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Vassilissa Reznikoff, Moritz Treuenfels © Sandra Then

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In der Ruhe liegt die Wirkungsmacht – Das Bayerische Staatsschauspiel mit der Dreigroschenoper

Vorspann / Teaser

Jaja, leider gilt gerade derzeit weiter „… denn die Verhältnisse, die sind nicht so“. Daraus lässt sich eine wohlfeile Sozialkritik-Klatsche machen. Oder ein strenges Exerzitium der Glaubenssätze, die dieser „linke“ Dramatiker Bertolt Brecht als wahre Kunstlehre aufgestellt hat. Doch während im Gärtnerplatz- und im benachbarten Nationaltheater aufwendig musiziert wird, beginnt im Residenztheater die Spielzeit mit dieser ja gewollt „billigen“ „Drei-Groschen-Oper“.

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Nach seiner das Werk problematisch ergänzenden und verbessernden „Freischütz“-Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne (vgl. nmz online vom 18.07.2024) war zu befürchten, dass Regisseur Philip Stölzl und sein Team auch „Brecht-Weill“ dekonstruieren und „für die heutige Zeit spielbar“ machen würden. Doch: keine Ergänzungen oder Zutaten, das „reine“ Werk in künstlerisch kühner und konsequenter Form belebt und von Arrangement-Partner Stefan Delaney musikalisch funkelnd servieren – wie einen falschen Edelstein in kleiner Fassung, gleichsam asymmetrisch kantig geschliffen, daher mal mit rohem Blitzen, mal kurzem warmem Glanz, dann wie nur im Hintergrund liegend, also leise herumtönend – und dann aggressiv grell direkt mit lautem Leuchten von diesen Typen, die von der Vorderbühne auf die Lehnen der ersten Stuhlreihen heransteigen und uns alle einbeziehen in „dass der Mensch von Missetat“ lebt. Die Attacke saß – über Delaneys Dirigat von Klavier und Harmonium hinaus „Tutti bravi!“ an Wolfgang Roth (Sax und Flöte), Katharina Pfeifer (Sax und Klarinetten), Philipp Staudts mal klare, mal bluesig gestopfte Trompete, Leo Gmelch (Posaune, Baß), Norbert Bürger (Gitarre Banjo) und Davis Pätsch (Schlagzeug) – es war genau der melancholisch herbe und dann frech kecke Sound, mit dem Kurt Weill von damals bis heute in Hirn und Herz trifft.

All das war zusätzlich von den Bühnenbauern Stölzl und Franziska Harm „nah gerückt“: Von der Vorderbühne ragte in drei Etagenstufen unser aller Warenwelt in gebrauchten Kasten-Kisten-Kartons auf. Zwei Etagen waren von den Bühnenseiten betret- und bespielbar – durch die hin- und hergezogenen „klassischen“ Brecht-Vorhänge (aus alten Säcken) dann auch überraschend-schnell-flüssig-frech mit kleinen Requisiten bis hin zum Bettgestell-Gefängniswand verwandelbar. In der Mitte der Vorderbühne klaffte ein Abgrund – und dorthin wurden alle Überflüssigen, Erledigten und Toten einfach weggekippt, die verbrauchte Ware „Menschenmüll“ einfach nebenbei entsorgt. An Sebastião Salgados Arbeitssklavenfotos durfte gedacht werden – und zu all dem tönte von ganz oben, aus dem am Ende ironisch „weiß-blauen Himmel“ eben Delaneys feinsinnig ironisch-süßliche und sofort wieder lakonisch-unsentimentale Klangkulisse wie ein hämischer Segen „von oben herab“ … 

Dass es ein letztlich eindringlich zeitlos naher Gleichnis-Abend wurde, war einem fabulös typisierten Solistenensemble zu danken. Da empfing Lukas Rüpel als Moritatler-Filch-Münz-Matthias-Smith mit lockerer Ranschmeiß-Attitüde und vorgeführtem Verwandlungsgetue. Um ihn reihten sich mit Oliver Stokowski und Cathrin Störmer als Ehepaar Peachum, um Isabell Antonia Höckel (Polly), Liliane Amuat (Lucy) und den – gewollt? – steifen Polizeikorruptling Brown von Max Rothbart die sieben „Bettler-Banditen-Sexarbeiterinnen-Konstabler“ – erneut „Tutti bravi!“ – als leider weiterhin bekannte wild-abgründige Truppe. Da musste die durch ihre unvergessliche „Cabaret“-Sally als ideale „Spelunken-Jenny“ erahnbare Vassilissa Rezinikoff gar nicht auftrumpfen – der Kanonenboot-Song gelang ihr als emotional bitteres Drama. Durch diese verbrauchte Menschen-Waren-Welt stolzierte und wieselte der „showy“ gekleidete, blondhaarige Mackie von Moritz Treuenfels raffiniert und gevift durch alle Stimmungs-Ton- und Gefühlslagen bis hin zum gleichfalls bitteren „Grabschrift“-Song. Dem folgte eine gespenstisch realistische Erhängung – eben nicht mit Sturz in den Genickbruch, sondern Erdrosselung durchs eigene Körpergewicht. Dieser erschreckende Realismus war den Abend über immer wieder von allen mit den um den realen Kopf umgehängten, durch die bewegten Arme dann befremdlich lebendig wirkenden „Kaukautzky-Puppen irreal gebrochen worden – und signalisierte etwas „von unser aller Winzigkeit“ in diesem unserem, doch vom Geld bestimmten „Neo-Lib-Weltgetriebe“. Verstärkt wurde die Eindringlichkeit des Abends durch Regisseur Stölzls stilistisch frappierende, beeindruckende Stil-Entscheidung: nicht die Schnelligkeit und Hetze und digitale Beschleunigung unserer Tage mitzumachen – er und sein ganzes Team gaben dem Text, damit den vielen bös entlarvenden Sätzen Zeit, ja Ruhe und damit Wirkungsmacht. Einer eben nicht durch „blaue Kulturideologie“ bedrohten Kunst-Freiheit gelang es, Nachhall auszulösen – denn: die Verhältnisse, sie sind nicht so!

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