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Alexander Schubert, „Eternal Dawn“, Kampnagel Hamburg. Foto: Thaïs Breton

Alexander Schubert, „Eternal Dawn“, Kampnagel Hamburg. Foto: Thaïs Breton

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Ein Hochamt für den Homo digitalis

Untertitel
Alexander Schuberts Hokuspokus „Eternal Dawn“ in Hamburg
Vorspann / Teaser

Bereits zum Einlass tönt technoides Sirren, Dröhnen, Knistern. Dazu leuchten Dioden von der Decke und bewegen sich Tänzerinnen wie Roboter motorisch zuckend über die Spielfläche. Das Publikum flaniert entlang Auslagen mit chiroplastischen Nasen, Orthesen, Prothesen, Zahnimplantaten, künstlichen Gelenken, Gliedmaßen, Schädel- und Rückgratverstärkungen. Homo sapiens ist eben nicht perfekt, sondern leidet unter Verschleiß, Verletzungen, Krankheiten, Alter sowie beschränkten Sinnen und Körperkräften. Seine limitierte anthropologische Grundausstattung kompensiert er mittels Werkzeugen, Medizin, Technik und Medien. Der Mensch ist Schöpfer seiner selbst und hat Gott nicht nötig. Doch Alexander Schuberts Musiktheater „Eternal Dawn“ trieft geradezu von Religiosität. Wie schon Adorno/Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ am Faschismus aufzeigten, schlägt auch in dieser retrofuturistischen „Brave New World“ technisch-funktionaler Rationalismus in Mythos um.

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Nach der Uraufführung beim Fes­tival Music Strasbourg war die Kampnagel-Produktion nun im Rahmen des „Klub Katarakt 20: Festival für experimentelle Musik“ in Hamburg zu erleben. Zur Initiation werden aus dem Schnürboden zwei Metallapparaturen gereicht. Die prometheische Gabe sind Teleskoparme für eine Performerin, die damit wie einst Dädalus die Flügel schwingen und wie mit Laserkanonen ferne Ziele aufs Korn nehmen kann. Die alten Menschheitsträume vom Fliegen und bequemen Töten auf Distanz werden zur Vision einer Verschmelzung von Mensch und Maschine. Und wie auf Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle kommt es zur kreationistischen Berührung von celester Mechatronik und neuem Adam. Ein vielgliedriger Roboterarm kreist von der Decke, durchleuchtet wie Big Brother den Raum und haucht einem Cyborg per Display seinen Pixel-Odem ein. Das Hochamt für Homo digitalis ereignet sich im Mittelpunkt eines weißen Bühnenkreises auf einem heb- und senkbaren Podest. Auf diesem Altar des Transhumanismus wird auch eine Tänzerin rituell geopfert. Als einzige aller sieben Performer verkörpert Tasha Hess-Neustadt eindrücklich die motorgetriebenen Abläufe von Robotern. Der allmächtige Roboterarm senkt sich über die Frau, begafft sie mit wahlweise rot oder weiß leuchten­dem Monitor, bedrängt sie aggressiv, scheucht sie umher und scheint sie wie ein überlanger Phallus irgendwie zu penetrieren. Dazu flackert Blitzlichtgewitter, orgeln mächtige Drones, wabert reichlich Kunstnebel und tönen geklonte Himmelschöre wie aus interstellaren Sphären. Nach der Orgie ist jedoch nicht die Tänzerin schwanger, sondern ein zuvor reglos hinter Kunststoffplanen wie in einer Quarantänekammer kauernder Mann. Dieser besteigt nun den Labortisch. Wie unter Wehen presst und zerrt er aus seinem aufgeblähten Unterleib ein Stück Fleisch. Das mühevoll entbundene Schnitzel wird dann einem schwarzen Apparat implantiert, der prompt zum Leben erwacht und fortan als hektischer Roboter-Vierbeiner durch die Szene dackelt und mit seinem platten Bildschirmgesicht treuherzig ins Publikum blinkt.

Über dem Altarraum thront der durch Silikonaufsätze zu künstlicher Fettleibigkeit augmentierte Zitherspieler Leo­pold Hurt. Dank zweier Roboterarme kann er drei elektronisch verstärkte und transformierte Instrumente gleichzeitig bespielen. Auch dem Schlagzeuger Jonathan Shapiro – wie Hurt, Andrej Koroliov und Sonja Lena Schmidt vom Ensemble Decoder – assistieren zwei Roboterarme, deren täppisches Tentakeln allerdings weit hinter jedem nur leidlich versierten Drummer zurückbleibt. Welchen Sinn machen solche infrahumanen Maschinen? Alle Akteure tragen hautfarbene Ganzkörperanzüge gespickt mit Elektroden, Drähten und Sensoren, so dass sich manche Bewegungen und Vokalaktionen direkt in elektronische Klänge übersetzen. Zum Schluss verkabeln sich alle Hybridfiguren wie die Schwarmintelligenz der Borg aus der Serie „Star Trek“ zum gemeinsamen Ringelpiez, obwohl sich die Menschheit doch längst wireless connectet. Christian Wiehles Bühnenbild und Colette Sadlers Choreografie wollen wie die kryptische Handlung bedeutungsvoll sein und Grenzen überschreiten.

Leuchtende Stäbe und Rechtecke senken sich von der Decke und fahren wieder hoch, blitzen und flackern, teils unabhängig, teils exakt mit den elektronischen Zuspielungen synchronisiert. Doch alles bleibt prätentiös, ausdruckslos, ornamental, will ernst sein und wirkt doch nur unfreiwillig komisch. Dem Leerlauf versucht Schubert mit hochenergetischen Sounds und immersiv brummenden Subwoofern abzuhelfen.

Die fetten Klänge wollen überwältigen und geil sein, geizen aber an Varianz, Differenzierung, Entwicklung, bleiben atmosphärisch und erhellende Verbindungen mit dem kruden Kultus schuldig. Für das Verständnis macht es schlicht keinen Unterschied, ob es mal knistert oder dröhnt. In der letzten Szene „Reset all Parts“ geht der ganze Kokolores zurück auf Los, als würde die Morgendämmerung dieser digitalen Gott- und Menschheit in ewigem Kreislauf wieder von vorne beginnen, nur dass das anfangs neugierig gespannte Publikum jetzt den müden Mummenschanz enttäuscht und lediglich matt applaudierend verlässt.

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