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Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund. © Björn Hickmann
Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund. © Björn Hickmann
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Der Superheld als Superman – Clémence de Grandvals „Mazeppa“ als Grand Opéra mit Schmunzler in Dortmund

Vorspann / Teaser

Mazeppa? Wer da zuerst an Tschaikowskys gleichnamige Oper denkt, liegt in diesem Fall falsch. Ganz falsch. Denn am Theater Dortmund hat man das Opus einer gewissen Clémence de Grandval aus der Taufe gehoben, als szenische deutsche Erstaufführung immerhin. Das 1892 in Bordeaux uraufgeführte Werk dürfte ebenso wie die Komponistin weitgehend unbekannt sein, aber es ist – so viel lässt sich nach der Dortmunder Premiere sagen – eine echte Entdeckung. 

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Nicht etwa weil die Musik so sensationell wäre. Grandval bewegt sich stilistisch durchweg im Rahmen ihrer Zeit, aber die Musik ist flott komponiert, dramatisch, ja, mitunter auch mitreißend, kurzum: große Oper. Das ist sie auch im gattungsgeschichtlichen Sinne, denn Grandval knüpft hier an die typische Grand Opéra an, wie sie im 19. Jahrhundert in Frankreich beliebt war. Nur dampft sie das Geschehen auf netto zweieinhalb Stunden Musik ein und strafft es dramaturgisch so geschickt, dass das temporeiche Bühnengeschehen spannender als mancher Krimi daher kommt. Hier singen sich die Protagonisten eben nicht stundenlang irgendwelche Befindlichkeiten vor, sondern kommen dramaturgisch gleich auf den Punkt.

Die Geschichte basiert auf historischen Gegebenheiten: ein augenscheinlich heimatloser Fremdling namens Mazeppa taucht am Hof des alternden Feldherrn Kotchoubey auf, findet schnell Anschluss und verdient sich den Respekt des kampfmüden Recken. Schlussendlich erreicht er es, dass er das Heer für einen bevorstehenden – und erfolgreichen – Feldzug anführt. Außerdem verliebt er sich in Kotchoubeys Tochter, die eigentlich dem ehrgeizigen Iskra versprochen ist. Der jedoch misstraut Mazeppa zutiefst. Zu Recht, wie sich am Ende zeigt, denn der Neuling verrät das Land an fremde Mächte. Doch Iskra enttarnt Mazeppas Absichten, er wird zusammen mit Matréna, der Tochter Kochoubeys, verstoßen. Diese wird am Ende wahnsinnig und dem gefallenen Helden bleibt letztendlich nichts. 

In Dortmund wird diese Geschichte von Martin G. Berger auf die von Sarah-Katharina Karl gestaltete Bühne gebracht. Die arbeitet mit extremer Reduzierung. Wesentliches Element sind unzählige Treppenstufen, die in verschiedenen Konstellationen den Bühnenraum einnehmen. Sehr eindrucksvoll wird etwa der repräsentative Charakter eines Thronsaals durch ein steil auf den Sitz des Monarchen zugespitztes Setting symbolisiert. Gleichzeitig spielt die Handlung vor allem zu Beginn und am Ende auf einem schmalen Steg vor dem Orchestergraben, am Schluss gar vor dem eisernen Vorhang, was den Ausschluss des Helden aus der Gesellschafft treffend versinnbildlicht. 

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Mandla Mndebele, Anna Sohn. © Björn Hickmann
Mandla Mndebele, Anna Sohn. © Björn Hickmann
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Insgesamt macht das einen sehr schlüssigen Eindruck. So reduziert das Bühnenbild und die zeitlosen Kostüme (Alexander Djurkov Hotter) auch ist, so intensiv gestaltet sich die musikalische Seite. Jordan de Souza stachelt die Dortmunder Philharmoniker zu einer wahrlich berauschenden Leistung an. Grandvals Musik beinhaltet ein Füllhorn an musikalischen Ideen, das sie pausenlos ausschüttet, und die in den betörendsten Klangfarben aus dem Orchestergraben tönen. Der Spannungsfaden reißt jedenfalls nie ab, was auch an den außerordentlichen sängerischen Leistungen liegt. Vor allem Anna Sohn als Matréna und Mandla Mndebele als Mazeppa haben ebenso große wie schwere Partien zu bewältigen, was ihnen grandios gelingt. Sohn lässt hier und da mehr Zwischentöne einfließen während Mndebele auf das ganz große Pathos setzt, das aber - sie seine Rolle - zuweilen auch Brüche aufweist. Aber auch Sungho Kim als Iskra, Artyom Wasnetsov als Kotchoubey und Denis Velev als Archimandrit bestechen durch eine stimmlich wie darstellerisch ausgezeichnete Darbietung ihrer Partien. Der Chor des Theaters Dortmund fügt sich mit einer ebenso druckvollen wie sensiblen Leistung in dieses Bild ein. 

Insgesamt kann die Dortmunder Entdeckung deshalb überzeugen: hier hat man einen spannenden Stoff in zeitloser Weise und musikalisch bestechend auf die Bühne gebracht. Ein bisschen Humor und Lokalkolorit gibt dieser Inszenierung zudem eine durchaus originelle Note: Die Ballett- und Zwischenaktmusiken werden durch Videoeinspielungen begleitet, in denen der Titelheld in Superman-Manier durch die Dortmunder Skyline fliegt. Das ist sehr gut und unterhaltsam gemacht, das beleuchtet aber auch einige Aspekte der Geschichte, liefert Hintergrundinfos und sorgt für manchen Schmunzler.

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