Vor dem Theater demonstriert eine Gruppe „Omas gegen rechts“ gegen die bevorstehende Uraufführung. Doch die Frauen gehören zur Inszenierung und skandalisieren das vermeintlich rechtsradikale Machwerk nur zum Schein. Theater im Theater ist dann auch eine von Intendant Florian Lutz moderierte Gesprächsrunde. Unter dem Interim des Staatstheaters Kassel habe man Reste einer spätmittelterlichen Raubritterburg gefunden und diskutiert deswegen mit Archäologin, Journalist und Stadtgesellschaft über Erbe, Geschichte, Gedächtnis sowie die Rolle von Kunst und Kultur bei der Verteidigung der Demokratie gegen Hass und Hetze.
Maren Engelhardt (Wilhelmine Freifrau von Schierling), Johannes Strauß (Burgherr Matzek) und Statisterie. Foto: Sylwester Pawliczek
Die Meisterschwurbler von Kassel
Allzu detaillierte Ausführungen der Ausgrabungsleiterin quittiert das Publikum – beziehungsweise die Statisterie – schon bald mit lautstarkem Gähnen. Schließlich sprengt eine Wehrsportgruppe den matten Austausch von Worthülsen und entrollt ein Spruchband: „Die Toten sindʼs, in denen Leben wohnt.“ Spätestens jetzt sollte es ernst werden. Zu Beginn der eigentlichen Premiere von „Zornfried“ mit Musik von Philipp Krebs auf ein Libretto von Jörg-Uwe Albig nach dessen gleichnamigem Kurzroman betritt der Reporter Jan Brock (Schauspieler Aljoscha Langel) lässig und cool mit zerrissener Jeans und Zöpfchen, von einer Live-Kamera gefilmt, die Theaterbühne wie die Burg Zornfried. Hier formieren sich deutschnationale Rassisten und völkische Naturanbeter um den Dichter Storm Linné. Dessen Lyrikband „Weiße Weihe“ raunt in dunklen Bildern von Leben und Tod, Blut und Boden. Das Idol hetzt gegen Ausländer, Schwule, Moderne, Sittenverfall und appelliert an Manneskraft, Härte, Familie, Nation. Mit Betreten der Burg wird das Sprechtheater zur Oper. Burgherr (Johannes Strauß) und Freifrau (Maren Engelhardt) singen zunächst rezitativisch, dann deklamatorisch, schließlich arios und immer kraftvoller. Zu weihevollen Posaunenakkorden verbinden sich die beiden blondierten Bestien zu einem ekstatischen Duett. Mit der Beschwörung des „ewigen deutschen Waldes“ dreht sich die Tribüne samt Publikum auf die Rückseite des Saals zu raumgreifenden Videos von Rosa Wernecke. Die Burgherrin schreitet durch einen projizierten Forst und singt einen Linné-Hymnus auf Stein, Moos, Huflattich, Farn, Buche, Esche, Eiche.
Den Lobgesang krönen strahlende Quint-Quart-Motive wie bei Wagner oder Strauss. Es folgen schmetternde Jagdfanfaren, triumphale Akkorde, weit gezogene Geigenkantilenen und ein eindringlich sich höher schraubendes Marschmotiv. Philipp Krebs beschwört mit dem Staatsorchester Kassel unter Leitung von Viktor Jugović spätromantische Pathosformeln, um sie als Inventar der deutschnationalen Klamottenkiste zu entlarven. Diese Demontage gelingt ihm jedoch nur teilweise. Denn die meisten Stilanleihen sind vieldeutiger und musikalisch ungleich wirkungsvoller als ihre ironischen Brechungsversuche. Beispielsweise werden zackig stampfende Akkorde von Elektronik subversiv infiltriert und dann pulverisiert. Es gelingen aber auch witzige Parodien. Zum Mittagessen servieren die Burgherren das „uralte deutsche Getreide Hirse“ und ereifern sich über den indogermanischen Wortstamm – „hirsi, das heißt Sättigung, hören Sie auf den Klang!“ – mit libidinös verzücktem Endlosgeträller „hirsi, hirsi, hirsi…“.
Die Omas gegen Rechts vor dem Staatstheater Kassel: Was war da los? Die Auflösung und ein Bericht zur Uraufführung von Philipp Krebs’ Neo-Nazi-Oper „Zornfried“ auf Seite 6 dieser Ausgabe.
Letztlich erliegen Libretto und Komposition den spätromantischen und neo-nazistischen Versatzstücken, die am plastischsten geraten und den größten Raum einnehmen. Der Reporter hat dem nur schlappe Vorurteile entgegenzusetzen, statt mit Rückgrat, Scharfsinn und kritischen Nachfragen auf Aufklärung zu dringen. Weil er nur sprechen kann, lauscht er meist als Zaungast den unablässig Strophen des Barden rezitierenden Opernfiguren: „Wo Knochensaat in reicher Erde sprießt / Und Mann für Heim und Herd im Wetter steht…“ Als der geheimnisvolle Storm Linné (Filippo Bettoschi) endlich selbst erscheint, tut er dies wie weiland Gurnemanz in Mönchskutte und Gralsritter Lohengrin von hohen Violinen umschwirrt. Der Poet ist eine Parodie seiner selbst, irrt orientierungslos umher, kann nichts außer Dichten und ist offenkundig nicht ganz bei Sinnen. Statt Übermensch ist das Genie einen armer Trottel. Am Ende faselt er von Fackel und Schwert mit einer Salatgurke in den Händen und stottert wie eine hängende Schallplatte manisch dieselben Verse.
Regisseurin Kerstin Steeb und Kostümbildnerin Hanne Lenze-Lauch kleben an Klischees von Alt- und Neo-Nazis. Die nach Wagner-Figuren benannten Burgtöchter haben alle langes blondes Haar, tragen züchtige weiße Röcke, lächeln unentwegt, legen die Hände artig in den Schoß, falten weißes Linnen, schrubben mit munteren Wiegeschritten den Boden. Neben den braven Heimchen vollführen Halbstarke läppische Kraftübungen, hantieren mit Sportbänken, posieren mit geballten Fäusten, hissen Standarten. Doch mit solcher Folklore haben die neuen Rechten kaum mehr zu tun als Siegfrieds Schwert mit den Propagandawaffen der heutigen Sozialen Medien. „Zornfried“ erzählt bloß von Märchen-Nazis. Echte Nationalisten hören heute keinen Wagner, sondern rechtsradikalen Metal, Rock, Rap und Partyschlager. Sie lesen auch nicht mehr Ernst Moritz Arndt, Felix Dahn, Ludwig Thoma, Josef Weinheber, Hermann Löns oder wer sonst noch alles für das Geschwurbel des Storm Linné Pate gestanden haben mag. Die neuen Rechten sind keine geheimbündlerischen Spinner, verträumten Waldläufer und in Biofood verliebte Mittelalter-Schwärmer auf einer abgelegenen Burg in irgendeinem deutschen Mittelgebirge, weit weg von allem, ewiggestrig, lächerlich, abgehoben, ungefährlich. Stattdessen sind es kühle Strategen, Demagogen und global vernetzte Medienprofis, die in manchen Ländern längst die Schaltstellen von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft besetzen. Die Meisterschwurbler von Kassel sind daran gemessen nur harmlose Pappkameraden.
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