Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den anschließenden Kriegen Israels gegen Gaza, Libanon, Westjordanland, Syrien und Iran kommt es vor, dass jüdische Musikerinnen und Musiker von Festivals ausgeladen, von Auftritten und Preisen ausgeschlossen werden, nur weil sie Juden und/oder israelische Staatsbürger sind. Denn Feindbilder differenzieren nicht, sondern werfen Menschen in denselben Topf, nur weil sie beispielsweise eben Juden sind oder Muslime, Migranten, Frauen, Schwule, Ossis, Alte… Da ist es umso wichtiger, einzelne Gesichter zu zeigen und Stimmen hören zu lassen.
Der Schofar-Spieler und Hornist Bar Zemach. Foto: Kay Uwe Fischer
Ein Festival jüdischer Musik
Genau das tut „Shalom Musik Koeln“. Alle zwei Jahre vom „Kölner Forum für Kultur und Dialog“ veranstaltet, will das Festival jüdische Kultur als selbstverständlichen Bestandteil des Lebens in Deutschland zeigen, statt nur im Kontext von Verfolgung, Exil und Holocaust. Den mindestens ebenso wichtigen Dialog zwischen den in Nahost bitter verfeindeten Nationen befördert das Festival leider nicht. Doch weil es umgekehrt auch keine musikalische Initiative aus den Reihen der fast sieben Millionen Muslime in Deutschland gibt, die auf die gerade einmal zweihunderttausend Juden zugehen würde, bleibt es einstweilen umso wichtiger, der kleinen Minorität zumindest ein Forum für die Vielfalt ihrer Musik unterschiedlicher Epochen, Weltgegenden und Stile zu bieten. Der Trägerverein wurde deswegen soeben mit dem Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung ausgezeichnet.Die Leiterinnen Claudia Hessel und Ulrike Neukamm stellten das Festival 2026 unter das Motto „Zuhören“. Das zielte ebenso auf Musik, Lyrik und Lebensgeschichten wie auf Dialog, der nun mal Zuhören voraussetzt. Zehn Tage lang gab es an verschiedenen Spielstätten jüdische Alte und Neue Musik, Psalmen, Orgelmusik, Klassik, Jazz, Chanson, Comedy, Klezmer, Folk, Elektronik, Familienkonzerte, Gespräche, kostenlose Kurzkonzerte, und einen Rundgang des Kölner Alpenvereins zu ausgewählten Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig für ehemalige jüdische Vereinsmitglieder.
Beim Eröffnungskonzert in der Flora ertönte das althebräische Schofar mit einem eindringlichen Ruf, der dazu auffordert: höre! Artist in Residenz war der Schofar-Spieler und Hornist Bar Zemach. Er studierte an der Universität der Künste Berlin und ist seit 2022 Solohornist des zu gleichen Teilen aus jungen israelischen und arabischen Musikern bestehenden West-Eastern Divan Orchestra. Statt auf dem originalen Widderhorn, das kaum mehr als einen Ton erlaubt, bläst er das gewundene Langhorn einer afrikanischen Antilope mit fantastischer Varianz an Tonhöhen und Klangfarben. Einen einzigen Liegeton macht er zu einer kompletten Geschichte von Werden, Aufblühen, Leben und Vergehen.
Durch den Abend führte die Berliner Sängerin und Schauspielerin Sharon Brauner mit der Lebensgeschichte von Hilde Domin. Die jüdische Dichterin wurde 1909 in Köln als Hildegard Dina Löwenstein geboren, musste 1933 ins Exil gehen, nach Italien, England und Kanada. Schließlich fand sie Asyl in der Dominikanischen Republik und wählte danach ihren Künstlernamen Domin. Heimatverlust und Migration verarbeitete sie in ihrem 1959 veröffentlichten ersten Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“, der schnell zahlreiche Neuauflagen erfuhr.
Als Uraufführung erklangen vier Lieder des israelischen Komponisten Shay Cohen für Männerchor, Klavier und Horn auf Gedichte von Domin, die sich bruchlos in den leichten Unterhaltungston des gesamten Programms einfügten. Das erste Lied „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“ tastete mit unruhig überlappenden Wiederholungen auf der Stelle, um sich plötzlich zum weit gespanntem Gesang aufzuschwingen. Als die Dichterin 2006 im Alter von 96 Jahren in Heidelberg verstarb, erhielt ihr Grabstein eben diesen Vers. Zwischen den mehr oder minder beziehungsreichen biographischen Hinleitungen sang Brauner mit dem Trio „The Toy Goys“ jiddische Lieder und Schlager. Der Kammerchor des Kölner Männer Gesang Vereins unter Leitung von Bernhard Steiner bot heitere Stücke jüdischer Musiker: Comedian Harmonists, Offenbach, Gershwin und Mendelssohns witzige Herz-Schmerz-Parodie „Liebe und Wein“. Auch als Backstage Boys legten die Choristen sanfte Harmonien unter die Solisten und luden mit der Zugabe schließlich zum Mitsingen ein: „Unser Stammbaum“ der Black Fööss feiert die Stadt am Rhein von den Römern bis heute als zweitausendjährigen Melting Pot: „Ich bin Grieche, Türke, Jude, Moslem un Buddhist, mir all, mir sin nur Minsche, vür’m Herrjott simmer jlich.“
Erneut zu erleben war der Schofar-Spieler beim Gastspiel des Jewish Chamber Orchestra Hamburg in der 2010 zur Eventlocation VENTANA säkularisierten Waisenhauskirche „Zur Heiligen Familie“ von Dominikus Böhm in Köln-Sülz. Im uraufgeführten „Hineni – Here I am“ des New Yorker Kantors und Komponisten Gerald Cohen erwies sich das voll melodiefähige Antilopen-Schofar jedoch als Solitär, dessen besondere Klangfarbe und Intonation keine andere musikalische Gefolgschaft verträgt. Die verarbeiteten Synagogal-Gesänge hätten rein solistisch stärkere Wirkung getan. Nach Mahler und Piazzolla setzte Bar Zemach den Schluss- und Höhepunkt mit der „Chassidischen Rhapsodie“ des sowjetischen Komponisten Lev Kagan. Was man sonst von der Klezmer-Klarinette kennt, vermag hier dank des sagenhaften Musikers auch das Horn: weinen, lachen, strahlen, schnattern, jauchzen.
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