Frank Hilbrich leitet seit dieser Saison das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier und stellt sich mit einem Publikumsliebling als Regisseur vor. Giacomo Puccinis Oper Tosca verdichtet er zu einem spannenden Drama um Macht und Liebe. Dabei zeigt er inszenatorisches Profil, inklusive einiger Freiheiten.
Tosca im MiR Gelsenkirchen, Alejandro Lárraga Schleske, Margarita Vilsone. Foto: Jochen Quast
Frank Hilbrich zeigt mit Puccinis „Tosca“ sein Regieprofil
So ist das mit den Regisseuren: Sie wollen – und sollen – eine eigene Handschrift zeigen, ein individuelles Profil entwickeln und neue Aspekte eines Stoffes offenlegen. Das tut auch Frank Hilbrich, der mit Tosca bei seinem Einstand als Regisseur auf eine sichere Bank setzt, hierbei aber durchaus eine eigene Note einbringt. Am Ende etwa lässt er Tosca nicht Selbstmord begehen; ihr im Libretto angekündigter Tod wird nur angedeutet, indem ein freischwebendes Dachelement der Kulisse mit einem großen Loch in der Mitte auf sie herabstürzt, während Scarpias Häscher ihr auf den Fersen sind. Lag es vielleicht daran, dass sich vereinzelte Buh-Rufe in den allgemeinen Jubel mischten? Repräsentativ waren die jedenfalls nicht, aber für manchen Hardcore-Opernafficionado als Vertreter der reinen und wahren Lehre gehört das scheinbar zum guten Ton.
Der allgemeine Tenor jedenfalls war ein anderer. Kaum war der letzte Ton verstummt, brach allgemeiner Jubel aus, was zweifelsohne auch den sängerischen Leistungen und einer phänomenal aufspielenden Neuen Philharmonie Westfalen entsprach. GMD Rasmus Baumann treibt das Orchester regelrecht durch den Abend. Puccini beginnt ja schon mit einer schockierenden, aufrüttelnden Attacke, die von Baumann mit größtmöglicher Schärfe genommen wird. Die Dramatik der Partitur befeuert er aus dem Orchestergraben mit einem glutvollen, affektgeladenen Dirigat, dem das Orchester nur zu willig folgt. Zum Glück können die Sänger da mithalten, auch wenn die Grenze zum Gebrüll zuweilen angerissen wird. Aber es ist eben höchst kultiviertes Gebrüll, das da zu hören ist. Dass er auch anders kann, zeigt Baumann nicht zuletzt im dritten Akt, wo er nach Cavaradossis Tod und während Toscas Abgesang Klänge von geradezu verschwebender Zartheit aus dem Orchestergraben strömen lässt. Zum Dahinschmelzen!
Die aus dem Orchester befeuerte Dramatik der Partitur spiegelt sich in den sängerischen Leistungen des Abends. Abraham Bréton als Cavaradossi und Alejandro Lárraga Schleske als Scarpia haben schier unendliche stimmliche Reserven, bleiben aber noch im Rahmen des Statthaften. An Dramatik lassen sie es in ihren Partien wahrlich nicht mangeln. Bréton gibt den unbekümmerten Schönling – und ebenso schön wie dramatisch kann er singen! –, der am Ende von Scarpia skrupellos ermordet wird. Dieser ist ein Fiesling, wie er im Buche steht, und genauso eindrucksvoll wird er von Schleske auch gesungen und gespielt. Als Tosca hinterlässt Margarita Vilsone den vielleicht bleibendsten Eindruck des Abends, nicht nur aufgrund ihrer großen Arien. Vilsone gestaltet ihre Figur brillant, angefangen von der lasziven Attraktivität, die sie im ersten Akt ausstrahlt, bis hin zur abgrundtiefen Verzweiflung und unbändigen Wut, die später dominieren. Auch stimmlich gestaltet sie ihre Rolle sehr glaubwürdig und gibt dem authentischen Ausdruck öfter mal den Vorrang vor allzu glatter Tonschönheit. Schön singen kann sie mit ihrer makellosen Sopranstimme zwar auch, aber die Nuancen abseits davon einzusetzen, das tut sie meisterhaft.
Frank Hilbrich lässt seine Tosca in einer reduzierten Szenerie spielen (Bühne: Volker Thiele). Im ersten Akt sieht man eine stilisierte Kirche, die gleich beim stürmischen Auftakt der Oper verwüstet wird. Als kauziger Mesner dieser Kirche zeichnet übrigens Joachim Gabriel Maaß eine gelungene Charakterstudie. Szenisch gibt es ein paar rätselhafte Details: zwei wie Geister durch die Kirche wandernde weiße Nonnen etwa oder ein Kreuz, das aus der Mauer fällt und eine Öffnung freigibt, die trotz vorhandener Tür als Ein- und Ausstieg in die Kulisse benutzt wird. Merkwürdig ist die Tatsache, dass der Altar auch als Ablage benutzt wird – ein absolutes No-Go in der katholischen Kirche, zumal im frommen Italien. Im zweiten Akt mutiert die Kirche zur Residenz Scarpias: Die Fenster sind vernagelt, der Altar wird zum herrschaftlichen Zentrum der Macht. Später, wenn die Handlung sich zuspitzt, Scarpias Macht sich aber dem Ende und selbige sich seiner Ermordung durch Tosca nähert, fliegt die Kulisse förmlich auseinander. Nur das Dach schwebt dann auf der ansonsten völlig dunklen Bühne frei im Raum. Das geschieht in Zeitlupe, sodass sich spektakuläre, ungemein symbolträchtige Bilder ergeben. Interessantes Detail am Rande: Die Protagonisten, die gerade nicht handlungstragend und in der Aufmerksamkeitshierarchie von nachrangigem Interesse sind, bewegen sich immer in Zeitlupe über die Bühne. Auch das kann man als durchaus symbolträchtige Aktion deuten.
Insgesamt hinterlässt dieser Abend einen gelungenen Eindruck. Bereits der Auftakt ist stark, und die Dramaturgie der Handlung wird immer deutlicher zugespitzt, was nicht zuletzt dem stimmlich und szenisch mit größtem Nachdruck und höchster Intensität agierenden Ensemble geschuldet ist. Auch Leon Noel Wepner als Spoletta, Oliver Aigner als Sciarrone und Yevhen Rakhmanin als Angelotti fügen sich bestens in das Gesamtbild ein. Ein Abend, der insgesamt in bester Erinnerung bleibt.
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