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Nora Lentner (Beate), Chor der Oper Leipzig. Foto: © Tom Schulze

Nora Lentner (Beate), Chor der Oper Leipzig. Foto: © Tom Schulze

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Eine Frau, die sich nicht traut: Verhaltenes Publikum bei Bernd Mottls Inszenierung von „Regina“ für Lortzing26 in Leipzig

Vorspann / Teaser

Mit Albert Lortzings Dialogopern wird es heutzutage immer schwieriger. Als Denkzettel für andere Theater und Versuchsaufstellung zu Lortzings Gegenwartsrelevanz hat das Leipziger Festival Lortzing26 zum 225. Geburtstag und 175. Todestag des Dichterkomponisten große Bedeutung. „Undine“ und „Regina“, also die zwei Bühnenwerke, mit denen Lortzing zur romantischen und zur großen Oper durchbrechen wollte, stehen in Leipzig leider nur noch diese Spielzeit und zum Festival Lortzing26 auf dem Spielplan. Bernd Mottl verband in seiner Inszenierung von zu Lortzings Lebzeiten unaufgeführter Revolutionsoper von 1848 Gründerzeit, Gegenwart und groteske Kriegstreiberei. Jacquelyn Wagner glänzte stimmlich und blieb angemessen blässlich als großbürgerliche Tochter, die den Absprung NICHT schafft.

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„Undine“ war der Start von Intendant Tobias Wolff 2022 und kam schlecht an. Die ambitionierte und bei weitem nicht ausverkaufte Premiere von „Regina“ hat weitaus mehr künstlerisches Glück und konzeptionelles Geschick. Doch darauf reagierte das Publikum mit Schweigen und eher verhaltenem Schlussapplaus. Das sagt einiges aus über Deutschland im Frühling 2026 und zeigt, dass in Leipzig nicht einmal Kulturwerbung mit der Keule Regionalstolz zum Wunschziel eines vollen Hauses führt. Zumindest, wenn man ein Werk mit so wohltemperiertem Ernst nimmt wie Bernd Mottl, sein Team und der Lortzing im großen Zeitgeist zwischen Weber, Wagner und Meyerbeer kongenial verortende Dirigent Constantin Trinks. 

Die Leipziger Neuproduktion, von der es nur fünf Vorstellungen und keine Wiederaufnahme geben soll, ist gewiss der wichtigste „Regina“-Rezeptionsmeilenstein seit der Inszenierung von Peter Konwitschny für Gelsenkirchen 1998. An dieser starken Oper musste Mottl kaum etwas ändern. Nie war Lortzing in der Instrumentation näher an Beethoven und Weber. Einige Stellen klingen so, als hätte er in die „Tannhäuser“-Partitur geblickt und nach seinem Umzug von Leipzig nach Wien Meyerbeer-Studien betrieben. Dabei ist das ganze „Regina“-Werkgebilde fest im deutschen Schaffen verankert, italienische oder französische Einflüsse sind peripher. Die Konstellation zwischen der Finanzierstochter Regina, deren wortgeschmeidigem Verlobten Richard und dem Arbeiterrebellen Stephan ähnelt den Frauenfiguren zwischen dem „Vampyr“ und Aubry bei Marschner, dem „Holländer“ und Erik bei Wagner. Aber – da stimmen die Lortzing-Vorurteile – Regina zögert doch vor dem Ausbruch und bleibt in ihrer Sphäre. Musikalisch ist Lortzing da zwar musikalischer Realist nach der Definition von Carl Dahlhaus, aber Entgrenzendes bleibt aus und das private Finale – schaut man bei Mottls Figurenzeichnung genau hin – gerät doch etwas enttäuschend.

Der wichtigste „Regina“-Rezeptionsmeilenstein seit der Inszenierung von Peter Konwitschny

Äußerst raffiniert fusionieren Mottl und der Bühnenbildner Friedrich Eggert die Zeitebenen Gründerzeit und Gegenwart. Die um Lohnerhöhung fightenden Arbeiter dringen in den auf altdeutsche Art vertäfelten ‚Ahnensaal‘ der Firmenspitze. Regina wird in die Unterwelt des Konzerns verschleppt – in einen hellhölzernen Kantinenraum. Lortzings martialische „Deutschland“-Gesänge am Ende der Oper galten der Sehnsucht nach einem einig‘ Vaterland. Mottls Eliten dagegen verbarrikadieren sich mit Sekt und Feierlaune in einem tumben Historismus vor den Gehaltskämpfen außerhalb ihrer Bubble. Das Leipziger Publikum schluckte stumm. Ein besseres Zeichen für die von der Stadtspitze so ersehnte Lortzing-Relevanz ist kaum vorstellbar. Die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, eine Leipziger OB-Kandidatin, saß im Parkett. Aus Projektionen erinnern Texte von Lortzings Freund Robert Blum an die Werte der sozialen Marktwirtschaft. 

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Oliver Weidinger (Simon), Jacquelyn Wagner (Regina, links neben ihm), Ensemble und Komparserie der Oper Leipzig. Foto: © Tom Schulze

Oliver Weidinger (Simon), Jacquelyn Wagner (Regina, links neben ihm), Ensemble und Komparserie der Oper Leipzig. Foto: © Tom Schulze

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Erst richtete sich das Wettrüsten und Geschäftsgeifern auf der Bühne gegen den Feind draußen. Dann fallen alle in feschen Tarnmänteln (Kostüme: Alfred Mayerhofer) übereinander her, bis der Vorhang fällt und die einsame Regina sich Richtung Orchestersteg rettet. Jetzt ist sie noch traumatisierter und weiß noch weniger, wie es weitergeht. 

Es gibt viel und – bei Lortzing ungewohnt – auch Virtuoses zu singen. Jacquelyn Wagner legt den ganzen Aplomb einer im Zenit stehenden jugendlich-dramatischen Stimme in die Titelpartie. Dabei bewahrt sie sich vor szenischem Überdruck und wirkt in der Doppelaufgabe als distinguierte Repräsentantin und mitfühlender Frau überzeugend. Andreas Hermann als Verlobter Richard zeigt amtsaffinen Opportunismus in einer mit vielen hohen Tönen ausgestatteten Partie. In der ersten Arie macht das Eindruck, später wird durch das schemenhaft Unpersönliche durch Hermanns akkurate Tonproduktion deutlicher. Solche Details tragen zur hohen Qualität der Premiere bei. Mathias Hausmann geht in der Charakterisierung des „wilden Stephan“ voll auf: Schlechte Kindheit, fiese Verwandte und Unglück von der Stange. Im paradoxen Duell aus Druck und Emotion blühen Reginas Szenen mit dem Entführer auf. Nur fordert Lortzing statt Geisterschiff oder Mondlicht einen Pulverturm und Mottl zeigt ein Sprengkopfdepot mit krassen Profitchancen. 

Klug geschärfte Szenen und tolle Darsteller: Nora Lentner gibt als Beate eine durch Risse im Ablaufprotokoll an den Rand des Nervenzusammenbruchs schlitternde Klemmbrett-Lady zwischen dem Rüstungsboss Simon (Oliver Weidinger in großbürgerlicher, also nicht spaßhafter Gutsherrenart) und dem an Blässlichkeit dem Aufsteiger Richard ebenbürtigen Kilian (Dan Karlström). Marie-Luise Dreßen wertet als dessen Mutter Barbara das hitverdächtige Lortzing-Strophenlied zum Chanson auf. Marian Müller wirkt als Partisan Wolfgang weitaus sympathischer als die Funktionshülsen auf der Chefetage. Der proaktiv mitmachende Chor (Leitung: Thomas Eitler-de Lint) ist ein wichtiger Mitspieler dieses vitalen Panoramas aus lohnabhängigen Streikenden, den gar nicht so gewalttätigen Opponenten und langweiliger Billig-Schickeria. Fast gerät diese um 1848 absolut ungewöhnliche Zeitoper zum theatralen Roman. Die Inszenierung würde man an einem Ruhrpott-Opernhaus sicher besser verstehen als in der Musikstadt, wo man Mottls beißenden Humor mit bleiernem Ernst abschmetterte. 

Der Stolz aufs Gewandhausorchester ist vollauf berechtigt. Es war gut, Constantin Trinks ans Pult zu holen. Aber auch diese Produktion verschwindet vom Spielplan, bevor sich deren künstlerisches Gelingen überregional herumsprechen kann. Schade für Lortzing und schade auch für die Oper Leipzig mit ihrer als leutseliger Bürgernähe getarnten Angst vor allem, was sie durch strukturellen Mut und Beharrlichkeit überdurchschnittlich und außergewöhnlich machen könnte.

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