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Foto: Ronny Ristok
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„Die benutzte Braut“ – Smetana-Premiere als perfides Satyrspiel in Altenburg

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Einfach fällt die Würdigung dieser Premiere nicht. Da gibt es stellenweise ein Zuviel an Ausdrucksmitteln zwischen ambitionierter Ausstattung und (über-)griffigem Lustspiel. Auf alle Fälle hat es sich das Musiktheater Altenburg-Gera mit dem tschechischen Nationalheiligtum „Die verkaufte Braut“ in der deutschen Übersetzung von Kurt Honolka nach einer bewundernswerten Kette von Premieren mit dem triumphalen Höhepunkt von George Enescus „Oedipe“ nicht leicht gemacht. Hinter der bunt frisierten „Volksoper“ blitzt es geistesgewandt.

300 Gulden hatten in der Entstehungszeit von Bedrich Smetanas „Die verkaufte Braut“ um 1866 den Wert von 4.020 Euro. Das ist äußerst preisgünstig für den schriftlich fixierten Verzicht auf ein vermeintliches Lebensglück, den Hans im zweiten Akt leistet. Noch verrät er aber nicht, dass auch er mit diesem Kontrakt als legitimer Heiratskandidat für die im Dirndl wie am Ende im Rotlicht-Outfit fesche und resche Marie in Frage kommt.

In Landestheater Altenburg beginnt diese musikalisch traumhafte und inhaltlich doch so perfide „komische Oper“ bewegend. Dann verführt die Künstlerin Irene Suhr mit stilisierter Folklore und verschwenderisch viel rotem Mohn, der immer und immer wieder nur das „Delta der Venus“ meint, den inszenierenden Generalintendanten Kay Kuntze zu überbordenden und ausfasernden Regieideen. Das Finale ist definitiv trostlos, weil der stotternde Wenzel nach dem Schacher mit Marie, wie in jüngeren Produktionen häufiger erlebt, eben nicht gemeinsam das Weite sucht: Auch er sieht in ihr, so denkt sie irrtümlich, nur das Sexobjekt. Traurig.

Das verstellt etwas den Blick auf Szenen, in denen jenseits von Farbe und bewegungsintensiver Exaltation das „aufgesexte“ Geschehen mit menschlichem Tiefgang ausgelotet wird: Während der Ouvertüre sitzt Marie als kleines Mädchen unter dem Holztisch, auf dem Micha (Kai Wefer) ihren bis dahin vermögenden Vater Krušina (Alejandro Lárraga Schleske) beim Kartenspiel abzockt und in die Schuldenfalle zwingt. Nicht nur Geld nimmt Micha mit, sondern entreißt der kleinen Marie auch noch, anzügliches Tätscheln muss sein, ihre Barbie-Puppe! Alles klar.

Die Dorfgemeinschaft kultiviert aufgeklärtes Brauchtum wie Wadeln-Greifen (die Herren bei den Damen) und Hintern-Grapschen (die Damen bei den Herren). Zum Verhandlungsgespräch lädt der steinreiche Heiratsvermittler Kecal den auszubremsenden Hans ins Massagestudio mit willigem Serviceteam. Zwischen Hans und Marie geht es einmal mit gegenseitiger Zartheit, einmal böse vergewaltigend zur Sache. Jeden Fremdkörper wie den eleganten Wenzel mit Freier-Sträußchen befördert man gewalttätig ins Bier-Koma. Das ist normal.

Irene Suhr und Kay Kuntze machen aus der „Verkauften Braut“ aber kein Rüpelspiel der Dorfdeppen, sondern stilisieren alles mit einer Edelkollektion, die fürs Oktoberfest viel zu erlesen wäre. Die in Hinblick auf freisinnige Erotik den Männern gleichgestellten Dorfschönen attackieren Hans mit aggressiven Schlägen. Der Wanderzirkus, der mit dem geliebten Geraer Tenor-Veteran Günter Markwarth als Direktor schon vor Beginn auf dem Theatervorplatz eintrifft und dort in der Pause zu clownesken Scherzen lädt, bietet in erster Linie attraktiv verpacktes und äußerst agiles Frauenfleisch. Die herrliche, hier etwas reifere „Seitenspringerin“ Esmeralda (Miriam Zubieta) ist mit professioneller Attitüde bereits, was die verzweifelte Marie erst wird: Ein aus Frust und Verstörung geborenes Luder, dem keine andere Wahl bleibt. Über alles legt Irene Suhr eine immer größere Fläche aus rotem Mohn, auch wenn der für Marie und ihrem Hans schon längst aschfarben verblüht ist. Ein emotionaler Tragödiensplitter: Durch die Sprache der Körper lassen sich Missverständnisse und Leid nicht mehr kitten. Motorische Permissivität und Spaßfaktoren überlagern in dieser Gemeinschaft jeden Ausdruck von Sensibilität, sogar bei den proper angepassten Müttern Ludmilla (Béela Müller) und Hata (Michaela Mehring). Die bunte Oberflächenpolitur von Irene Suhr bestätigt das.

Da tanzt, tändelt und rammelt der Opernchor ohne Hilfe von Seiten des Balletts durch den Abend und klingt teils elegant, teils kantig. Chordirektor Holger Krause und Takahiro Nagasaki am Pult des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera ziehen an einem Strang. Neben herrlich blühenden Streicherkantilenen gibt es immer wieder kantige Beschleunigungen. Die gestärkte Spitzendecke ist also zu kurz und schmal für die angekratzte Tischplatte aus Resopal. Die Eltern und anderen kleinen Rollen sind allesamt glänzend besetzt. Über eine Marie wie Anne Preuß wären weitaus größere Bühnen beglückt und der lyrisch aufblühende Wenzel von Timo Rößner greift ans Herz der Hörer. Mit einigen verzögerten und zurückhaltenden Phrasen macht Ulrich Burdack musikalisch deutlich, dass dem prahlerischen Kezal vielleicht doch nicht immer ganz wohl ist bei seinem Job. Am deutlichsten steht János Oscovai nicht nur in der Tradition des vor einem halben Jahrhundert in Prag führenden und stilprägenden Ivo Zidek, sondern auch für den stilisierenden Anspruch der Produktion: Kein tenoraler Strahlemann, sondern einer, der leicht kehlig und mit stimmlicher Akkuratesse eine kraftvoll präsente Männerfigur von hemdsärmeliger Sinnlichkeit modelliert. Vor allem für das hochklassige Trio, zu dem er, die edelstimmig blühende Anne Preuß und der sensible Timo Preuß werden, lohnt ein Zwischenstopp in Altenburg oder in Gera.

  • Wieder am Do 31.05./14.30, So 17.06./14:30 und im Theater Gera ab 19. Oktober 2018 - www.tpthueringen.de – Tel: 0365-8279105

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