Das mit dem „Werk“ ist so eine Sache. Alexander Borodin hat von 1869 bis zu seinem Tod 1887 mit dem Text und der Komposition des mittelalterlichen „Lieds von der Heerfahrt Igors“ gerungen. Inmitten der Künstlergruppe des „Mächtigen Häufleins“ haben vor allem Nikolai Rimski-Korsakow und Alexander Glasunow den Freund Borodin bestärkt, unterstützt, Skizzen gerettet, Teile zusammengefügt und schließlich 1890 eine Uraufführung bewerkstelligt. Die anschließende Fassungsvielfalt ist in München Ausgangspunkt …
Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), Matija Meić (Fürst Igor), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow), Dieter Fernengel (Alexander Borodin), Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz. © Markus Tordik
Ein Mahnmal aus beseelten Tönen – Am Münchner Gärtnerplatztheater beeindruckt Alexander Borodins „Fürst Igor“
Lange vor der Premiere müssen sich Chefdirigent Rubén Dubrovsky und Regisseur Roland Schwab zusammengesetzt haben … und wenn dann noch ein Dramaturg wie Michael Alexander Rinz mitarbeitet – dann kommt ein Borodin-Abend zustande, der Kernanliegen des Komponisten als „Musiktheater für 2026“ formt.
Musikgeschichtlich wollte Borodin an der Neuausrichtung einer „russischen Musik“ im berühmten „Häuflein“ mitwirken. Heroische Heldenlieder wie die Kämpfe der Kyjiwer Rus gegen die Polowetzer sind um 1850 anders als heute – und speziell derzeit! – gelesen und eingeordnet worden. Dann war Borodin begeisterter Professor für Chemie, veröffentlichte bis heute gültige Wissenschaftsartikel und setzte sich für das Studium von Frauen ein. Er war Pazifist und hoffte bezüglich des russischen Großreichs auf ein friedliches Zusammenwachsen der Völkerschaften. Die kulturelle Vielfalt, insbesondere die Klangwelt des Orients inspirierten ihn. Da wucherte die Komposition des „Fürst Igor“ aus – statt zusammenzuwachsen.
Eine Anekdote hat das Münchner Produktionsteam als Ausgangspunkt genommen: Borodin spielte den Freunden mehrfach am Klavier vor und Glasunow soll die Ouvertüre aus dem Gedächtnis niedergeschrieben haben. Also öffnet sich der Vorhang zum vornehmen Salon Borodins (Bühne: Piero Vincoguerra), wo er (Schauspieler: Dieter Fernagel) von Rimsky-Korsakow (Vladimir Pavic) und Glasunow (Tobias Kartmann) immer wieder an den Flügel genötigt wird. Dann wechselte das Licht (Regisseur Schwab und Peter Hörtner) und in der Imagination Borodins drängte durch die hinteren Türen Igor mit seinem Heer, besetzte den Flügel als Podium und mit geballter Chorkraft (Einstudierung Pietro Numico) setzte der Kriegswahnsinn ein. Mit den Freunden, aber auch allein dirigierte, ordnete und während der „Polowetzer Tänze“ (gut eingefügte Choreografie Karl Alfred Schreiner und Patrick Teschner) träumte Borodin durchgängig das Werk – was die drei Darsteller perfekt „stumm erzählend“ mit den Musiknummern verbanden, bis hin zum Tod Borodins im Tanz.
Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), Dieter Fernengel (Alexander Borodin), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow), Foto: © Markus Tordik
Nach der Pause stand sein Sarg vorn am Bühnenrand – und auch daraus schlug die Inszenierung bedrängende Funken: Der von Igor eingesetzte Vertreter Galitzky (überzeugend widerlich Timos Sirlantzis) ist ein typischer „Kriegsgewinnler“, der Orgien feierte, Frauen vergewaltigte und auf dem Sarg tanzen ließ … Derweil war der Salon aufgebrochen, zeigte zu den Tänzen eine idyllische Steppenlandschaft, dann zu Igors Niederlage einen brennenden Panzer und schließlich ein Gefängnisgitter. Dazu haben die Werk-Bearbeiter Rimski-Koskakow und Glasunow Igors treuer Frau Jaroslawna ihre große, alles Kriegsleid beschwörende Klageszene belassen – und Réka Kristóf machte das mit mühelos großem Sopran zu einem Zentrum des Abends. Nach Igors Auftrumpfen und dem für alle Militaristen typischen „Ich musste das tun“ gelang Bariton Matija Meić auch das Scheitern in den Armen seiner Frau düster ernsthaft. Zuvor hatten Tenor Arthur Espiritu als Igors Sohn und – schon da betörend – Altistin Monika Jägerová als „feindliche“ Khan-Tochter Kontschakowa kurz ein zwischen den Fronten unmögliches Liebesglück vokal leuchten lassen.
Doch so wie Igor scheitert und dennoch von neuem in den Krieg ziehen will, wollte das Produktionsteam in unseren Zeiten das in mehreren Fassungen existierende „Werk“ nicht enden lassen. Also holte nach Igors Verstummen die Khan-Tochter den Komponisten Borodin aus dem Off an den Flügel: Er hatte auf den Tod Modest Mussorgskys das Puschkin-Gedicht „Für die Ufer deiner fernen Heimat“ vertont – eine tränenrührende Klage über das Scheitern einer Liebe. Hatte bislang das in voller Besetzung differenziert aufspielende Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz die beeindruckende Vielfalt von Borodins Komposition Klang werden lassen – leises Gefühl, wuchtiges Kriegsgetöse, melodiös groß ausholende Emotion – so saß jetzt Mairi Grewar am Klavier unten – und vor der dunklen „Chor-Mauer“ aus den in jedem Krieg zentral Leidenden, den Frauen und Kindern, machte daraus abermals Monika Jägerová mit mal pastos strömenden, mal leidvoll glühenden Alt-Tönen den finalen Höhepunkt des Abends: nichts von aktueller „Anti“-Modernisierung, sondern ein Mahnmal aus beseelten Tönen, das den Abend erst in stummer Dunkelheit enden ließ, ehe dann doch Beifall und Bravi losbrachen. Münchens „anderes Opernhaus“ besitzt mit dieser „Igor“-Produktion das bislang alles überragende „Musiktheater 2026“.
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