Was geht vor im Kopf einer Frau, die ihren unmittelbar bevorstehenden Tod vor Augen hat? Was bleibt vor allem übrig von ihrer Mission, Troja vor seinem Untergang gewarnt zu haben? Vom göttlichen Apoll mit der guten Gabe gesegnet, in die Zukunft blicken zu können, zugleich aber verflucht, dass ihr niemand glauben werde, waren Kassandras seherischen Worte ins Leere gelaufen! Zur Verräterin abgestempelt, galt sie als „schwarzes Schaf“ der Herrscherfamilie rund um König Priamos. Deren Herrschaft beruhte auf einem männlich konnotierten System der Gewalt. Wenn ein Anlass für einen Krieg gefunden werden musste, so konnte er herbeigelogen werden – wie eine angebliche Entführung der schönen Helena durch den Königssohn Paris. Die fand nie statt, aber zehn Jahre verheerender Krieg und der Untergang Trojas waren die Folge! Jetzt ist diese Frau, Kassandra, Kriegsbeute der Griechen und durchlebt die letzten Stunden ihres Lebens.
Christina Huckle als Kassandra im Theater Bielefeld. © Joseph Ruben Heicks
Dichter, dunkler, dramatischer Abend mit Tönen der Verbitterung – „Kassandra“ am Theater Bielefeld uraufgeführt
Christa Wolf hat Anfang der 1980er Jahre ihre berühmte Erzählung „Kassandra“ veröffentlicht. Mitten in Zeiten des Kalten Krieges. Jetzt ist daraus am Theater Bielefeld ein spartenübergreifendes Theaterstück mit Sinfonieorchester und Opernchor geworden. Gleich vorweg: ein spannendes, ein aufrüttelndes, ein zutiefst bewegendes Stück. Ein Stück für unsere Zeit.
Christa Wolfs „Kassandra“ gewärtigt man als einen starken Text, hier Gestalt gewinnend durch eine starke, sehr starke Schauspielerin in einem – ja, auch dies – starken Bühnenbild … Was bedarf es da noch einer Musik? Und dennoch: Die Klänge aus dem Orchestergraben erreichen uns Zusehende ganz unmittelbar auf einer anderen, zusätzlichen emotionalen Ebene jenseits von Wort und Bild. In diesem Fall vor allem deshalb, weil sie nie geschwätzig oder gar plakativ daherkommt. Dies nun überhaupt nicht. Mathis Nitschke und Stefan Behrisch, die beiden Komponisten, greifen Situationen auf, verstärken sie; mitunter sind die Klänge „nur“ Folie, unsichtbare Spielfläche für die grandiose Christina Huckle, die gut hundert Minuten lang pausenlos auf einem bedrohlich schief gestellten und ziemlich ramponierten Fischgrät-Parkett liegt, kriecht, herumstapft, auf ihren Knien rutscht. „Wann ein Krieg beginnt, kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg?“ ist eine ihrer zentralen Fragen, die unmittelbar den Bezug zum Heute markieren. Denn Kassandra/Huckle (die mythisch-literarische Figur und die reale Schauspielerin verschmelzen bis aufs Äußerste miteinander) demontieren alles „Heldenhafte“ des antiken Stoffes. Sie demaskiert die patriarchalen Machtstrukturen als Voraussetzung dafür, dass die Geschichte ins Verderben geführt hat und noch führt; sie schildert die grausamen Folgen eines Systems aus Gewalt und Manipulation, das nichts hinterlässt als ein blutiges Schlachtfeld, übersät mit sinnlos „geopferten“ toten Körpern.
Christina Huckle als Kassandra im Theater Bielefeld. © Joseph Ruben Heicks
Kommt einem das nicht sehr, sehr bekannt vor? Man möge sich ein paar Sätze von Christa Wolf zu Gemüte führen, die im Bielefelder Programmheft zitiert werden: „Die Einsicht, dass unser aller physische Existenz von den Verschiebungen im Wahndenken sehr kleiner Gruppen von Menschen abhängt, also vom Zufall, hebt natürlich die klassische Ästhetik endgültig aus ihren Angeln, ihren Halterungen, welche, letzten Endes, an den Gesetzen der Vernunft befestigt sind.“
Vernunft? Heute vergeht kaum ein Tag, an dem eine sehr kleine Gruppe von Menschen sich nicht von eben dieser Vernunft selbst suspendiert. Zugunsten von Lüge, Betrug und Volksverdummung. Komisch, dass wir bis heute aus den Rufen der Kassandra offensichtlich nicht das Geringste gelernt haben (die machtgeilen Männer schon gar nicht!). Auch dies ganz gewiss ein Movens für das Team rund um Nadja Loschki (Regie), Yvonne Gebauer (Konzeptionelle Mitarbeit) und Jón Philipp von Linden (Dramaturgie), diese Reflexion der Kassandra krass und schonungslos auf die Bielefelder Bühne zu stellen. Katharina Schlipf und Annika Konitzki haben dazu die Bühne gebaut, Irina Spreckelmeyer die Kostüme.
Zu erleben ist ein unglaublich dichter, dunkler, dramatischer Abend mit Tönen der Verbitterung, Verzweiflung, auch der Wut. Anne Hinrichsen am Pult der Bielefelder Philharmoniker organisiert das musikalische Geschehen und koordiniert die Auftritte des Opernchores (Einstudierung: Hagen Enke), der etliche Namen derer deklamiert, die in Kassandras Leben eine Rolle gespielt haben.
Am Ende dieser Uraufführung nimmt Christina Huckle sichtlich erschöpf tosenden Beifall entgegen. Er gilt ihrer unglaublichen und Grenzen überschreitenden Energie und Hingabe.
- Weitere Termine: 3. 3.; 7. 3.; 17. 3.; 12. 4.; 24. 4.; 19. 5. 2026
https://www.buo-bielefeld.de/theater
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