter. All das veranlasste von Peter zu einer radikalen Lösung: Violetta ist fast drei Stunden lang allein auf der Bühne, alles andere kommt aus dem Off, ist ihre Einbildung und Fantasie. Der Regisseur Jan Eßlinger hatte im letzten Jahr in Oldenburg vergleichbare Ideen: Dass die beiden Männer Violetta am Schluss besuchen, bildet sie sich nur ein, oder auch: Die halbnackte Violetta wird von der feiernden Gesellschaft als ihr Märtyreropfer über die Bühne getragen. Und eine dritte Idee: Ihre Rückkehr in ihren Pariser Salon erlebt die todkranke als Albtraum. Und unter vielen aufsehenerregenden Aufführungen aus dem vergangenen Jahr ragt noch die Nürnberger Aufführung in der Regie der italienischen Regisseurin Ilaria Lanzino heraus, deren Violetta nicht an der Schwindsucht stirbt, sondern am Stigma, das ihr eine brutal digitale Welt verpasst hat.
Dies sind nur drei Beispiele eines fortgeschrittenen Umgangs mit dem gesellschaftskritischen Stoff, der aktuell natürlich auch viel erzählt von der Unterdrückung durch Familie und Gesellschaft: Es ist ja nicht so, dass das überwunden ist. Nun zeigte die junge Katharina Kastening in Bremerhaven eine historisch zeitlose Fassung (Bühne und Kostüme von Matthias Kronfuss), die mit Standing Ovations endete. Sie versucht gar nicht erst, irgendeine Logik da reinzubringen, sondern sie lässt diese krassen Unglaubwürdigkeiten einfach laufen. Dass die Liebe der todkranken Violetta und Alfredo eine ist oder zumindest sein könnte, die Grenzen sprengen könnte, zeigen hier nur eingespielte Videos über eine glückliche Familie mit zwei Kindern. Das führt besonders im ersten Teil zu sehr zum altem Operntheater, dem weitgehend psychologische Spannung fehlt – obschon die in der Musik natürlich da ist –, im zweiten Teil stieß das Publikum so viel auf Falsches und Verlogenes, das zum eigenen Fragen und Denken regelrecht herausforderte. Auf Violettas gesellschaftlich undefinierbarem Feiersalon in Paris werden schwarz gekleidete Menschen, die sich wie Geister benehmen; die Protagonisten sind nie in emphatischen oder distanzierenden Zusammenhängen, sondern immer nur irgendwie alleine. Überragend: Viktoria Kunze als Violetta, Weilian Wang, neues Ensemblemitglied aus China als glänzender Heldentenor Alfredo und Marcin Hutek als eher schwacher und nichtssagender Giorgio Germont.
Dass das Orchester Bremerhaven unter der Leitung von Marc Niemann – in seiner letzten Spielzeit als GMD – Verdi „kann“, hat es in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, so auch an diesem Abend. Schon die maßlose Einsamkeit der Pianotöne in der Ouvertüre ließ ebenso aufhorchen wie die kraftvollen Akzentsetzungen und kraftvollen Rhythmen.
- Weitere Aufführungen: 19. und 29.3., 4., 10. und 16.4. und 14. und 23. 5.
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